Der Mann in der Arena

Ein Zitat, das mich seit längerer Zeit begleitet stammt aus einer Rede von Theodore Roosevelt. Besonders der erste Teil spricht mich an:

It is not the critic who counts; not the man who points out how the strong man stumbles, or where the doer of deeds could have done them better. The credit belongs to the man who is actually in the arena, whose face is marred by dust and sweat and blood; who strives valiantly; who errs, who comes short again and again, because there is no effort without error and shortcoming;”

Vor meinem inneren Auge sehe ich eine Arena im, alten Rom. Oben auf den Tribünen tausende Zuschauer. Unten im Sand der Arena sind Figuren zu erkennen. Ihre Bewegungen scheinen angestrengt, sie fallen, verletzen sich, sie kämpfen.

Die Gäste auf der Tribüne genießen Wein und Feigen, schauen herab, johlen, brüllen und lachen über Fehler und Misserfolge der Kämpfer. Ein Schwall aus Spott und Besserwisserei ergießt sich in die Arena.

Was erleben die blutverschmierten, dreckigen Kämpfer in der Arena, die den Spott der Zuschauer ertragen müssen? 

Müdigkeit?

Wut?

Angst?

Verzweiflung?

Panik?

Hoffnungslosigkeit?

Diese Gefühle steigen beim Einfühlen in den Arena-Kämpfer in mir auf. Spüre ich weiter hinein, überkommt mich ein dunkler Schauer von Schwere und Depression. Ein solch grausames Leben in der Arena kann sich doch kein Mensch wünschen?! Unten im Dreck, verspottet von den Zuschauern oben auf der Tribüne? Eine höllische Vorstellung.

Was aber passiert, wenn die Zuschauer, der Spott, die Arena aus der Vorstellung entfernt werden? Dieser Zaubertrick ist möglich, weil die grausamen Tribünengäste in aller Regel Teil der eigenen Psychodynamik sind. Eine Stimme im Außen wirkt nur, wenn es im Innen ein Echo, eine Instanz gibt, die ihr zustimmt. Ohne Zustimmung im Innen ist jeder noch so beißende Spott eines Anderen zahn- und harmlos. Die schlimmen Stimmen verstummen zu lassen ist ein Zaubertrick der Übung benötigt, sich aber lohnt.  

Denn ist die Tribüne leer und stumm, bleibt ein Kämpfer im Sand – ein Mensch, ein Ich. Immer noch dreckig, immer noch blutverschmiert, immer noch angestrengt. Mit der Befreiung von den inneren Dämonen und Vorstellungen gesellen sich zu Müdigkeit, Wut, Angst, Verzweiflung, Panik und Hoffnungslosigkeit weitere Empfindungen.

Lebendigkeit.

Freiheit.

Hoffnung.

Die Welt und das Leben liegen vor diesem Menschen. Er erlebt Leid – als Teil des Lebens. Er erlebt und schafft Freude, Glück, Entspannung, als Teil des Lebens. Es kann keinen Schatten ohne Licht geben. 

Ich habe diesen Umstand für mich akzeptiert und kann seitdem viel zufriedener leiden und lachen.

Wer ist eigentlich dieses „Wir“ von dem Alle reden?

Gerade ist sie mir wieder begegnet, die pauschale „Wir“-Formulierung.  Was ich damit meine? Hier einige Beispiele:

  • Wir müssen die Welt retten, derzeit zerstören wir sie
  • Wir sind eine narzisstische Gesellschaft
  • Wir verschlafen die Digitalisierung
  • Wir versagen im Kampf gegen Corona
  • Wir müssen als Gesellschaft für unseren Wohlstand kämpfen
  • Wir sind alle Sünder

Wenn ich solche Formulierungen lese, lassen sie mich heute irritiert zurück und ich frage mich:

  • Wer ist „Wir“?
  • Was ist die „Gesellschaft“?

Wer ist mit „Wir“ gemeint?

Tatsächlich konnte ich bei mir selbst beobachten, dass ich selbst häufig „Wir“-Formulierungen im Kopf hatte und niederschrieb. Wenn ich „Wir“ sagte, meinte ich „Du und Ich“. Beim Schreiben dieses Artikels achte ich darauf nicht von „Wir“ oder „Anderen“ zu schreiben.

Als studierter Psychologe und zertifizierter Coach bin ich Experte zu manchen Themen. Wenn ich aus dieser Expertenrolle Sätze schreibe wie „Wir brauchen alle Therapie“, erzeugt das eine besondere Dynamik:

  1. Indem ich „Wir“ sage, setze ich mich selbst mit ins Boot, gebe zu, dass ich auch „Therapie“ brauche. So wird die Aussage weicher und leichter empfänglich
  2. Da ich selbst Psychologe bin, war ich bereits in Therapie, habe einen Vorsprung vor allen, die noch nicht in Therapie waren. So baue ich ein Experten-Laien Gefälle auf
  3. Als Psychologe und Coach kann ich selbst Beratung anbieten und verkaufen

In Summe sagt der Satz „Wir brauchen alle Therapie“ dann eigentlich: „Du solltest eine Therapie machen, idealerweise bei mir, weil ich bin schon viel weiter als du.“

Als Sender von „Wir“-Formulierungen erzeuge ich so Druck auf mein Gegenüber, bestimmte Meinungen zu übernehmen oder Handlungen auszuführen. Das ist äußerst übergriffig:

  • Durch das „Wir“ erzeuge ich eine Verklammerung von „Du“ und „Ich“
  • Ich unterstelle meinem Gegenüber etwas („Du brauchst Therapie“), von dem ich nicht weiß, ob es tatsächlich so ist

Als Konsequenz aus dieser Erkenntnis, achte ich als Sender darauf, keine „Wir“-Formulierungen dieser Art zu verwenden. Vor dem Nutzen des Wortes „Wir“ möchte Ich mit meinem Gegenüber, dem „Du“, klären, ob tatsächlich ein gemeinsamer Standpunkt existiert. Nur dann ist das „Wir“ angebracht.

Als Empfänger von „Wir“-Formulierungen gehe ich immer einen Schritt zurück und versuche für mich folgende Fragen zu beantworten.

  • Habe ich das Gefühl, dass der Sender aus einer Haltung des überlegenen Expertentums spricht oder als Gegenüber auf Augenhöhe?
  • Fühle ich mich von der inhaltlichen Aussage nach dem „Wir“ angesprochen oder nicht?

Nur wenn ich das Gefühl habe, als Gegenüber auf Augenhöhe angesprochen zu werden und mich inhaltlich in der Aussage wiederfinde, trete ich gerne in einen Dialog ein.

Was ist die Gesellschaft?

Neben der „Wir“-Formulierung, die ich als Experte an einen Laien richte, kenne ich noch eine weitere Spielart, die ich häufig genutzt habe: Ich richte eine „Wir“-Formulierung an einen anderen Experten auf dem gleichen Fachgebiet.

Wenn ich zu einem anderen Psychologen sage „Wir brauchen alle Therapie“ und mein Experten-Kollege dieser Formulierung zustimmt, dann entsteht häufig ein Bündnis das sagt: „Alle Anderen brauchen Therapie (wir Beide sind ja schon fast über den Berg)“.

Eine elegante Alternative zur „Wir“-Formulierung ist, über „die Gesellschaft“ zu sprechen. Ich habe früher recht häufig Sätze gesagt und gedacht wie. „Unsere Kultur und Gesellschaft ist furchtbar narzisstisch und egozentrisch.“  Meist bekam ich Zustimmung für solche Sätze, was sich erst mal sehr gut anfühlt. Heute spreche ich kaum noch über „die Gesellschaft“. Das ist so, seit mein Coach auf eine meiner Gesellschafts-Schelten antwortete: „Ja stimmt, die Gesellschaft ist furchtbar narzisstisch. Aber du bist natürlich überhaupt nicht narzisstisch, Sascha.“  

In der „Wir“-Form („Unsere“) über „Gesellschaft“ zu sprechen ist nichts anderes, als ein Bündnins gegen Andere einzugehen: „Wir sind uns einige, dass die Anderen (die Gesellschaft) narzisstisch ist und sich ändern sollte.“ Somit ist geschickt, von der eigenen Verantwortung und dem eigenen Handlungsspielraum abgelenkt: „Wie solllich als Einzelner die Gesellschaft verändern? Das geht doch nicht.“  

Wer ohne Sünde ist…

Im Wissen um meinen eigenen Narzissmus, meine Therapiebedürfdigkeit und sonstige „Fehler“, kehre ich lieber meinen eigenen Hof. Über die Änderungsbedarfe Anderer oder der Gesellschaft zu sprechen, halte ich für wenig hilfreich. 

Die Gesellschaft ist nur ein gedachtes Konstrukt. Sie existiert nur durch die Beiträge jedes Einzelnen Menschen. Das Einzige, was ich ändern kann, und wodurch sich vielleicht (!) auch die Gesellschaft ändert, ist mein Beitrag, mein persönliches Verhalten.

Wut und Stühle

Die letzten 33 Monate waren für mich sehr ereignisreich, und haben vieles in meinem Leben verändert. Ein wichtiger Anstoß dafür war und ist die Coach-Ausbildung bei Hephaistos.

Diese Ausbildung endet im Juli und Teil der Zertifizierung ist eine Theoriearbeit, die ich hier teilen möchte. Die Arbeit trägt den Titel: Sollte ich meinen Klienten dazu ermuntern seine Wut an einem Stuhl auszulassen? – Überlegungen zum Ausdruck von Wut im Coaching.

Die Arbeit kann hier heruntergeladen werden:

Besonders bedanken für alle Impulse und Momente möchte ich mich bei all meinen Ausbildungskollegen und bei meinen Ausbildern Susanne Brugger, Nicola Janssen, Ursula Most und Klaus Eidenschink.

Das Sozialpsychologische Dilemma von „Black Lives Matter“

Durch den Tod von George Floyd gibt es überall auf der Welt Proteste gegen Rassismus. 

Die Proteste sind gerechtfertigt, bewegen sich aus sozialpsychologischer Sicht jedoch auf einem schmalen Grat. Anschaulich lässt sich das am Leitspruch „Black Lives Matter“ erklären. 

Aus einer Geschichte jahrhundertelanger Unterdrückung, Sklaverei und Ausbeutung, in denen das Leben Schwarzer teils als wertlos betrachtet wurde ist es verständlich, eine Gegenposition aufbauen zu wollen. Zum historischen, grausamen und zu verurteilenden „Black Lives are worthless“, bildet „Black Lives Matter“ den Gegenpol.

Tragischerweise übernehmen Aktivisten damit die grundlegende Unterscheidung der historischen Sklavenhändler und heutigen Unterdrücker. Es ist die Unterscheidung Schwarz – Weiß. Diese Unterscheidung ist der erste Schritt und die Grundlage, ohne die Rassismus nicht existieren kann. Gäbe es die Unterscheidung zwischen Schwarz – Weißen nicht, könnte man aufgrund dieser Dimension auch nicht unterdrücken. 

Sozialpsychologisch betrachtet, wird durch die Aussage „Black Lives Matter“ automatisch eine Gruppe definiert und gegen Andere abgegrenzt. Überspitzt formuliert steht Die Gruppe der schwarzen Opfer der Gruppe der weißen Täter gegenüber. Damit ist die Basis für typische Gruppendynamiken gegeben, die aus der Sozialpsychologie bekannt sind: Die Aufwertung der eigenen Gruppe (Ingroup) und die Abwertung der anderen Gruppen (Outgroups), also Diskriminierung aufgrund von Gruppenzugehörigkeit.

Die tausendfach zitierte Grundlagenarbeit zu Intergruppendynamik leisteten Tajfel und Turner in den 70ern und 80ern. Besonders relevant ist dabei das minimale Gruppen Paradigma. Eine völlig zufällige Gruppen-Unterscheidung reicht aus, um Gruppendiskriminierung zu erzeugen. In der klassischen Studie waren das Jungs, die in einem Ferienlager zufällig in zwei Gruppen geteilt wurden und darauf hin eine lebhafte Rivalität inklusive Streichen und Schmähliedern entwickelten. 

Ein noch drastischeres und älteres Beispiel für Gruppen-Dynamiken ist das Stanford-Prison Experiment. Aus vernünftigen College-Studenten, die zufällig als Gefangene oder Gefängnis-Wärter eingeteilt wurden, entwickelten sich teilweise Sadisten. Die Gefängnis-Wärter fingen mehr und mehr an, die Gefangenen bloß zu stellen, ihnen ihre Identität zu nehmen (durch Uniform, Verhüllung, Nummerierung) und zu quälen. Das Experiment musste abgebrochen werden. Die zufällige Unterscheidung, verstärkt durch Gruppen-Symbolik (z.B. Uniformen) aus, um massive Diskriminierung hervorzurufen.

Erschwerend kommt hinzu, dass ein Opfer-Narrativ Gegengewalt und Abwertung aus der Opfer-Gruppe gegenüber der Täter-Gruppe wahrscheinlicher macht. Ein Teufelskreis entsteht. Mein Religionslehrer sagte dazu mal: „Die Christenverfolgung im Römischen Reich hat erst nach der Taufe Konstantins richtig begonnen.“ 

Dass Gruppenzugehörigkeiten diese Effekte überhaupt entfalten können, erklären Sozialpsychologen damit, dass die Gruppenzugehörigkeit die eigene Identität mitdefiniert. Die Gruppenzugehörigkeit definiert, wer ich bin. Diese Identität muss insbesondere dann verteidigt und durchgesetzt werden, wenn es wenig Anderes gibt, über das man sich definiert. 

Wenn man zur Gruppe der Bayern-Fans gehört, kann man das durch Schals und Trikots ausdrücken, Gleichgesinnte suchen, und Sätze wie „Ich bin Bayern-Fan“ sagen. Die Abneigung gegen 1860-Fans (früher) oder Dortmund-Fans (heute) gehört dann auch dazu. Hier geht es um Fußball und relativ unbedeutende Gruppenzugehörigkeiten. Dennoch ist die Dynamik so explosiv, dass bei den Bundesligaspielen zwischen Bayern und Dortmund große Polizeiaufgebote die Fans voneinander trennen müssen.

Ob man Bayern oder Dortmund Fan ist, kann man sich normalerweise aussuchen, ist nicht mit einer historischen Unterdrückungsgeschichte verbunden und als Merkmal im Alltag kaum erkennbar. 

Bei Hautfarbe und Geschlecht ist das anders. Ohne massive medizinische Eingriffe sind weder Hautfarbe noch Geschlecht änderbar. Beides ist mit jahrhundertelanger Unterdrückungsgeschichte verbunden und im Alltag auf den ersten Blick offensichtlich. Beide Gruppenzugehörigkeiten scheinen auch einen großen Anteil an der eigenen Identität auszumachen. 

Hautfarbe und Geschlecht sind sichtbare, oft bedeutsame und identitätsstiftende Gruppenzugehörigkeiten. Dass es dann zu Diskriminierung und Unterdrückung kommt, ist auf Basis der Ergebnisse mit minimalen Gruppen wenig überraschend. Wenn sich Kinder schon wegen zufällig entstandenen Gruppen im Ferienlager diskriminieren – was kann man dann bei solch bedeutsamen Gruppen-Zugehörigkeiten wie Geschlecht und Hautfarbe erwarten? Die Geschichte der letzten Jahrhunderte gibt die traurige Antwort.

Aus diesen Erkenntnissen lässt sich eine wenig ermunternde Schlussfolgerung ziehen: So lange es Gruppenunterscheidungen gibt und sie von Menschen als relevant für die eigene Identität angesehen werden, solange wird es zu Diskriminierung aufgrund von Gruppenzugehörigkeit kommen. 

Für die anti-rassistischen Proteste ergibt sich daraus eine sehr schwierige Situation. Ohne die Unterscheidung Schwarz-Weiß lässt sich kaum auf das erfahrene Unrecht aufmerksam machen. Die Unrechtsgeschichte ist teilweise auch mit der eigenen Identität verwoben. Solange die Unterscheidung beibehalten wird, wie im Leitspruch „Black Lives Matter“, ist eine Auflösung der Diskriminierung aufgrund der Gruppeneffekte unmöglich. Im Zweifel trägt die Betonung auf „Schwarz“ zur Stabilisierung von Rassismus bei (hier eine Erklärung dieser paradoxen Dynamik am Beispiel Klimawandel).

Ähnliche Erkenntnis hatte wohl auch John Lennon schon und drückte sie in „Imagine“ aus. Der Vision „Imagine all the people living life in peace“ geht eine Auflösung identitätsstiftender Konstrukte voraus, wie:

  • Imagine there’s no heaven
  • Imagine there’s no countries
  • Nothing to kill or die for
  • And no religion too

Hautfarbe lässt sich ohne weiteres auf die Liste setzen. Zur Auflösung von Rassismus muss die Unterscheidung schwarz-weiß irrelevant werden. Das bedeutet, dass Hautfarbe keine Rolle mehr zur Definition der eigenen Identität spielen darf. Das ist eine große Aufgabe für jeden Einzelnen.

Das Schreckgespenst der „wahren Liebe“

Das Märchen von Dornröschen kennt jeder. Eine Prinzessin fällt durch einen bösen Zauber in tiefen Schlaf. Sie kann nur durch einen Kuss der wahren Liebe erweckt werden. 

Was heraussticht, ist „wahre Liebe“. Ein „Kuss der Liebe“ reicht nicht aus. Es muss „wahre Liebe“ sein. Kinder lernen so, dass es nicht nur Liebe gibt, sondern auch „wahre Liebe“ und „falsche Liebe“. Kraftvoll genug, um böse Zauber zu brechen, ist allein die „wahre Liebe“.

Das ist tragisch, weil „Liebe“ ohne vorangestelltes Adjektiv abgewertet wird. Ist „Liebe“ nicht „wahre Liebe“, dann muss es wohl „falsche Liebe“ sein, also keine Liebe. Durch die Einführung „wahrer Liebe“ bleibt kein Platz mehr für „Liebe“. Im ungünstigen Fall führt das zu Perfektionismus, ständiger Unsicherheit und Lieblosigkeit: „Die Liebe, die ich spüre – ist das die wahre Liebe?“ 

Ich möchte das Problem „wahrer Liebe“ an einem Beispiel aus meinem Leben verdeutlichen:

  • Ich liebe meine beiden Töchter
  • Ich liebe meine Freundin

Ich empfinde allen dreien gegenüber nicht komplett identisch. Die Liebe zu meiner Freundin fühlt sich anders an, als die zu meinen Kindern. Welches aber ist „wahre Liebe“? 

Sobald ich mir diese Frage stelle, bin ich in einem Dilemma. Entweder muss ich alles als „wahre Liebe“ definieren, wobei der Absolutheitsanspruch des Wortes „wahr“ keinen Raum für den Reichtum meiner Empfindungen lässt. Oder ich bezeichne nur eines von Beiden als „wahre Liebe“. Damit werte ich die andere Beziehung ab. 

Der Weg, für den ich mich entscheide, ist, dass ich mir die Frage nach der „wahren Liebe“ nicht stelle. „Wahre Liebe“ existiert nicht, nur „Liebe“. Das Wörtchen „wahr“ ist überflüssig.

Diese Logik lässt sich auf viele Bereiche übertragen. Neben „wahr“ gibt es Worte, die ähnlich verwendet werden. Das sind insbesondere „wirklich“ und „echt“. Man spricht dann von „echten Problemen“ oder sucht das „wirkliche Ich“. Besonders Berater und Coaches, aber auch Hilfesuchende nutzen diese Formulierung häufig. Sie scheinen als Narrativ und Verkaufsargument durchaus wirksam zu sein.

Wie oben beschrieben glaube ich nicht, dass Adjektive wie „wahr“, „wirklich“ oder „echt“ einen Nutzen bieten. Ich sehe eher die Gefahr, dass Schaden und ungünstige Dynamiken entstehen. Etwas Demut und Bodenständigkeit, tun jedem Menschen gut da braucht es keine Steigerungen. Mir reichen „Liebe“ und „Ich“, so wie sie sind.

Der Wanderer im Wald

Es war einmal ein Wanderer. Bepackt mit seinen Sachen bahnte er sich seinen Weg durch den Wald. Er kletterte über Steine oder umgefallene Baumstämme, watete durch Bäche, überquerte helle Lichtungen, schlief in seinem Zelt oder unter freiem Himmel, aß was er fand oder fing. 

Eines Tages traf er auf eine Straße, folgte ihr ein Stück und erreichte eine Raststätte. Er trat ein und wurde gleich von einem eifrigen Geschäftsmann gerufen:

„Hey du, Wanderer! Komm an meinen Tisch. Du siehst wild und zerzaust aus! Hier, iss etwas, ich lade dich ein, du bist ja ganz mager! Wo kommst du denn her?“

Der Wanderer nahm das Angebot dankend an und versuchte die Frage des Geschäftsmanns zu beantworten: „Ich komme aus Altenstadt – dort bin ich vor einiger Zeit losgelaufen, jetzt bin ich zufällig hier angekommen.“

Der Geschäftsmann unterbrach ihn: „Wie, du bist zufällig hier angekommen? Weißt du denn nicht wo du hin willst? Wieso bist du nicht über die Straße von Altenstadt gekommen oder mit dem Bus zur Raststätte gefahren? So wärst du viel schneller hier gewesen.“

Der Wanderer versuchte sich zu erklären: „Ich wusste doch gar nicht, dass ich zur Raststätte will. Ich ging einfach los – hatte ja alles bei mir, was ich brauche. Unterwegs begegnete ich auch Hunger und Kälte. Ich fand aber immer genug zu essen und nachts kroch ich in mein Zelt und kuschelte mich in meine Decke, um nicht zu frieren. Heute morgen erreichte ich zufällig diese Raststätte.“

Der Geschäftsmann verlor die Fassung: „Großer Gott! Hunger, Zufall, Kälte, Unwissenheit! Wie kannst du nur so leben? Überleg mal, was du alles verpasst! Nein, nein, das geht so nicht. Du hast großes Glück mich getroffen zu haben! Hör zu, ich mache dir ein Angebot: Komm mit mir nach Neustadt. Dort besorgen wir dir neue Klamotten und einen Job. Du wirst nicht viel verdienen, aber für eine warme Wohnung und einen gut gefüllten Bauch reicht es allemal. Dann reden wir über deine Zukunft – über alles was du erreichen kannst und wie du dort hinkommst. Kein zielloses Rumstreifen im Wald mehr, kein Hunger, keine Kälte – was sagst du?“

Der Wanderer blickte den Geschäftsmann mit großen Augen an. Er sah seine freundlichen Augen, die roten Backen, den feinen Anzug, die kräftigen Hände, die sauber polierten Schuhe. Sein Blick wanderte zu den eigenen, dreckigen Händen, seinen abgetragenen Klamotten und ausgelatschten Schuhen. Er befühlte seinen zotteligen, verkrusteten Bart und seine hervorstehenden Wangenknochen. Vor seinem inneren Auge erschien die goldene Zukunft, die der Geschäftsmann ihm anbot. 

Der Wanderer blinzelte, das Zukunftsbild verschwand, er kehrte in den Moment zurück. Entschlossen nahm er seinen Rucksack auf, sah den Geschäftsmann unverwandt an und sprach mit sonnig-klarer Stimme zum Abschied: „Ich danke dir für dein großzügiges Angebot. Ich muss es ablehnen. Ich streife gerne ziellos durch den Wald. Ich bin ein Wanderer.“

Das „beste Ich“ ist Narzissmus

Ich stoße häufig auf Coaches, die versprechen Menschen zu ihrem „wahren“, „besten“ oder „idealen“ Ich zu führen. Diese Angebote sind brandgefährlich. Sie füttern Narzissmus. Das führt im besten Fall zu einer Stabilisierung der Lage ohne Veränderung und im schlechtesten Fall zur Verstärkung narzisstischer Persönlichkeitsstörungen. 

Was ist eigentlich Narzissmus?

Narziss war ein holder Jüngling, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte. Er wies die Liebe anderer Menschen zurück und starb äußerst unglücklich. Narzissmus und die narzisstische Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.8) werden meist mit Egoismus, Selbstverliebtheit, Arroganz und Hybris gleichgesetzt. 

Das ist ungenau und einseitig. Es fehlt die feine, aber wichtige Unterscheidung, dass Narziss nicht in sich selbst, sondern in sein Spiegelbild verliebt war. Zusätzlich wird nicht betrachtet, aus welchem Grund Menschen überhaupt Narzissmus entwickeln.

Narzissten lieben Bilder von sich

Sein Spiegelbild zu lieben, bedeutet ein „Abbild-Ich“ zu lieben. Neben Spiegeln bieten Photoshop und Instagram unbegrenzte Möglichkeiten Bilder von sich selbst zu schaffen. Narzissten definieren „Ich“ und ihren eigenen Wert über ein oder mehrere „Abbild-Ich“. Desto toller das „Abbild-Ich“, desto toller die Reaktionen darauf, desto mehr Follower es hat, desto glücklicher ist der Narzisst.

Durch dieses Verhalten lösen Narzissten ein großes Problem: Narzissten haben keine von Innen kommende Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“. Sie wissen nicht, wer sie sind. Das ist eine tiefgreifende und sehr belastende Persönlichkeitsstörung. Wo ein freies und flexibles „Ich“ sein könnte, finden Narzissten nichts in sich. Das selbst geschaffene „Abbild-Ich“ dient dazu, diese Leere zu verdecken und sie nicht zu spüren. Das „Abbild-Ich“ soll das fehlende „Ich“ ersetzen.

Narzissmus ist dabei nur eine Möglichkeit, die fehlende Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ zu kompensieren. Andere Menschen, definieren „Ich“ über einen höheren Zweck, Organisationen oder geliebte Menschen und Kinder. 

Narzissten leben in unbewusster Angst vor ihrer inneren Leere

Das „Abbild-Ich“ der Narzissten kann das fehlende „Ich“ nicht gänzlich ersetzen. Es kann lediglich die innere Leere verdecken. Je nach Ausprägung der narzisstischen Tendenz wissen Narzissten unterschiedlich viel von ihrer inneren Leere. Manche verstecken die Leere bewusst, andere stecken so tief im Narzissmus, dass sie ihr „Abbild-Ich“ für ihr „Ich“ halten. 

Unbewusst spüren alle Narzissten, dass sie es mit etwas Schrecklichem zu tun bekommen, wenn das „Abbild-Ich“ Risse bekommt.  Daher nutzen sie verschiedene Strategien, um das „Abbild-Ich“ zu stabilisieren und das fehlende „Ich“ nicht zu spüren:

  • Sie vermeiden emotionale Nähe, damit niemand die „Abbild-Ich“-Fassade durchschaut und sie mit der Inneren Leere konfrontiert
  • Sie erzählen wie großartig sie (ihr „Abbild-Ich“) sind und beweisen das durch ihre herausragenden Erfolge wie: mein Job, mein Haus, meine Frau 
  • Sie deuten Erlebnisse und Erfahrungen so um, dass sie zum „Abbild-Ich“ passen, notfalls setzen sie diese Deutung gewaltsam durch
  • Sie suchen sich Anhänger, mit ebenfalls narzisstischen Tendenzen, die am großartigen „Abbild-Ich“ teilhaben dürfen – so entstehen narzisstische Allianzen
  • Sie ignorieren die Meinung von Mitmenschen und sind für Kontaktversuche, die nicht zu ihrem „Abbild-Ich“ passen völlig unerreichbar
  • Sie meiden spontane und unsichere Situationen, bei denen sie noch nicht wissen, wie ihr „Abbild-Ich“ sich verhält

Wie viele dieser Strategien und wie häufig Personen sie nutzen, gibt einen Hinweis auf die Schwere der narzisstischen Störung. Ein kleiner Selbsttest bietet sich an: Wie viele der Strategien entdeckst du in deinem Verhalten? Wenn du dich bei vielen Strategien wiederfindest, könnte das ein Hinweis darauf sein, dass du keine gute innere Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ hast. 

Ideal-Bilder bestärken Narzissten in ihrem Muster

Wenn ein Narzisst zum Coach oder Therapeuten geht, dann entweder, weil er aufgrund seiner narzisstischen Strategien in Probleme gerät, oder weil sein „Abbild-Ich“ Risse bekommt. Ein typisches Vorgehen vieler Coaches ist es, ein Idealbild zu definieren und dann Maßnahmen abzuleiten, wie man dieses Idealbild erreicht. Für Narzissten ist das super und passt perfekt zu ihrem Muster: 

  1. Durch das mit dem Coach erarbeitete Idealbild erhalten sie ein neues „Abbild-Ich“ das direkt durch die narzisstische Allianz mit dem Coach gestärkt ist
  2. Sie erlernen neue Maßnahmen und Verhaltensweisen um dieses „Abbild-Ich“ zu stabilisieren und somit die Gefahr zu verringern, dass sie auf die innere Leere stoßen

Psychologisch betrachtet, halte ich diese Dynamik für äußerst tragisch. Aus Sicht von Coach und Narzisst ist sie äußerst erfolgreich. Dem Narzissten geht es nach dem Coaching besser (ohne dass sich wirklich etwas verändert hat). Der Coach hat einen zufriedenen Kunden, der ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit weiterempfiehlt und bei der nächsten Krise zurückkommt. Wirtschaftlich betrachtet ist das ein sehr erfolgreicher Ansatz.

Ein kurzer Einschub zu Erfolg von Narzissten: Desto größer die innere Leere und Hilflosigkeit, desto größer ist die Motivation diesen Schmerz zu vermeiden. Diese Motivation kann riesige Energiemengen freisetzen, die in Leistung und Erfolge transformiert werden können. Desto erfolgreicher der Narzisst, desto größer seine Sogwirkung für narzisstische Allianzen und desto größer die Irritation bei all denen, die nicht in einer narzisstischen Allianz mit ihm stecken. Dieser Dreiklang ist wunderbar bei Donald Trump zu beobachten.

Eine echte Alternative wäre, dem Abgrund ins Auge zu blicken

Es gibt eine Alternative zum Aufbau eines neuen „Abbild-Ich“. Diese Alternative ist, sich der Frage „Wer bin ich?“ und damit auch dem schrecklichen inneren Loch zu nähern. Ich schreibe hier bewusst nähern und nicht stellen. Sich einem solchen Thema anzunähern braucht viel Mut und kleine Schritte. Zeit, Geduld, und gute Begleitung sind nötig, um nach „Ich“ zu suchen. 

Sich alleine auf die Suche zu machen ist (leider!) nicht möglich. Keine gute innere Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ zu haben, hängt auch damit zusammen, dass man als Kind und Jugendlicher keine Bezugspersonen hatte, die diese Frage für sich beantwortet hatten. Es gab kein anderes „Ich“ bzw. aus Perspektive des Kindes kein „Du“ mit dem man sich selbst hätte kennenlernen können. Demnach braucht es einen sehr guten Freund, Coach oder Therapeuten, der stabil „Ich“ sein kann und damit für sein Gegenüber ein „Du“ zum Entdecken und Lernen darstellt.

Selbst mit einem guten Begleiter ist die „Ich“-Reise herausfordernd. Es ist ein Irrglaube, ein statisches „Ich“ erreichen zu können, das sich nicht mehr ändert. Genau wie im Körper jeden Tag Millionen Zellen sterben und neu gebildet werden, verändert sich auch das, was „Ich“ ist ständig. Die Stabilität des „Ich“ entsteht durch Änderbarkeit und Flexibilität. Es ist ein wunderbares Paradoxon: Heute bin ich anders als gestern und dennoch bin ich heute genauso „Ich“ wie gestern.  

Der Unterschied zwischen „Das Richtige“ und „Das Richtige für mich“

„Das Richtige“ tun. Wer möchte das nicht? Natürlich will jeder „Das Richtige“ tun!

Es gibt nur ein Problem: Was ist eigentlich „richtig“? Ich bin der Meinung „Das Richtige“ gibt es nicht. Es gibt lediglich „Das Richtige für mich“. Genauso wenig gibt es Dinge, die „richtig“ sind, sondern nur Dinge, die „richtig für mich“ sind.

Leider findet die Unterscheidung zwischen „richtig“ und „richtig für mich“ im Alltag quasi nicht statt. Meist wird pauschal von „richtig“, „falsch“, „gut“ oder „böse gesprochen. Die Schuld daran trägt (unter Anderen) Platon.

Platons „Idee“

Platon hat das Reich der Ideen und damit eine objektive Weltsicht geschaffen. Grundannahme seiner Theorie ist, dass es „Ideen“ gibt. „Ideen“ existieren unabhängig von Gegenständen, sind abstrakt und nicht direkt wahrnehmbar. Zur Veranschaulichung möchte ich beispielhaft zeigen, wie die „Idee“ von „Das Große“ und die Bedeutung von „groß“ abgeleitet werden kann:

  1. Es gibt verschiedene Gegenstände, die wir als „groß“ bezeichnen z.B. Bäume und Berge
  2. Diese Dinge, Bäume und Berge, sind offensichtlich sehr unterschiedlich
  3. Obwohl Bäume und Berge so unterschiedlich sind, bezeichnen wir beide als „groß“ 
  4. Also muss es irgendetwas geben, das die Bezeichnung „groß“ rechtfertigt – etwas, an dem Bäume und Berge Anteil haben
  5. Dieses irgendetwas ist die „Idee“ von „Das Große“ 
  6. Gegenstände wie Bäume und Berge können umso mehr als „groß“, oder „größer“ bezeichnet werden, je mehr sie der „Idee“ von „Das Große“ entsprechen

Die Herleitung lässt sich auf jede Eigenschaft und übertragen. Alle Eigenschafts-Zuschreibungen basieren auf „Ideen“ an denen Gegenstände Anteil haben. Ob eine Handlung „richtig“ ist, hängt nach der dargestellten Theorie davon ab, wie sehr sie der „Idee“ von „Das Richtige“ entspricht.

 „Das Richtige“

Um zu wissen, was „richtig“ ist, muss die „Idee“ von „das Richtige“ bekannt sein. Wie findet man heraus was „Das Richtige“ ist? Diese Aufgabe übernehmen Religion und Wissenschaft. Sie versuchen festzustellen und allgemeingültig zu definieren, was „Das Richtige“ ist. 

Religion und Wissenschaft verfolgen das gleiche Ziel. Sie nutzen jedoch sehr unterschiedliche Methoden um „Das Richtige“ zu finden. Religionen verlassen sich auf Propheten und das Wort Gottes. Wissenschaft nutzt Experimente und Theoriearbeit. Beide bauen auf der Annahme auf, dass es „Das Richtige“ gibt. 

Wenn „Das Richtige“ gefunden wurde, ist das Ziel erreicht. Es gibt eine objektive Richtschnur, anhand derer sich feststellen lässt, ob etwas „richtig“ ist. Eine „Idee“ existiert außerhalb und unabhängig von Menschen. Damit ist „Das Richtige“ losgelöst von einzelnen Menschen und zeitlos feststellbar. „Das Richtige“ kann gelehrt und verbreitet werden. Es gibt einige Vorteile dieser Definition von „Das Richtige“, insbesondere dort, wo größere Gruppen von Menschen zusammenleben und arbeiten sollen.

„Das Richtige für mich“

Der Nachteil der Allgemeingültigkeit ist, dass sie mit Individualität nicht gut kombinierbar ist. Entweder bleibt „Das Richtige“ relativ abstrakt formuliert und lässt sich somit auf viele verschiedene Situationen und Personen anwenden. Diese Allgemeinheit hat den Nachteil, dass sie nur durch Mehrdeutigkeit so viele Situationen abdecken kann. Dadurch verliert sich die Richtschnur irgendwann selbst.

Wird „Das Richtige“ spezifischer für einzelne Situationen oder Personen formuliert, braucht es sehr viele Formulierungen, die sich auch widersprechen können. Damit löst sich entweder die Allgemeingültigkeit auf, oder es ist sehr viel kreative Argumentationsarbeit nötig, um die unterschiedlichen Ausprägungen von „Das Richtige“ wieder auf einen Nenner zu bekommen.

Für mich ergibt sich daraus der Schluss, dass es „Das Richtige“ im Sinne einer allgemeingültigen „Idee“ nicht geben kann. Auf dieser Basis lehne ich auch die Ideenlehre Platons ab. 

Ich denke „Das Richtige“ ist nur im gegenwärtigen Moment und in Abhängigkeit aller Umstände definierbar. Da sich keine Umstände exakt wiederholen können, kann „Das Richtige“ aus einer Situation nicht auf andere Situationen übertragen werden. Dieser Nicht-Übertragbarkeit von „Das Richtige“ auf andere Personen oder Situationen trage ich Rechnung indem ich sage, es gäbe nur „Das Richtige für mich“.

Da sich Umstände über die Zeit ändern, kann sich auch sehr schnell – manchmal sogar innerhalb von Sekunden ändern, was „richtig für mich“ ist. Die Freiheit heute das „richtig“ zu finden, was ich gestern „falsch“ fand, weil sich die Situation geändert hat, halte ich für einen Schlüssel zu einem glücklichen Leben. 

Wer „Das Richtige“ tun möchte, sollte also auch akzeptieren können, dass es für Andere, oder morgen schon „Das Falsche“ ist.

COVID-19: Ein Drama durch die Angst vor dem Tod

Am 15. April fand die Telefonschaltkonferenz zwischen Bundesländern und Bundesregierung zum weiteren deutschen Vorgehen in der COVID-19 Pandemie statt. Die Ergebnisse und Maßnahmen zeugen von Angst. Mit Angst meine ich Angst vor Toten. Dem Handeln der Politiker liegt die Maxime zugrunde, dass das höchste Gut, das es gibt, menschliches Leben ist. Es soll so wenige Tote wie irgend möglich geben. Dazu wird die einfache Logik „lebendig ist besser als tot“ genutzt. In Homo Deus überspitzt Harari diese Logik und treibt das Gedankenspiel so weit, dass der Tod an sich überwunden werden muss. Der Tod ist dann die Folge von Fehlern. Der Zwang Tote zu verhindern entsteht. Die Frage, die dadurch in den Fokus tritt, ist ob der Tod eintritt oder nicht. Sterben Menschen an COVID-19 oder nicht? Ja oder nein, schwarz oder weiß.

Meinem Eindruck nach, folgen die Maßnahmen der Bundes- und Länderregierungen, sowie die öffentliche Berichterstattung dieser Logik. Dort wo es viele COVID-19 Infektionen und Tote gibt, müssen schwerwiegende Fehler passiert sein. Maßnahmen und Interventionen zielen darauf ab, die Zahl der (Neu-)Infizierten schnell zu senken und damit die Zahl der Toten zu minimieren. In epidemiologischen Begriffen ausgedrückt, ist das Ziel des RKI und des politischen Handelns mittlerweile, die Reproduktionsrate des Virus unter 1 zu drücken. Fällt die Reproduktionsrate unter 1, stirbt die Pandemie langsam aus. Es ist eine Austrocknungsstrategie, die Tote verhindern soll.

Leider ist diese Austrocknungsstrategie fragil und risikobehaftet. Im zuletzt verlinkten Artikel wird dargelegt, dass bei der aktuellen Verbreitungsgeschwindigkeit in einem Jahr ca. 1 Million Menschen in Deutschland infiziert würden. Das bedeutet, dass sich dann noch 80 Millionen Deutsche – mehr als 98% – infizieren könnten. Stirbt die Infektion nicht komplett aus, bleibt nur ein Infizierter übrig, kann jederzeit eine neue Infektionswelle losbrechen. 

Um einen Neuausbruch zu verhindern, müssen bei der Austrocknungsstrategie Sicherheitsvorkehrungen so lange aufrechterhalten werden, bis über Wochen keine neuen Infektionen vorliegen. Das wären im Worst Case Jahrzehnte mit Masken, ohne Großveranstaltungen, eingeschränkter Wirtschaft und 1,5m Mindestabstand. Der Austrocknungsstrategie liegt (mindestens implizit) die Annahme zugrunde, dass Menschen, die sich einmal mit SARS-CoV-2 infiziert haben anschließend immun sind. Ob und wie lange Menschen nach einer Infektion tatsächlich immun sind ist jedoch offen.  

Es dürfte offensichtlich sein, dass eine Rückkehr zum „normalen Leben“, ohne Mundschutz und mit Großveranstaltungen, mit der Austrocknungsstrategie in absehbarer Zeit (dieses oder nächstes Jahr) kaum möglich ist. Die Austrocknungsstrategie setzt ihre Hoffnung voll und ganz auf die Entwicklung eines Impfstoffs. Sobald ein Impfstoff vorhanden ist, kann das Leben wieder losgehen. Wie schnell dieser Impfstoff entwickelt werden kann, wie gut er schützt, wie leicht er sich herstellen lässt, all das steht in den Sternen. Der meist genannte Zeithorizont für die Entwicklung eines Impfstoffs ist: Ende des Jahres oder irgendwann nächstes Jahr. Dann muss der Impfstoff aber noch hergestellt und an 80 Millionen Deutsche bzw. fast 8 Milliarden Menschen weltweit verteilt werden. Das wird dauern.

Allein aus epidemiologischer Sicht bedeutet die Austrocknungsstrategie also ein jahrelanges Balancieren kurz vor der nächsten Pandemie-Welle. Die Auswirkungen auf die Wirtschaft stehen bereits im Fokus der öffentlichen Diskussion. Zwei weitere Problempunkte möchte ich hier ansprechen, aber nicht tiefer darauf eingehen.

  1. Die Austrocknungsstrategie birgt massive Nebenwirkungen und Existenzbedrohungen  für Familien, die Entwicklung von Kindern, sozial Schwächere und Menschen mit wenig Rücklagen
  2. Die Maßnahmen sind in vielen Kontexten nicht umsetzbar – Grundschule oder Kindergarten mit Masken und Mindestabstand? Surreal!

Die Austrocknungsstrategie führt in ein zombiehaftes Leben, bestehend aus Arbeit, Abstand und Angst: Langwierig, fragil, ängstlich, eingesperrt. Das ist für mich ein Horrorszenario, das ich möglichst vermeiden möchte.

Die Austrocknungsstrategie bleibt jedoch so lange alternativlos, wie an der Logik und dem Zwang Tote zu verhindern festgehalten wird. Der Zwang den Tod zu verhindern führt zur schwarz-weißen „Ob“-Betrachtung, die ich anfangs angesprochen habe. Um Alternativen zur Austrocknungsstrategie denken zu können, muss die „Ob“-Betrachtung durch eine „Wie“-Betrachtung ersetzt werden. Nicht „ob“ der Tod (durch Corona) eintritt, sondern „wie“ der Tod (grundsätzlich) eintritt, bildet Ausgangspunkt der Überlegungen. 

Die „Wie“-Betrachtung basiert auf der Untrennbarkeit von Leben und Tod. Die Fragen „Wie möchte ich leben?“ und „Wie möchte ich sterben?“ werden zu ein und derselben Frage. Dadurch kann die Frage „wie“ das Leben während der Pandemie ist – die Lebensqualität – in den Fokus der Diskussion rücken. In der „Ob“-Betrachtung ist die Lebensqualität nahezu irrelevant, weil der Fokus auf dem Verhindern des Todes liegt.

So entsteht Raum für Gedankenspiele die neben Lebensquantität (Anzahl Lebender) auch auf die Lebensqualität (Wie geht es Lebenden und Sterbenden?) betrachten: Was könnte passieren, wenn wir die Ausbreitung der Pandemie nicht aus Angst bremsen, sondern vielleicht sogar beschleunigen? Wie könnten wir damit umgehen, wenn es viele Millionen von Infizierten gäbe, die nicht behandelt werden könnten? Wäre es denkbar, dass Menschen, die schwer an COVID-19 erkranken, auf Behandlung im Krankenhaus verzichten und stattdessen ihr eigenes Sterben gestalten? Ist der Tod begleitet von geliebten Angehörigen, eine Alternative zur einsamen Intubation auf der Intensivstation? Wie können wir uns gegenseitig unterstützen, um mit dem Verlust geliebter Angehöriger umzugehen? Welche Auswirkungen könnte akzeptiertes, begleitetes Sterben auf die Belastung von medizinischem Personal und die wahrgenommene Bedrohlichkeit der Pandemie haben? 

Ich sehe großes Potential in solchen Überlegungen. Voraussetzung für ernsthafte „Wie“-Betrachtungen ist jedoch, sich mit dem eigenen Tod auseinanderzusetzen. Das bedeutet, sich die völlige Auslöschung der eigenen Subjektivität und des eigenen Erlebens genau vorzustellen, dem schwarzen Abgrund des Nichts tief ins Auge zu sehen und zu akzeptieren: Das ist mein Schicksal. Die Übung dem Tod ins Auge zu sehen und ihm freundlich zuzulächeln ist eine, die bis zum Ende des Lebens dauert, aber jeden Tag leichter wird. Diese Übung hilft aber auch herauszufinden, wie das eigene Leben und Sterben gestaltet werden soll. Auch durch die Erwägung von Selbstmord und die Beschäftigung mit dem eigen Tod weiß ich, wie ich mein Leben leben möchte: Klar, frei und kraftvoll – dafür nehme ich ein Risiko verkürzter Lebenserwartung in Kauf. An manchen Tagen gelingt das auch schon. 

Auf Basis dieser Grundüberzeugung schaue ich auch auf die COVID-19 Pandemie. Ich bevorzuge eine kurze, ungebremste, grausame Pandemie gegenüber längerem Siechtum mit vielen Einschränkungen aber wenigen Toten. Lieber dem Schrecken des COVID-19 Todes tief in die Augen schauen und ihn durchstehen, als sich in der eigenen Wohnung und hinter Masken verstecken – aus Zwang oder Angst vor dem Tod und einer neuen Infektionswelle. 

COVID-19 Meinung: Freiheit oder Sicherheit – ich möchte entscheiden.

Der Gegensatz zwischen Freiheit und Sicherheit drängt durch die COVID-19 Pandemie (mal wieder) machtvoll ans Licht. Restaurants, Geschäfte und Kulturstätten dürfen nicht öffnen. Kontaktsperren und Ausgangsverbote regeln das tägliche Leben. Mindestabstand muss eingehalten werden. Zur Abschreckung ist ein Bußgeldkatalog aufgesetzt. Kurz: Freiheiten sind massiv eingeschränkt.

Die Einschränkungen dienen dem Schutz und der Sicherheit Aller. Möglichst wenige Menschen sollen (gleichzeitig) an COVID-19 erkranken, um eine bestmögliche medizinische Versorgung sicherzustellen. „Verzichte auf Freiheit, bleibe daheim und rette Leben“ – so lautet das dominierende, scheinbar alternativlose Narrativ der Stunde. 

Die scheinbare Alternativlosigkeit des Narrativs ist problematisch. Freiheit und Sicherheit verlieren den Status gleichwertiger Alternativen, zwischen denen abgewogen werden kann. Stattdessen muss Freiheit sich hinter Sicherheit anstellen – aufgrund von Verordnungen, die juristisch mindestens wackelig sind.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Die Frage ist nicht, ob Freiheit oder Sicherheit besser ist. Es geht um den Entscheidungsprozess: Wie wird zwischen Sicherheit und Freiheit abgewogen? Meinem Empfinden nach, findet diese Abwägung derzeit zu wenig statt. Sicherheit wird Freiheit automatisch vorangestellt – ohne persönliche Entscheidungsmöglichkeit. 

Dass Fehlen persönlicher Entscheidungsmöglichkeit halte ich im Vergleich zur einseitigen Fokussierung auf Sicherheit für das größere Problem. Sicherheit wird aufgezwungen. Eine Möglichkeit persönlich zu entscheiden, wie viel Sicherheit gewollt und wie viel Freiheit dafür aufgegeben werden soll, ist nicht vorgesehen.

Das widerstrebt mir zutiefst. Ich möchte selbst entscheiden, wie viel persönliche Freiheit ich zum Schutz vor einer COVID-19 Erkrankung aufgeben möchte und welche Risiken ich in Kauf nehme. Ich halte mich für ausreichend informiert, um diese Entscheidung zu treffen. 

Es gibt Anzeichen, dass es in absehbarer Zeit zu politischen Entscheidungen zur Reduzierung der Sicherheitszwänge kommt. Geschieht das nicht, bleibt nur, für die eigene Freiheit auf die Straße zu gehen.