Klima 2: Beim Klimaschutz geht es nicht ums Klima sondern um Menschen

Dies ist der zweite Beitrag eines vier-schrittigen Gedankenganges zu psychologisch-philosophischen Aspekten des Klimaschutzes:

  1. Klimaschutz ist im Kern konservativ und furchtbar paradox
  2. Beim Klimaschutz geht es nicht ums Klima sondern um Menschen
  3. Klimaschutz ist (auch) ein Versuch die eigene Sterblichkeit zu bearbeiten
  4. Zusammenfassung der psychologischen Ideen zum Umgang mit Klimaschutz

Mit meinen Gedankengängen möchte ich Diskussion und eigenes Nachdenken anregen. Dazu möchte ich meine psychologisch-philosophische Perspektive auf das Thema Klimaschutz anbieten.

Zusammenfassung der Geschichte

Ich möchte als Rahmen dieses Gedankengangs eine kurze Geschichte des Klimaschutzes erzählen, die ich anschließend auseinandernehme. Die Geschichte heißt: Ich rette die Welt durch technologischen Fortschritt.

Ich rette die Welt, das Klima und das Leben. Das erreiche ich durch einen nachhaltigen Lebensstil, den ich durch Klimaneutralität erreiche. Dafür stelle ich meinen heutigen Lebensstil bis 2030 auf klimaneutrale Füße. Das schaffe ich dank des technologischen Fortschritts. So kann ich meinen aktuellen Lebensstil auch zukünftig beibehalten.

Als kleiner Denkanstoß: Vergleiche diese Geschichte mit den Visionen oder Purpose-Statements von Unternehmen.

Das Klima kann auf sich selbst aufpassen

Der Begriff Klimaschutz legt nahe, dass das Klima schutzbedürftig ist. Die Aufgabe das Klima zu schützen kommt Menschen zu. Diese Logik ist naheliegend, weil Menschen durch den Ausstoß von CO2 und anderen Treibhausgasen einen Klimawandel im Sinne steigender Durchschnittstemperaturen verursachen. Klima schützen heißt den Klimawandel aufhalten. 

Das Ziel des Pariser Klima-Abkommens ist die Erderwärmung deutlich unter 2° C zu halten und so das Klima zu schützen. Tatsächlich hat das Klima schon viel höhere Temperaturen mitgemacht. In der Kreidezeit war das Klima im Schnitt 8,5° wärmer als heute und der CO2-Gehalt der Atmosphäre war 4 mal so hoch wie heute. „Das Klima“ ist durch eine Erwärmung um über 2° C also eher nicht bedroht. 

Diese Erkenntnis ist eher trivial, weil das Klima ein abstraktes Konzept ist, das gegenüber Gefahren und Sterblichkeit immun ist. Das Klima ist so, wie es ist. In Indien ist es anders als in Europa und in tausend Jahren anders als heute. Klimaschutz ergibt als Begriff keinen unmittelbaren Sinn. Wenn es nicht das Klima ist, das Schutz benötigt, was ist es dann? Vielleicht das Leben?

Klimaschützer und Wissenschaftler argumentieren überzeugend, dass durch den Klimawandel ökologische Systeme zerstört werden. Es ist wahrscheinlich, dass viele Tier- und Pflanzenarten für immer aussterben. Wir erleben derzeit das sechste Massenaussterben.  Der Tod so vieler Lebewesen ist katastrophal. Dennoch, das Leben hat schon fünf Massenaussterben überlebt. Wieso sollte es nicht auch ein sechstes Massenaussterben überleben? Ich bin recht zuversichtlich, dass das Leben erfolgreich sein wird.

Hier könnte ich noch weitere Beispiele beschreiben, die aber inhaltlich nicht wirklich neues liefern. Statt „Klima“ oder „Leben“ ist auch die Formulierung „Die Welt retten.“ äußerst beliebt. Douglas Adams schrieb dazu bereits vor Jahrzehnten treffgenau:

So, the world is fine. We don’t have to save the world—the world is big enough to look after itself. What we have to be concerned about, is whether or not the world we live in, will be capable of sustaining us in it. That’s what we need to think about.

Douglas Adams

Damit beschreibt er worum es auch beim Klimaschutz eigentlich geht: Den Erhalt menschlichen Lebens, so wie es heute ist.

Klimaschutz ermöglicht die Freiheit so zu leben, wie wir es heute tun

Das Bundesverfassungsgericht stimmte in seinem Urteil vom 24. März 2021 Douglas Adams grundsätzlich zu. Beim Klimaschutz geht es darum menschliches Leben so zu erhalten, wie es heute ist. Das derzeitige deutsche Klimaschutzgesetz ist teilweise verfassungswidrig, weil es zukünftigen Generationen mit hoher Wahrscheinlichkeit die Freiheit verwehrt sich, frei zu entfalten, so wie heutige Generationen dies tun können. Grundlage dieses Urteils sind folgende Gesetze:

Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.

Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG

Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung.

Art. 20a GG 

Die Logik des Urteils wird zu Beginn in den Leitsätzen dargelegt und später umfangreich begründet. Auf den Kern reduziert, liegt dem Urteil folgender Gedankengang zugrunde:

  1. Jeder Mensch soll sich frei entfalten und ein gesundes Leben führen können (Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG s.o.)
  2. Dieses Leben ist nur in einer intakten Umwelt möglich. Diese Umwelt ist durch den Klimawandel in Gefahr, wodurch mit Art. 20a GG eine grundgesetzliche Verpflichtung zum Klimaschutz entsteht
  3. Dieser Verpflichtung kommt die Bundesregierung durch Beitritt zum Pariser Klima-Abkommen und das Klimaschutzgesetz von 2019 durch das Ziel die Erderwärmung auf unter 2° C zu begrenzen grundsätzlich nach
  4. Damit die Erderwärmung auf unter 2° C begrenzt bleibt, darf jedoch nur noch eine bestimmte Menge an CO2 in die Atmosphäre gelangen (CO2-Budget)
  5. Die Bundesregierung muss geeignete Gesetze entwerfen, die die bis 2050 nötigen soziotechnischen Transformationen beschreiben und umsetzen, die zur Einhaltung des CO2-Budgets nötig sind
  6. Die bisherigen Zwischenziele des Klimaschutzgesetzes machen zwar Aussagen zur Reduktion von Emissionen und zu erreichenden Meilensteinen, regeln aber die eigentlich relevanten CO2-Budgets zu ungenau
  7. Es besteht die realistische Gefahr, dass bis 2030 alle angestrebten Zwischenziele erreicht und gleichzeitig ein Großteil des bis 2050 verfügbaren Budgets bereits 2030 verbraucht ist
  8. Als Konsequenz müssten die Maßnahmen ab 2030 deutlich radikaler sein, als sie es bis 2030 waren und würden somit die Freiheit zur Entfaltung zukünftiger Generationen ungerecht stark einschränken
  9. Die Einschränkung der Freiheit und des Lebensstandards zukünftiger Generationen macht das Klimaschutzgesetz in Teilen verfassungswidrig

Diese Logik ist von höchster richterlicher Stelle die offizielle Bestätigung, dass es beim Klimaschutz um den Erhalt des aktuellen Lebensstandards und der damit verbundenen Freiheiten geht. Zwischen heutigen und zukünftigen Freiheiten und Einschränkungen muss dafür eine faire Balance gefunden werden.

Der Balance-Akt zwischen persönlicher Entfaltung und Klimaschutz am Beispiel meines Urlaubs

Diese faire Balance zwischen heutigen und zukünftigen Einschränkungen und Lebensstandards zu finden, halte ich für unmöglich. Wie ich zu dieser Eischätzung komme, möchte ich anhand meines Sommer-Urlaubes erklären.

Wir schreiben das Jahr 2021. Im August werde ich eine Dachbox auf mein Auto schnallen, Frau und Kinder ins Auto setzen und entspannt an den Gardasee fahren. Das habe ich letztes Jahr schon gemacht. Die Strecke von München bis zum Campingplatz am Gardasee (394km) bewältige mein Durchschnittsbenziner locker mit einer Tankfüllung – trotz schwerer Beladung, schlechter Aerodynamik und bergiger Strecke. Mittlerweile besitzen wir einen sportlichen Diesel, 900 Kilometer mit einer Tankfüllung schrubbt. Damit komme ich theoretisch ohne Tanken zum Gardasee wieder und zurück nach Hause. Das ist mein aktueller Lebensstandard.

Dieser Lebensstandard darf und soll laut Bundesverfassungsgericht erhalten bleiben. Er soll spätestens ab 2030 nur möglichst klimaneutral ausgelebt werden. Glücklicherweise arbeiten Industrie und Politik unter dem Schlagwort Elektromobilität an einer klimaneutralen Alternative für meinen Urlaub: Ich fahre mit einem klimaneutralen Elektroauto an den Gardasee. Heute gibt es noch keine Elektro-Autos die (a) die Strecke zum Gardasee mit Urlaubs-Beladung ohne Laden Schaffen und (b) für mich erschwinglich sind. Das ist in Ordnung, weil ich muss ja erst 2030 klimaneutral an den Gardasee kommen. Ich erwarte dass Technologie und Infrastruktur spätestens 2030 soweit sein könnte, dass ich mir ein Auto leiste kann, das mich elektrisch und klimaneutral zum Gardasee bringt.

Mein Lebensstandard und Klimaneutralität bis 2030 scheinen somit grundsätzlich gut vereinbar. Zunächst kann ich also wie folgt priorisieren:

  1. Lebensstandard halten (Entspannt zum Gardasee fahren)
  2. Klimaschutz durch Klimaneutralität (Ab 2030 entspannt und elektrisch zum Gardasee fahren)

Zu meiner persönlichen Entfaltung und Freiheit gehört aber auch, dass ich persönlich wachsen und mich entwicklen möchte. Das darf sich gerne auch in meiner Urlaubsgestaltung niederschlagen. 2030 ist ein besonderes Jahr – ich werde 40 und meine älteste Tochter 18. Spätestens in diesem Jahr will ich mir den Traum erfüllen, mit meiner Familie in die USA zu fliegen und einen Roadtrip in einem Camper zu machen. Pancakes in Diners, Lagerfeuer, Naturparks entdecken, endlose Highways entlang cruisen während die Familie „Country Roads“ singt. Demnach müsste bis 2030 nicht nur mein Trip zum Gardasee, sondern auch mein Flug und der Road-Trip in die USA klimaneutral möglich sein. Dem entspräche folgende Priorisierung:

  1. Lebensstandard heute genießen (2021 entspannt zum Gardasee fahren)
  2. Persönliche Entfaltung durch persönliches Wachstum (2030 Road Trip in den USA)
  3. Klimaschutz durch Klima-Neutralität (Urlaub 2030 klimaneutral)

Zunächst ist dieses Szenario bezüglich Klimaneutralität etwas herausfordernder als das erste. Es erscheint aber derzeit möglich, dass Flugzeuge 2030 (auf dem Papier) klimaneutral fliegen könnten. Die Lösung heißt hier grünes Kerosin. Die unschlagbare Logik ist, dass CO2 das durch Verbrennen von grünem Kerosin ausgestoßen wird, per Definition klimaneutral ist, weil es während der Herstellung des Kraftstoffs der Atmosphäre entzogen wurde. Mir erscheint diese Logik suspekt, gesetzlich it sie aber genau so verankert. Grüne Camper kann ich mir bis 2030 auch gut vorstellen. Mein klimaneutraler USA-Urlaub scheint greifbar!

Meine Interessen müssen mit denen anderer Menschen balanciert werden

Aus meiner egoistischen, relativ privilegierten Perspektive scheint Klimaneutralität und Selbstentfaltung bezüglich meines Urlaubs wunderbar vereinbar. Leider ist die Sache komplizierter, weil nicht nur meine heutigen und zukünftigen Interessen berücksichtigt werden müssen, sondern auch die meiner Tochter. 2050 könnte meine Tochter in einer ähnlichen Situation sein, wie ich es heute bin: Erwachsen mit (mindestens) einem 9-jährigen Kind.

nicht nur meine Entfaltung muss berücksichtigt werden, sondern auch die meiner Tochter. Dabei ist der Anstieg im generellen Lebensstandard über die Zeit einzurechnen. Zu klären wäre, was für meine Tochter das Äquivalent des Jahres 2050 zu meinem Camping Urlaub am Gardasee im Jahre 2021 wäre und welche persönlichen Einschränkungen zum jeweiligen Zeitpunkt für Sie und mich im jeweiligen Kontext fair wären unter gleichzeitiger Einbeziehung meines USA-Urlaubs im Jahre 2030 den ich gemeinsam mit meiner Tochter machen möchte.

Wenn man die Abwägung richtig gut machen wollte, müsste man übrigens zusätzliche Gedanken einfließen lassen:

  • Die Abwägung müsste mindestens bis 2080 für meine Enkeltochter durchgeführt werden, die dann mit ihren Kindern Urlaub machen möchte
  • Die Abwägung müsste den Sozio-ökonomischem Status innerhalb Deutschlands und über die Zeit berücksichtigen
  • Die Abwägung müsste weltweit aufgezogen werden und unterschiedliche Entwicklungsstände und Entwicklungsrechte berücksichtigen

Dieses Vorgehen ist theoretisch und praktisch völlig unmöglich. Eleganterweise fordert das Urteil des Bundesverfassungsgerichts auch kein solch detailliertes Abwägen. Vereinfacht gibt es zwei sehr hilfreiche Einschränkungen für die Abwägung und damit auch die Gesetzgebung:

  1. Die Abwägung muss für den direkten deutsche Einflussbereich durchgeführt werden – international muss lediglich auf ähnliche Abwägungen hingewirkt werden
  2. Es reicht aus, wenn die Abwägung nicht offensichtlich falsch und offensichtlich unzureichend (derzeit ist sie offensichtlich unzureichend und daher verfasssungswidrig)

Gerade der zweite Punkt erlaubt einen quasi endlosen Graubereich zwischen „offensichtlich unzureichenden“ und „sicher wirksamen“ Gesetzen zum Erreichen von Klimaneutralität. Genau dieser Graubereich ermöglicht die scheinbare Vereinbarkeit von fortschreitender (materieller) Selbstentfaltung und Klimaneutralität aufrecht zu erhalten. Psychologisch gesehen ist dieser Ansatz genial, weil er erlaubt den Status Quo aufrecht zu erhalten, kaum Verhalten zu ändern und gleichzeitig an eine bessere Zukunft zu glauben. In Bezug auf den ersten Artikel: Man kann den Kuchen eben doch behalten und essen! Leider entspricht dieses Ergebnis nicht der Realität.

Mein Lebensstandard ist heute schon viel zu hoch für Nachhaltigkeit

Am 05.05.2021 war Earth Overshoot Day in Deutschland. Das bedeutet, dass wir durch den aktuellen deutschen Lebensstandard die nachhaltig zur Verfügung stehenden Ressourcen für ein Jahr bereits am 05.05. aufgebraucht hatten. Um den aktuellen deutschen Lebensstandard dauerhaft aufrecht erhalten zu können, bräuchte es 2,9 Erden.

Entsprechend müsste ich mir persönlich eigentlich die Frage stellen, welche Alternative zum Urlaub am Gardasee es für mich gibt, die um den Faktor 2,9 weniger Ressourcen verbraucht. Dazu habe ich überhaupt keine Lust. Glücklicherweise gibt es einige Taschenspielertricks, die es mir helfen mir diese Frage nicht zu stellen.

Zunächst kann ich den Unterschied zwischen Klimaneutralität und Nachhaltigkeit bemühen. Klimaschutz-Regelungen fokussieren größtenteils auf CO2 und andere Treibhausgase. Daraus ergibt sich ein klarer Unterschied zwischen klimaneutralen (Fokus auf CO2) und nachhaltigen (alle Ressourcen) Lebensstilen. Im Klimaschutzgesetz geht es eigentlich immer nur um CO2. Manchmal dreht sich die öffentliche Diskussion auch ein bisschen um Plastik in Ozeanen das Fische erdrosselt und EU-Richtlinien für den Verbot von Plastik-Strohhalmen. Im Kern geht es aber um CO2.

Der Fokus auf Klimaneutralität ist konsequent, weil dadurch das scheinbar drängendste Problem bearbeitet wird. So geht die Menschheit nicht erst seit der sich 1713 abzeichnenden und derzeit wieder aufkommenden Holzknappheit vor. Bisher funktioniert das ziemlich gut. Der menschliche Ideenreichtum hat immer wieder Lösungen für die drängendsten Probleme gefunden und alle Untergangsszenarien erwiesen sich als falsch – bzw. traten nicht so schlimm ein wie vorhergesagt. Dieser Umstand ergibt sich aber leider nicht aus der Genialität der Lösungen sondern viel mehr aus der dramatischen Übertriebenheit der Untergangsszenarien. Jemand der glaubt gegen Drachen kämpfen zu müssen und sich darauf vorbereitet, wird mit dem Angriff von Eidechsen wenige Probleme haben. Um eine gute Geschichte daraus zu machen, muss er die Eidechsen im Nachgang natürlich möglichst furchterregend beschreiben.

Zusätzlich gibt es eine geschickte Inkonsequenz in der Nutzung der Begriffe Klimaneutralität und Nachhaltigkeit:

  1. Klimaneutralität und Nachhaltigkeit sind sehr unterschiedliche Konzepte
  2. Klimaneutralität und Nachhaltigkeit werden von vielen Menschen und Medien synonym verwendet

Der nützliche Effekt besteht darin, dass durch die Differenzierung zunächst spezifisch und sehr fokussiert Lösungen für Klimaneutralität geschaffen werden können (s.o.). Die anschließende Verwendung der Begriffe als Synonyme ermöglicht Lösungen für das Problem der Klimaneutralität als Lösungen für das Problem der Nachhaltigkeit zu verkleiden.

Die Geschichte, dass Elektroautos klimaneutral und deswegen nachhaltig sind, löst mehr Probleme als die Frage ob Elektroautos wirklich nachhaltig sind. Deswegen ist der Hype um Elektroautos so erfolgreich: Es ist psychologisch einfach viel entspannter an die Nachhaltigkeit von Elektroautos zu glauben, statt nur ihre Klimaneutralität mit weiterhin ungelöster Nachhaltigkeits-Problematik zu sehen.

Ausblick: Klimaschutz ist (auch) ein Versuch die eigene Sterblichkeit zu bearbeiten

Das Problem der Nachhaltigkeit ist dabei aus psychologischer Sicht ein sehr besonderes, dem ich mich im dritten Teil meines Gedankenganges widmen möchte. Nachhaltigkeit, also die Idee einen Zustand oder Prozess unendlich aufrecht erhalten zu können ist nämlich eine Lösung für das Problem der Endlichkeit und somit der eigenen Sterblichkeit.

Klima 1: Klimaschutz ist im Kern konservativ und ein furchtbar paradoxes Problem

Dies ist der erste Beitrag eines vier-schrittigen Gedankenganges zu psychologisch-philosophischen Aspekten des Klimaschutzes:

  1. Klimaschutz ist im Kern konservativ und furchtbar paradox
  2. Beim Klimaschutz geht es nicht ums Klima sondern um Menschen
  3. Klimaschutz ist (auch) ein Versuch die eigene Sterblichkeit zu bearbeiten
  4. Zusammenfassung der psychologischen Ideen zum Umgang mit Klimaschutz

Mit meinen Gedankengängen möchte ich Diskussion und eigenes Nachdenken anregen. Dazu möchte ich meine psychologisch-philosophische Perspektive auf das Thema Klimaschutz anbieten.

Intro: Das fortschrittliche Gewand des Klimaschutzes

Klimaschützer als konservativ zu bezeichnen scheint wie eine Beleidigung. Grüne Politiker, Klimaforscher und Aktivisten warnen dringlich vor den Folgen des Klimawandels und rufen dazu auf jetzt! – sofort! – dringend! – umfangreiche politische und wirtschaftliche Veränderungen anzustoßen.

Wie komme ich auf die kuriose Idee, diese fortschrittlichen Menschen als konservativ zu bezeichnen? Sie wollen die Welt verändern, am besten sofort und umfangreich: Für eine grüne, CO2-neutrale und grundsätzlich bessere Zukunft! Klimaschützer wollen den Ressourcen- und Umweltzerstörenden Status Quo nicht beibehalten und konservieren, sie können doch gar nicht konservativ sein?!

Ich sehe es so: Klimaschützer sind konservativ und gleichzeitig fortschrittlich. Diese Aussage klingt paradox. Wie kann jemand gleichzeitig konservativ und fortschrittlich sein – schließen sich die beiden Eigenschaften nicht aus? Durch eine Analyse in welchen Aspekten Klimaschützer fortschrittlich und wo sie konservativ handeln, lässt sich der Widerspruch zumindest teilweise auflösen.

Klimaschutz bedeutet Alles zu ändern, damit Alles gleich bleibt

Die geforderten fortschrittlichen Veränderungen betreffen den Umgang mit Ressourcen, politische Maßnahmen und individuelles Verhalten. Der Fokus der Veränderungen und Maßnahmen liegt auf der Ebene von Handlungen. Gefordert werden neue Technologien, Gesetze und Geschäftsmodelle. Die Forderungen sind umfangreich, teilweise radikal und betreffen alle Bereiche menschlichen Zusammenlebens. Sie sind also vieles, aber nicht konservativ.

Es braucht die Warum?-Frage nach dem Sinn und Hintergrund der Forderungen um den konservativen Kern der Forderungen zu beleuchten: Das derzeitige Klima und das weltweite natürliche Ökosystem soll erhalten werden. Die Logik dahinter ist einfach und stichhaltig:

  1. Mit unserem aktuellen Wirtschaften und Verhalten zerstören wir das weltweite Ökosystem
  2. Das weltweite Ökosystem soll aber nicht zerstört sondern bewahrt und erhalten werden
  3. Um das Ökosystem zu erhalten, brauchen wir Veränderungen und zwar jetzt und dringend!

So schnell wird aus einem konservativen Gedanken (Ökosystem bewahren) eine fortschrittliche Forderung (Veränderungen jetzt!)

Ich möchte noch einen Schritt weitergehen und stelle erneut die Warum-Frage: Warum soll das Ökosystem bewahrt werden? Die Antwort ist recht einfach: Das Ökosystem ist die Grundlage des aktuellen menschliche Lebens und Wohlstandes. Das Ökosystem zu bewahren bedeutet, die Art und Weise, wie wir heute leben, zukünftig zu ermöglichen. Das Wort „enkelgerecht“ bringt die konservative Idee „Mein Enkel soll so komfortabel leben können wie ich“ auf den Punkt.

Die fortschrittlichen und teils radikalen Forderungen von Klimaschützern haben demnach zwei konservative Kerne:

  1. Das Ökosystem soll weiterhin bestehen, so wie es ist
  2. Unser Lebensstandard soll weiterhin bestehen, so wie er ist

Die paradoxe Formel „Alles soll sich ändern, damit alles so bleibt wie es ist“ fasst den Sachverhalt zusammen und erklärt wie Fortschritt und Konservatismus verwoben sind.

Die kontinuierliche Annäherung von Konservativen und Grünen

Mir erscheint, dass diese paradoxe Sichtweise auf Klimaschutz und Nachhaltigkeit sich in den letzten Jahren entwickelt hat und mittlerweile – zumindest in Deutschland – die politische Mitte bildet.

Die zunehmende Integration von Klimaschutz und Nachhaltigkeit in neue Geschäftsmodelle z.B. mit der Idee der Kreislaufwirtschaft stellt ein Beispiel für diese Paradoxie dar: Wir brauchen dringend neue nachhaltige Geschäftsmodelle und Ideen (Alles soll sich ändern), damit unser kapitalistisches, wachstumsorientiertes Wirtschaftssystem weiterhin bestehen kann (damit alles so bleibt wie es ist).

Ein konkreteres Beispiel, das die öffentliche Diskussion prägt, ist das Thema Elektromobilität. Der Umstieg von Verbrennungsmotoren auf Elektromotoren bedeutet einen gigantischen Umbau von Industrie, Infrastruktur und Geschäftsmodellen. Das Ziel des Ganzen besteht darin, individuelle Mobilität auch zukünftig – aber (lokal) emissionsfrei – zu ermöglichen. Kurz gesagt: Mobilität muss grundsätzlich neu gedacht werden (Alles muss sich ändern), um die heutige Mobilität von Menschen zu erhalten (damit alles so bleibt wie es ist).

Die paradoxe Entwicklung des Klimaschutzes zeigt sich in Deutschland auch politisch durch die Annäherung von Grünen und CDU/CSU. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass zum Ende des Jahres 2021 eine schwarz-grüne Koalition Deutschland regieren wird. Etwas überspitzt und einseitig zugeordnet, passt auch hier die Formel: Alles muss sich ändern (Grüne), damit alles so bleibt wie es ist (CDU/CSU). Eine rein symbolische Krönung für diese paradoxe Beziehung wäre, wenn die erste Kanzlerin durch die erste grüne Kanzlerin abgelöst wird.

Maximal vereinfacht, ergibt sich für mich folgende Zuordnung des paradoxen Grundproblems:

  • Alles muss sich verändern, = Mehr Klimaschutz, Nachhaltigkeit und Emissisonsfreiheit
  • damit alles so bleibt wie es ist = Erhalt von wirtschaftlichem Wachstum und Kapitalismus als Wohlstandstreiber

Klimaschutz braucht bewussten Umgang mit Paradoxien

Ich möchte mich mit meinem Gedankengang an dieser Stelle etwas vom Klimawandel entfernen und eine eher psychologisch-philosophische Perspektive auf Paradoxien und den Umgang mit ihnen einnehmen. Zum Schlusss versuche ich den bogen zurück zum Anfang zu spannen.

Die paradoxe Formel „Alles muss sich ändern, damit alles so bleibt wie es ist“ hat den großen Nachteil, dass sie nicht einfach oder widerspruchsfrei realisierbar ist. Mit einem Sprichwort ausgedrückt: „You can’t have the cake and eat it.“ Auf Deutsch: „Du kannst den Kuchen nicht essen und ihn gleichzeitig behalten“. Die meisten Menschen haben eine geringe Ambiguitätstoleranz, erleben Paradoxien als äußerst unangenehm und streben danach sie aufzulösen. Aus meiner Sicht gibt es zwei langfristig ungünstige, aber kurzfristig nützliche Wege mit Paradoxie umzugehen.

Der erste mögliche Umgang mit Paradoxie erwächst aus dem Eindeutigkeitsanspruch westlicher Philosophie, monotheistischer Religionen und moderner Naturwissenschaft: Finde die richtige Variante und entscheide dich für sie, also:

  • ENTWEDER iss den Kuchen (Alles muss sich ändern)
  • ODER behalte den Kuchen (alles bleibt so wie es ist)

Ich halte die Idee von „das Richtige“ für grundsätzlich problematisch und habe dazu an anderer Stelle schon etwas geschrieben.

Der Vorteil des ENTWEDER-ODER ist der Gewinn an Klarheit, Einfachheit und Sicherheit. Gleichzeitig entstehen Extrem-Pole, die sich sozial- und gruppendynamisch manifestieren können: ENTWEDER du bist Kuchenesser ODER du bist Kuchenbehalter. ENTWEDER du bist Kapitalist ODER du bist Klimaschützer. Die aufgezwungene Entscheidung erzeugt Eindeutigkeit, Sicherheit, Zugehörigkeit und stiftet Identität. Der Nachteil des Entscheidungszwanges ist das Stress-Erleben des Zwanges selbst, der Verlust von differenzierenden Zwischenbereichen und die Gefahr von Extremismus. Diese Nachteile lassen sich in der medialen Diskussion um Corona-Maßnahmen derzeit eindrücklich besichtigen.

Die zweite Möglichkeit mit Paradoxie umzugehen ist, sie nicht anzuerkennen und sich mit anderen, weniger paradoxen Problemen zu beschäftigen. Der folgende Satz beschreibt den Aspekt des Nicht-Anerkennens: „Natürlich kannst du den Kuchen essen und ihn behalten.“ Die meisten Menschen erkennen, dass dieser Satz nicht stimmen kann. Da Menschen clevere Wesen sind, modifizieren sie den Satz etwas und führen so ein weniger paradoxes Probleme ein, mit dem sie sich beschädigen können: „Natürlich kannst du den Kuchen essen und ihn behalten – du musst es nur sehr klug anstellen.“ Es geht dann nicht mehr um das Problem des paradoxen Kuchens, sondern um die Aufgabe kluge Lösungen zu finden.

Aus meiner Sicht gehen wir derzeit mit diesem Ansatz an das Thema Klimawandel und Nachhaltigkeit heran: „Natürlich lassen sich Wachstums-Kapitalismus, Klimaschutz und Nachhaltigkeit vereinbaren – wir brauchen nur die richtigen Technologien, Gesetze und Geschäftsmodelle.“ Durch den Zusatz verschiebt sich der Fokus von der eigentlichen Paradoxie zwischen Kapitalismus und Klimawandel auf Handlungsoptionen. Anstrengungen richten sich auf die richtigen Technologien, Gesetze und Geschäftsmodelle, statt sich mit dem paradoxen Kernproblem zu beschäftigen. Dieses Vorgehen ist sehr nützlich und birgt große Vorteile:

  • Die unangenehme Beschäftigung mit Paradoxie entfällt, was zu weniger Unsicherheit führt.
  • Die Beschäftigung mit Technologien, Gesetzen und Geschäftsmodellen ermöglicht ein hohes Erleben von SelbstwirksamkeitMan kann etwas Wirksames tun und ist beschäftigt. Das fühlt sich (für viele Menschen) gut an.
  • Die Investitionen in Technologie, Gesetze und Geschäftsmodelle führen zu realen, erlebbaren Verbesserungen. Ein Beispiel: Den Umbau eines grauen Betonparkplatzes in einen grünen Park kann ich beobachten, dazu beitragen und den Park erleben

Dieses Vorgehen wird dadurch begünstigt, dass weder der Zusammenhang von Klimawandel und Konsum (Kapitalismus), noch die Folgen des Klimawandels direkt erlebbar sind. Die Zusammenhänge sind zu komplex und die Folgen zu weit in der Zukunft, als dass ein Mensch sie unmittelbar erleben könnte. Filme, wie „The Day after Tomorrow“ versuchen die Folgen des Klimawandels greifbarer zu machen. Sie müssen dabei aber auf sprunghafte Veränderungen zu einem Zeitpunkt zurückgreifen, die den langsamen Veränderungen der Realität (und damit dem täglichen Erleben der Menschen) nicht entsprechen, wodurch es wiederum leicht ist, den Film als fiktives Kunstwerk einzuordnen (was er ja auch aber nicht ausschließlich ist).

Leider gibt man sich einer Illusion hin, wen man Paradoxie einfach ignoriert, Vereinbarkeit von Klimawandel und Kapitalismus annimmt und sich auf die Suche nach cleveren Lösungen begibt. Die zwei gravierenden Nachteile bestehen darin, dass (1.) das eigentliche Problem nicht bearbeitet wird und man (2.) Aufwand betreiben muss um die Illusion aufrecht zu erhalten. Letzteres funktioniert z.B. durch kognitive Dissonanzreduktion, selektive Wahrnehmung oder Verdrängung. Die Enistellung Klimawandel leugnen kann hier als Extrembeispiel dienen: „Da es den Klimawandel nicht gibt, ist Klimaschutz unnötig und problemlos mit Kapitalismus vereinbar.“. Die Unmöglichkeit die Folgen des Klimawandels oder makroskopische Zusammenhänge direkt (hautnah statt abstrakt-rational oder durch Kunst) zu erleben, macht es vergleichsweise einfach, die Illusion aufrecht zu erhalten.

Zum Schutz der eigenen Psychohygiene und zur Steigerung des eigenen Wohlbefindens ist die Nutzung von Illusionen übrigens äußerst legitim, erfolgreich und weit verbreitet. Im Fall von Klimaschutz und Kapitalismus können die positiven Effekte der Illusion genossen werden, mit einer gleichzeitig geringen Gefahr, dass die Illusion und dazugehörige stabilisierende Schemata durch reale Erfahrungen irritiert werden. Es ist gut möglich (und nicht verwerflich!) auf diesem Pfad ein glückliches Leben zu führen.

Ich halte den „Illusions-Ansatz“ als Umgang für die Paradoxie von Klimawandel und Kapitalismus dennoch (mindestens langfristig) für ungünstig. Das liegt vor allem daran, dass das eigentliche Problem nicht bearbeitet wird.

Das eigentliche Problem sind die Veränderungen durch den Klimawandel und die koordinierte Reaktion der Menschheit darauf. Hier schließt sich der Kreis zum Beginn des Artikels. Zu Beginn habe ich die unterschiedlichen Aspekte herausgearbeitet, hinsichtlich derer Klimaschützer als konservativ oder fortschrittlich bezeichnet werden können. Den gleichen Ansatz empfehle ich für den Umgang mit der Formel „Alles muss sich ändern, damit alles so bleibt wie es ist„. ENTWEDER-ODER und Verleugnung sind langfristig ungünstig.

Der erste Schritt ist anzuerkennen, dass eine Realisierung der Formell „Alles muss sich ändern, damit alles so bleibt wie es ist“ und der damit verbundenen Hoffnungen zwar wünschenswert, aber leider nicht möglich ist. Dieser Anerkennungsschritt bedeutet für die meisten Menschen eine massive Erschütterung von Grundannahmen (Schemata, Glaubenssätze, Skripte) über die Beschaffenheit der Welt. Das unmittelbare Ergebnis dieser Erschütterung ist psychischer Stress. Um mit diesem Stress umgehen zu können braucht es eigene psychische Ressourcen und Trost (Resonanz und Mitgefühl: Wie Trost gelingt von Frank Staemmler kann ich zu diesem Thema wärmstens empfehlen.)

Ich halte es für kurz- bis mittelfristig und aus psychologischer Sicht für clever und eine funktionale Strategie, sich diese Erschütterungen zu ersparen und einfach an die Vereinbarkeit von Klimaschutz and Kapitalismus zu glauben. Die stabilisierende Wirkung für das globale System und die individuelle Psyche dieser Illusion sind gigantisch und äußerst wertvoll. Als stützendes Beispiel können Menschen (z.B. Nietzsche) und Figuren (z.B. Faust) dienen, die konsequent versuchten Illusionen aufzulösen und zu hinterfragen. Sie sind eher nicht als besonders glückliche oder lebensfrohe Zeitgenossen bekannt.

Ist die Erschütterung des Illusionsverlustes überwunden, entsteht die Möglichkeit differenziert mit dem vorliegenden paradoxen Problem umzugehen. Die Anerkennung der Paradoxie ermöglicht Gewinne und Verluste als untrennbar verknüpft zu verstehen. Die jeweiligen Verluste und Gewinne unterschiedlicher Szenarien können dann bewusst abgewägt werden. (Hier ist übrigens ein Anknüpfungspunkt zum Konzept der Komplexität, also der Nicht-Existenz optimaler, verlustfreier Lösungen). Um dieses Abwägen zu ermöglichen finde ich folgende Fragen äußerst hilfreich.

  • Welche Veränderungen begrüße ich und wovon nehme ich deswegen Abschied?
  • Was möchte ich bewahren und worauf verzichte ich deswegen?

Ich glaube, dass diese Fragen die Kernfragen zur Bearbeitung der Paradoxie zwischen Kapitalismus und Klimaschutz sind. Vorausgesetzt, man entscheidet sich dafür dieses Problem zu bearbeiten. (Diese Entscheidung ist übrigens selbst wieder ein paradoxes Problem, wie anhand meiner Ausführungen hoffentlich deutlich wurde.) Darüber lassen sich die Fragen, für jeden persönlichen oder organisationalen Veränderungsprozess und grundsätzlich für paradoxe und komplexe Probleme nutzen. Voraussetzung dafür ist das Aufgeben von gewissen Sicherheits-spendenden Grundannahmen und ein Einlassen auf Unsicherheit, mehrfache Ambivalenz.

Ausblick: Die Gleichgültigkeit des Klimas

Im nächsten Schritt des Gedankenganges soll es um die Kuriosität des Begriffes Klimaschutz gehen und inwiefern das Klima überhaupt beschützt werden kann. Es wird sich zeigen, das Klimaschutz wenig mit der Schutzbedürftigkeit des Klimas selbst zu tun hat.