Wer ist eigentlich dieses „Wir“ von dem Alle reden?

Gerade ist sie mir wieder begegnet, die pauschale „Wir“-Formulierung.  Was ich damit meine? Hier einige Beispiele:

  • Wir müssen die Welt retten, derzeit zerstören wir sie
  • Wir sind eine narzisstische Gesellschaft
  • Wir verschlafen die Digitalisierung
  • Wir versagen im Kampf gegen Corona
  • Wir müssen als Gesellschaft für unseren Wohlstand kämpfen
  • Wir sind alle Sünder

Wenn ich solche Formulierungen lese, lassen sie mich heute irritiert zurück und ich frage mich:

  • Wer ist „Wir“?
  • Was ist die „Gesellschaft“?

Wer ist mit „Wir“ gemeint?

Tatsächlich konnte ich bei mir selbst beobachten, dass ich selbst häufig „Wir“-Formulierungen im Kopf hatte und niederschrieb. Wenn ich „Wir“ sagte, meinte ich „Du und Ich“. Beim Schreiben dieses Artikels achte ich darauf nicht von „Wir“ oder „Anderen“ zu schreiben.

Als studierter Psychologe und zertifizierter Coach bin ich Experte zu manchen Themen. Wenn ich aus dieser Expertenrolle Sätze schreibe wie „Wir brauchen alle Therapie“, erzeugt das eine besondere Dynamik:

  1. Indem ich „Wir“ sage, setze ich mich selbst mit ins Boot, gebe zu, dass ich auch „Therapie“ brauche. So wird die Aussage weicher und leichter empfänglich
  2. Da ich selbst Psychologe bin, war ich bereits in Therapie, habe einen Vorsprung vor allen, die noch nicht in Therapie waren. So baue ich ein Experten-Laien Gefälle auf
  3. Als Psychologe und Coach kann ich selbst Beratung anbieten und verkaufen

In Summe sagt der Satz „Wir brauchen alle Therapie“ dann eigentlich: „Du solltest eine Therapie machen, idealerweise bei mir, weil ich bin schon viel weiter als du.“

Als Sender von „Wir“-Formulierungen erzeuge ich so Druck auf mein Gegenüber, bestimmte Meinungen zu übernehmen oder Handlungen auszuführen. Das ist äußerst übergriffig:

  • Durch das „Wir“ erzeuge ich eine Verklammerung von „Du“ und „Ich“
  • Ich unterstelle meinem Gegenüber etwas („Du brauchst Therapie“), von dem ich nicht weiß, ob es tatsächlich so ist

Als Konsequenz aus dieser Erkenntnis, achte ich als Sender darauf, keine „Wir“-Formulierungen dieser Art zu verwenden. Vor dem Nutzen des Wortes „Wir“ möchte Ich mit meinem Gegenüber, dem „Du“, klären, ob tatsächlich ein gemeinsamer Standpunkt existiert. Nur dann ist das „Wir“ angebracht.

Als Empfänger von „Wir“-Formulierungen gehe ich immer einen Schritt zurück und versuche für mich folgende Fragen zu beantworten.

  • Habe ich das Gefühl, dass der Sender aus einer Haltung des überlegenen Expertentums spricht oder als Gegenüber auf Augenhöhe?
  • Fühle ich mich von der inhaltlichen Aussage nach dem „Wir“ angesprochen oder nicht?

Nur wenn ich das Gefühl habe, als Gegenüber auf Augenhöhe angesprochen zu werden und mich inhaltlich in der Aussage wiederfinde, trete ich gerne in einen Dialog ein.

Was ist die Gesellschaft?

Neben der „Wir“-Formulierung, die ich als Experte an einen Laien richte, kenne ich noch eine weitere Spielart, die ich häufig genutzt habe: Ich richte eine „Wir“-Formulierung an einen anderen Experten auf dem gleichen Fachgebiet.

Wenn ich zu einem anderen Psychologen sage „Wir brauchen alle Therapie“ und mein Experten-Kollege dieser Formulierung zustimmt, dann entsteht häufig ein Bündnis das sagt: „Alle Anderen brauchen Therapie (wir Beide sind ja schon fast über den Berg)“.

Eine elegante Alternative zur „Wir“-Formulierung ist, über „die Gesellschaft“ zu sprechen. Ich habe früher recht häufig Sätze gesagt und gedacht wie. „Unsere Kultur und Gesellschaft ist furchtbar narzisstisch und egozentrisch.“  Meist bekam ich Zustimmung für solche Sätze, was sich erst mal sehr gut anfühlt. Heute spreche ich kaum noch über „die Gesellschaft“. Das ist so, seit mein Coach auf eine meiner Gesellschafts-Schelten antwortete: „Ja stimmt, die Gesellschaft ist furchtbar narzisstisch. Aber du bist natürlich überhaupt nicht narzisstisch, Sascha.“  

In der „Wir“-Form („Unsere“) über „Gesellschaft“ zu sprechen ist nichts anderes, als ein Bündnins gegen Andere einzugehen: „Wir sind uns einige, dass die Anderen (die Gesellschaft) narzisstisch ist und sich ändern sollte.“ Somit ist geschickt, von der eigenen Verantwortung und dem eigenen Handlungsspielraum abgelenkt: „Wie solllich als Einzelner die Gesellschaft verändern? Das geht doch nicht.“  

Wer ohne Sünde ist…

Im Wissen um meinen eigenen Narzissmus, meine Therapiebedürfdigkeit und sonstige „Fehler“, kehre ich lieber meinen eigenen Hof. Über die Änderungsbedarfe Anderer oder der Gesellschaft zu sprechen, halte ich für wenig hilfreich. 

Die Gesellschaft ist nur ein gedachtes Konstrukt. Sie existiert nur durch die Beiträge jedes Einzelnen Menschen. Das Einzige, was ich ändern kann, und wodurch sich vielleicht (!) auch die Gesellschaft ändert, ist mein Beitrag, mein persönliches Verhalten.

Was beim Messen von Menschen und Organisationen schiefgehen kann

Die Diagnose ist der Beginn jedes Beratungsprozesses. 

Organisationsberater führen Interviews, verteilen Fragebogen und nutzen Frameworks, um zu messen, wie die Organisation ist. Diese Messungen werden dokumentiert, zurückgemeldet und führen standardmäßig zu Maßnahmenpaketen, die durchgeführt werden.

Mediziner und Psychologen führen Untersuchungen durch, machen Tests und werten Proben in Laboren aus. Basierend darauf stellen sie eine Diagnose nach ICD-10 oder DSM 5. Diese Diagnose ist Grundlage der weiteren Behandlung und Therapie.

Dabei ist wichtig zu wissen, welche weitreichenden Konsequenzen die Messungen selbst, für das was man messen möchte haben.

Die Messung schränkt den Lösungsraum ein

Zunächst ist da die alte Manager-Weisheit „If you can’t measure it, you can’t manage it“. 

In eine ähnliche Kerbe schlägt Paul Watzlawik mit der Aussage „Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel.“. Aus der Synthese beider Aussagen folgt das Verhalten vieler Berater und Manager, dass sie vor allem auf das schauen, was sie besonders gut und einfach messen können. 

Zusammenhänge die (noch) nicht oder schwieriger erfassbar sind werden ignoriert oder absichtlich ausgeblendet. Besonders auffällig war dieses Muster, als wir bei Timmermann Partners einen CTO für eine App suchten. Je nach Hintergrund war der wichtigste Erfolgsfaktor für die Entwicklung einer App ganz klar das Backend, das Frontend, das Testing, die Dokumentation, oder die Server-Struktur. Nach den Interviews hatten wir (als eigentliche Technik-Laien) eine schöne Liste wichtiger technischer Themen. Wir kannten auch zu jedem Thema einen aussagefähigen Experten. Leider fanden wir keinen CTO.

Die Auswahl des Messinstruments und der Perspektive schränkt stark ein, was überhaupt bearbeitbar wird. Damit wird auch der Lösungsraum vorab begrenzt. Als Berater versuche ich daher, egal in welchem Kontext – darauf zu achten mehrere Messinstrumente, Themen und Frameworks zu kombinieren. Aus wissenschaftlich-psychologischer Sicht ist ein solches Vorgehen Standard und firmiert unter dem Schlagwort Multi-Trait-Multi-Method. Ein Messinstrument ist dabei auch immer meine subjektive Wahrnehmung und Erleben als Mensch.

Die Messung verändert das, was gemessen wird

Ein weiterer sehr wichtiger Punkt ist, dass die Messung einer Variable die Ausprägung der Variable verändern kann. Anders ausgedrückt, sobald ich ein Ding messe, verändert sich dieses Ding mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit.

Dieses Phänomen ist bereits in der Atomphysik beobachtbar und beschreibbar. Dort firmiert es unter dem Begriff der quantenmechanischen Messung. Ein Beispiel ist die Spin-Messungen bei verschränkten Quanten, die erst durch die Messung selbst einen festgelegten Spin-Wert annehmen.

Etwas weniger schwer zugänglich ist die Erkenntnis der Systemtheorie, dass die Beobachtung eines Systems durch einen außenstehenden Beobachter schlicht unmöglich ist. Durch die Beobachtung interagiert der Beobachter mit dem System, wodurch sich der Systemzustand ändert.

Wissenschaftlich-psychologisch wurde dieser Effekt bereits vor fast 100 Jahren durch den Hawthorne-Effekt beschrieben. In einer Fabrik sollte der Einfluss der Beleuchtung auf die Produktivität untersucht werden. Kurioserweise stieg die Produktivität unabhängig von den Lichtverhältnissen einfach, weil die Mitarbeiter merkten, dass sie beobachtet werden.

Gerade in Beratungsprojekten, Bewerbungsprozessen, Verkaufsgesprächen oder Steering Meetings sind solche Verzerrungen häufig. In der Personaldiagnostik ist das Phänomen unter dem Begriff „soziale Erwünschtheit“ bekannt. Einige Diagnostik-Instrumente testen den Grad der Messergebnis-Verzerrung durch soziale Erwünschtheit ab. Führungskräfte kompensieren diese Verzerrung häufig einfach dadurch, dass sie besonders kritisch nachfragen oder Sicherheitspuffer abziehen.

Zum Umgang mit solchen Phänomenen in der Rolle als Berater, finde ich das Konzept der Schauseite von Organisationen sehr hilfreich.

Messungen von Menschen und Organisationen sind chronisch ungenau

Gerade in der Personal- und Organisationsdiagnostik wird leider meist ignoriert, dass die meisten Messinstrumente chronisch ungenau und unzuverlässig sind. 

Absolviert eine Person zweimal den gleichen Diagnostik-Test werden sich ihre Ergebnisse unterscheiden. Auch Vergleiche zwischen mehreren mehrfach diagnostizierten Personen werden sich ändern. Der Grad der Zuverlässigkeit eines Tests wird mit der Retest-Reliabilität angegeben. Ich muss zugeben, dass mir diese Kennzahl bisher nur im akademischen und nicht im wirtschaftlichen Kontext begegnet ist. Einer der Haupt-Kritikpunkte am beliebten und in Wirtschafts-Kontexten recht häufig verwendeten MBTI Test ist die geringe Retest-Reliabilität.

Auf Organisationsebene gibt es insbesondere bei der Kulturdiagnostik verschiedene Instrumente, die angeblich die Kultur einer Organisation messen können. Neben Spiral Dynamics und Reinventing Organizations die in den letzten Jahren sehr beliebt waren, gibt es unzählige andere Modelle und Messinstrumente um Kultur zu messen.

Was dabei vergessen wird, ist die hohe Variabilität der Kultur und Verhaltensweisen innerhalb eines Unternehmens, bedingt durch die hohe Anzahl unterschiedliche Kontexte und Menschen, die in einem Unternehmen zusammenkommen (siehe Denkfehler 2 in diesem Artikel).

Zusätzlich wird eine klassische Erkenntnis der interkulturellen Psychologie ignoriert: Die Varianz innerhalb einer Gruppe ist meist deutlich größer als die Varianz zwischen Gruppen. 

Ein Beispiel: Wenn ich die Körpergröße von jeweils 1000 Männern und Frauen messe kommt dabei vielleicht heraus, dass Frauen im Schnitt 1,65m und Männer 1,80m groß sind. Frauen sind also im Schnitt 0,15m kleiner als Männer. Wenn ich mir anschaue welche Größen-Werte bei Männern vorliegen, reichen diese Werte vielleicht von 1,55m bis 2,20m. Die Spannweite ist 0,65m. Bei Frauen reichen die Messwerte vielleicht von 1,45m bis 2,00m. Die Spannweite ist 0,55m. Beide Werte sind deutlich größer als der Gruppenunterschied von 0,15m

Jetzt pauschal alle Männer als groß und alle Frauen als klein zu bezeichnen wäre aufgrund dieser Messergebnisse sehr ungenau. Bei Organisationskultur passiert aber genau das. Hier wird schnell und pauschal von „Teal“ Organisationen im Gegensatz zu „Orange“ Organisationen gesprochen.

Als grobe Orientierung und zur Anregung einer Entdeckungsreise sind solche Instrumente und Aussagen durchaus hilfreich. Als Berater setze ich solche Instrumente jedoch mit der nötigen Vorsicht und einem umfangreichen Beipackzettel ein.

Wut und Stühle

Die letzten 33 Monate waren für mich sehr ereignisreich, und haben vieles in meinem Leben verändert. Ein wichtiger Anstoß dafür war und ist die Coach-Ausbildung bei Hephaistos.

Diese Ausbildung endet im Juli und Teil der Zertifizierung ist eine Theoriearbeit, die ich hier teilen möchte. Die Arbeit trägt den Titel: Sollte ich meinen Klienten dazu ermuntern seine Wut an einem Stuhl auszulassen? – Überlegungen zum Ausdruck von Wut im Coaching.

Die Arbeit kann hier heruntergeladen werden:

Besonders bedanken für alle Impulse und Momente möchte ich mich bei all meinen Ausbildungskollegen und bei meinen Ausbildern Susanne Brugger, Nicola Janssen, Ursula Most und Klaus Eidenschink.

Das „beste Ich“ ist Narzissmus

Ich stoße häufig auf Coaches, die versprechen Menschen zu ihrem „wahren“, „besten“ oder „idealen“ Ich zu führen. Diese Angebote sind brandgefährlich. Sie füttern Narzissmus. Das führt im besten Fall zu einer Stabilisierung der Lage ohne Veränderung und im schlechtesten Fall zur Verstärkung narzisstischer Persönlichkeitsstörungen. 

Was ist eigentlich Narzissmus?

Narziss war ein holder Jüngling, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte. Er wies die Liebe anderer Menschen zurück und starb äußerst unglücklich. Narzissmus und die narzisstische Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.8) werden meist mit Egoismus, Selbstverliebtheit, Arroganz und Hybris gleichgesetzt. 

Das ist ungenau und einseitig. Es fehlt die feine, aber wichtige Unterscheidung, dass Narziss nicht in sich selbst, sondern in sein Spiegelbild verliebt war. Zusätzlich wird nicht betrachtet, aus welchem Grund Menschen überhaupt Narzissmus entwickeln.

Narzissten lieben Bilder von sich

Sein Spiegelbild zu lieben, bedeutet ein „Abbild-Ich“ zu lieben. Neben Spiegeln bieten Photoshop und Instagram unbegrenzte Möglichkeiten Bilder von sich selbst zu schaffen. Narzissten definieren „Ich“ und ihren eigenen Wert über ein oder mehrere „Abbild-Ich“. Desto toller das „Abbild-Ich“, desto toller die Reaktionen darauf, desto mehr Follower es hat, desto glücklicher ist der Narzisst.

Durch dieses Verhalten lösen Narzissten ein großes Problem: Narzissten haben keine von Innen kommende Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“. Sie wissen nicht, wer sie sind. Das ist eine tiefgreifende und sehr belastende Persönlichkeitsstörung. Wo ein freies und flexibles „Ich“ sein könnte, finden Narzissten nichts in sich. Das selbst geschaffene „Abbild-Ich“ dient dazu, diese Leere zu verdecken und sie nicht zu spüren. Das „Abbild-Ich“ soll das fehlende „Ich“ ersetzen.

Narzissmus ist dabei nur eine Möglichkeit, die fehlende Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ zu kompensieren. Andere Menschen, definieren „Ich“ über einen höheren Zweck, Organisationen oder geliebte Menschen und Kinder. 

Narzissten leben in unbewusster Angst vor ihrer inneren Leere

Das „Abbild-Ich“ der Narzissten kann das fehlende „Ich“ nicht gänzlich ersetzen. Es kann lediglich die innere Leere verdecken. Je nach Ausprägung der narzisstischen Tendenz wissen Narzissten unterschiedlich viel von ihrer inneren Leere. Manche verstecken die Leere bewusst, andere stecken so tief im Narzissmus, dass sie ihr „Abbild-Ich“ für ihr „Ich“ halten. 

Unbewusst spüren alle Narzissten, dass sie es mit etwas Schrecklichem zu tun bekommen, wenn das „Abbild-Ich“ Risse bekommt.  Daher nutzen sie verschiedene Strategien, um das „Abbild-Ich“ zu stabilisieren und das fehlende „Ich“ nicht zu spüren:

  • Sie vermeiden emotionale Nähe, damit niemand die „Abbild-Ich“-Fassade durchschaut und sie mit der Inneren Leere konfrontiert
  • Sie erzählen wie großartig sie (ihr „Abbild-Ich“) sind und beweisen das durch ihre herausragenden Erfolge wie: mein Job, mein Haus, meine Frau 
  • Sie deuten Erlebnisse und Erfahrungen so um, dass sie zum „Abbild-Ich“ passen, notfalls setzen sie diese Deutung gewaltsam durch
  • Sie suchen sich Anhänger, mit ebenfalls narzisstischen Tendenzen, die am großartigen „Abbild-Ich“ teilhaben dürfen – so entstehen narzisstische Allianzen
  • Sie ignorieren die Meinung von Mitmenschen und sind für Kontaktversuche, die nicht zu ihrem „Abbild-Ich“ passen völlig unerreichbar
  • Sie meiden spontane und unsichere Situationen, bei denen sie noch nicht wissen, wie ihr „Abbild-Ich“ sich verhält

Wie viele dieser Strategien und wie häufig Personen sie nutzen, gibt einen Hinweis auf die Schwere der narzisstischen Störung. Ein kleiner Selbsttest bietet sich an: Wie viele der Strategien entdeckst du in deinem Verhalten? Wenn du dich bei vielen Strategien wiederfindest, könnte das ein Hinweis darauf sein, dass du keine gute innere Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ hast. 

Ideal-Bilder bestärken Narzissten in ihrem Muster

Wenn ein Narzisst zum Coach oder Therapeuten geht, dann entweder, weil er aufgrund seiner narzisstischen Strategien in Probleme gerät, oder weil sein „Abbild-Ich“ Risse bekommt. Ein typisches Vorgehen vieler Coaches ist es, ein Idealbild zu definieren und dann Maßnahmen abzuleiten, wie man dieses Idealbild erreicht. Für Narzissten ist das super und passt perfekt zu ihrem Muster: 

  1. Durch das mit dem Coach erarbeitete Idealbild erhalten sie ein neues „Abbild-Ich“ das direkt durch die narzisstische Allianz mit dem Coach gestärkt ist
  2. Sie erlernen neue Maßnahmen und Verhaltensweisen um dieses „Abbild-Ich“ zu stabilisieren und somit die Gefahr zu verringern, dass sie auf die innere Leere stoßen

Psychologisch betrachtet, halte ich diese Dynamik für äußerst tragisch. Aus Sicht von Coach und Narzisst ist sie äußerst erfolgreich. Dem Narzissten geht es nach dem Coaching besser (ohne dass sich wirklich etwas verändert hat). Der Coach hat einen zufriedenen Kunden, der ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit weiterempfiehlt und bei der nächsten Krise zurückkommt. Wirtschaftlich betrachtet ist das ein sehr erfolgreicher Ansatz.

Ein kurzer Einschub zu Erfolg von Narzissten: Desto größer die innere Leere und Hilflosigkeit, desto größer ist die Motivation diesen Schmerz zu vermeiden. Diese Motivation kann riesige Energiemengen freisetzen, die in Leistung und Erfolge transformiert werden können. Desto erfolgreicher der Narzisst, desto größer seine Sogwirkung für narzisstische Allianzen und desto größer die Irritation bei all denen, die nicht in einer narzisstischen Allianz mit ihm stecken. Dieser Dreiklang ist wunderbar bei Donald Trump zu beobachten.

Eine echte Alternative wäre, dem Abgrund ins Auge zu blicken

Es gibt eine Alternative zum Aufbau eines neuen „Abbild-Ich“. Diese Alternative ist, sich der Frage „Wer bin ich?“ und damit auch dem schrecklichen inneren Loch zu nähern. Ich schreibe hier bewusst nähern und nicht stellen. Sich einem solchen Thema anzunähern braucht viel Mut und kleine Schritte. Zeit, Geduld, und gute Begleitung sind nötig, um nach „Ich“ zu suchen. 

Sich alleine auf die Suche zu machen ist (leider!) nicht möglich. Keine gute innere Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ zu haben, hängt auch damit zusammen, dass man als Kind und Jugendlicher keine Bezugspersonen hatte, die diese Frage für sich beantwortet hatten. Es gab kein anderes „Ich“ bzw. aus Perspektive des Kindes kein „Du“ mit dem man sich selbst hätte kennenlernen können. Demnach braucht es einen sehr guten Freund, Coach oder Therapeuten, der stabil „Ich“ sein kann und damit für sein Gegenüber ein „Du“ zum Entdecken und Lernen darstellt.

Selbst mit einem guten Begleiter ist die „Ich“-Reise herausfordernd. Es ist ein Irrglaube, ein statisches „Ich“ erreichen zu können, das sich nicht mehr ändert. Genau wie im Körper jeden Tag Millionen Zellen sterben und neu gebildet werden, verändert sich auch das, was „Ich“ ist ständig. Die Stabilität des „Ich“ entsteht durch Änderbarkeit und Flexibilität. Es ist ein wunderbares Paradoxon: Heute bin ich anders als gestern und dennoch bin ich heute genauso „Ich“ wie gestern.