Warum Reichtum ohne Armut nicht funktioniert

Luxus und Reichtum funktionieren nicht ohne Armut. Warum? Ich erkläre das mal kurz mit Äpfeln.

Mal angenommen, es gibt 20 Äpfel, die wir auf 10 Menschen aufteilen wollen. Wenn wir alle Äpfel aufteilen, hat jeder Mensch im Durchschnitt 2 Äpfel: 20 / 10 = 2. Probieren wir 3 Varianten aus, um die Äpfel auf die Menschen zu verteilen:

  1. Wenn wir die Äpfel gleich verteilen, dann bekommt jeder Mensch 2 Äpfel. Jeder Mensch hat genauso viele Äpfel wie es dem Durchschnitt entspricht. Eine Folge davon ist, dass es keinen Menschen gibt, der überdurchschnittlich viel hat.
  2. Geben wir einem Menschen 3 Äpfel, weil er besonders groß oder wichtig ist, bekommt jemand anderes nur 1 Apfel (Wir verteilen nur ganze Äpfel). Natürlich bleibt der Durchschnitt bei 2 Äpfeln pro Person. Jetzt gibt es 8 Menschen, die durchschnittlich viele Äpfel haben, 1 Mensch der überdurchschnittlich viele Äpfel hat und 1 Mensch der unterdurchschnittlich viele hat.
  3. Wir könnten die Äpfel aber auch ganz anders verteilen. Weil 1 Mensch besonders wichtig ist, bekommt er von jedem anderen 1 Apfel. Dieser Mensch hat jetzt 11 Äpfel und alle anderen haben 1 Apfel. Jetzt hat im Durchschnitt immer noch jeder Mensch 2 Äpfel. Nur sind die Äpfel jetzt so verteilt, dass 9 Menschen weniger haben als der Durchschnitt. 1 Mensch ist sehr reich und keiner hat genauso viel wie der Durchschnitt.

Dieser statistische Effekt begründet, warum man Mittelwerte immer mit Standardabweichung angeben sollte, die wird nämlich – anders als der Durchschnitt – größer je ungleicher die Äpfel verteilt sind. Mir geht es hier aber nicht um Statistik, sondern um Armut und Reichtum.

Die Hans-Böckler Stiftung definiert Armut so, dass jeder als arm gilt, der weniger als 60% des durchschnittlichen Einkommens zur Verfügung hat. Für die Äpfel-Verteilaufgabe von oben bedeutet das, dass jeder, der weniger als 1,2 Äpfel hat als arm gilt. Das bedeutet:

  • In Variante 1 gibt es 0 Arme
  • In Variante 2 gibt es 1 Arme
  • In Variante 3 gibt es 9 Arme

Wir wissen jetzt wie viele Arme es jeweils gibt, aber wie viele Reiche gibt es in den Varianten? Ich nehme vereinfacht an, dass man dann reich ist, wenn man genauso viel mehr hat, wie Arme weniger haben. Wer 2,8 Äpfel oder mehr hat, gilt dann als reich. So ergibt sich folgendes Bild. 

  • In Variante 1 gibt es 0 Reiche
  • In Variante 2 gibt es 1 Reiche
  • In Variante 3 gibt es 1 Reiche

Spannend ist bei dieser Gegenüberstellung, dass es in Variante 1 (jeder hat gleich) viel, weder Arme noch Reiche gibt. Dieser Effekt wird noch deutlicher, wenn man Reichtum als die „Oberen 10%“ definiert. In Variante 1 gibt es dann keine Oberen 10 % . Die Zuschreibung reich oder arm ist hier einfach nicht möglich, weil Jeder gleich viel hat.

In den beiden anderen Varianten gibt es Reiche und Arme. Das veranschaulicht, dass Armut und Reichtum immer Hand in Hand gehen. Das Eine kann es ohne das Andere nicht geben. Wer Armut auslöschen will, muss dafür das Streben nach Reichtum loslassen.

Variante 3 verdeutlicht einen weiteren Effekt. Desto größer das Vermögen der Reichen, desto mehr arme Menschen gibt es. Da ist es dann egal, ob 42 oder 62 Milliardäre die Hälfte des weltweiten Vermögens (quasi 11 von 20 Äpfeln, Variante 3) unter sich aufteilen. Der Reichtum und die dadurch entstehende Armut ist gigantisch. 

Das mit den Milliardären ist etwas plakativ und ungenau – zumal alle die das hier lesen keine Milliardäre und wahrscheinlich nicht mal Millionäre sind. Deswegen spitze ich das Argument gerne noch etwas zu. Möchtest du überdurchschnittlich viel verdienen? Ja? Ok, dann sagst du damit gleichzeitig, dass du möchtest, dass jemand Anderes unterdurchschnittlich viel verdient. Schau dir Variante 2 an. Damit einer 3 Äpfel haben kann, darf ein Anderer nur 1 Apfel haben. 

Es ist logisch unumgänglich. Sobald es Jemanden gibt, der mehr als der Durchschnitt hat, muss es Jemanden geben, der weniger als der Durchschnitt hat. Wer nach Reichtum oder gar Luxus strebt, der nimmt damit Armut in Kauf. Denk mal darüber nach.

Epilog

Mir fallen einige Beispiele ein, wie man meine Apfel-Geschichte argumentativ angreifen könnte. Die möchte ich einfach – zum weiteren Gedankenanstoß – teilen:

  • Die Definition relativer Armut mit einem Mittelwert ist unsinnig. Treffender wäre eine Definition von Armut anhand des Medians. Jeder der weniger als 60% des Medians hat ist armutsgefährdet. Jeder der weniger als 40% des Medians hat ist arm. Damit gibt es nur in Variante 2 eine armutsgefährdete Person, aber keine Armen. In Variante 3 ist der Median übrigens 1 – damit gibt es dort nicht mal armutsgefährdete Menschen!
  • Statt einer relativen, sollte eine absolute Armutsgrenze genutzt werden. Diese absolute Armutsgrenze ist 1 Apfel. In keiner der Varianten gibt es Armut. Diesen Erfolg sollten wir feiern. Da es keine Armut gibt, ist es völlig in Ordnung, dass es (Super-) Reiche gibt
  • Der Reiche hat eben einen Apfelbaum gepflanzt der ihm gehört! Ohne seinen Apfelbaum gäbe es überhaupt keine Äpfel! Die Anderen sollten froh sein, dass sie bei der Ernte helfen dürfen und einen von seinen 20 Äpfeln abbekommen!
  • Armut und Reichtum sind Naturgesetze. Daher ist es völlig in Ordnung, dass manche (z.B. die Leistungsstarken) reich sind, während Andere (die Schwachen und Faulen) arm sind. Kleine Provokation: Setz doch mal „Männer“ und „Frauen“ in die Klammern

Der Wanderer im Wald

Es war einmal ein Wanderer. Bepackt mit seinen Sachen bahnte er sich seinen Weg durch den Wald. Er kletterte über Steine oder umgefallene Baumstämme, watete durch Bäche, überquerte helle Lichtungen, schlief in seinem Zelt oder unter freiem Himmel, aß was er fand oder fing. 

Eines Tages traf er auf eine Straße, folgte ihr ein Stück und erreichte eine Raststätte. Er trat ein und wurde gleich von einem eifrigen Geschäftsmann gerufen:

„Hey du, Wanderer! Komm an meinen Tisch. Du siehst wild und zerzaust aus! Hier, iss etwas, ich lade dich ein, du bist ja ganz mager! Wo kommst du denn her?“

Der Wanderer nahm das Angebot dankend an und versuchte die Frage des Geschäftsmanns zu beantworten: „Ich komme aus Altenstadt – dort bin ich vor einiger Zeit losgelaufen, jetzt bin ich zufällig hier angekommen.“

Der Geschäftsmann unterbrach ihn: „Wie, du bist zufällig hier angekommen? Weißt du denn nicht wo du hin willst? Wieso bist du nicht über die Straße von Altenstadt gekommen oder mit dem Bus zur Raststätte gefahren? So wärst du viel schneller hier gewesen.“

Der Wanderer versuchte sich zu erklären: „Ich wusste doch gar nicht, dass ich zur Raststätte will. Ich ging einfach los – hatte ja alles bei mir, was ich brauche. Unterwegs begegnete ich auch Hunger und Kälte. Ich fand aber immer genug zu essen und nachts kroch ich in mein Zelt und kuschelte mich in meine Decke, um nicht zu frieren. Heute morgen erreichte ich zufällig diese Raststätte.“

Der Geschäftsmann verlor die Fassung: „Großer Gott! Hunger, Zufall, Kälte, Unwissenheit! Wie kannst du nur so leben? Überleg mal, was du alles verpasst! Nein, nein, das geht so nicht. Du hast großes Glück mich getroffen zu haben! Hör zu, ich mache dir ein Angebot: Komm mit mir nach Neustadt. Dort besorgen wir dir neue Klamotten und einen Job. Du wirst nicht viel verdienen, aber für eine warme Wohnung und einen gut gefüllten Bauch reicht es allemal. Dann reden wir über deine Zukunft – über alles was du erreichen kannst und wie du dort hinkommst. Kein zielloses Rumstreifen im Wald mehr, kein Hunger, keine Kälte – was sagst du?“

Der Wanderer blickte den Geschäftsmann mit großen Augen an. Er sah seine freundlichen Augen, die roten Backen, den feinen Anzug, die kräftigen Hände, die sauber polierten Schuhe. Sein Blick wanderte zu den eigenen, dreckigen Händen, seinen abgetragenen Klamotten und ausgelatschten Schuhen. Er befühlte seinen zotteligen, verkrusteten Bart und seine hervorstehenden Wangenknochen. Vor seinem inneren Auge erschien die goldene Zukunft, die der Geschäftsmann ihm anbot. 

Der Wanderer blinzelte, das Zukunftsbild verschwand, er kehrte in den Moment zurück. Entschlossen nahm er seinen Rucksack auf, sah den Geschäftsmann unverwandt an und sprach mit sonnig-klarer Stimme zum Abschied: „Ich danke dir für dein großzügiges Angebot. Ich muss es ablehnen. Ich streife gerne ziellos durch den Wald. Ich bin ein Wanderer.“

Das „beste Ich“ ist Narzissmus

Ich stoße häufig auf Coaches, die versprechen Menschen zu ihrem „wahren“, „besten“ oder „idealen“ Ich zu führen. Diese Angebote sind brandgefährlich. Sie füttern Narzissmus. Das führt im besten Fall zu einer Stabilisierung der Lage ohne Veränderung und im schlechtesten Fall zur Verstärkung narzisstischer Persönlichkeitsstörungen. 

Was ist eigentlich Narzissmus?

Narziss war ein holder Jüngling, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte. Er wies die Liebe anderer Menschen zurück und starb äußerst unglücklich. Narzissmus und die narzisstische Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.8) werden meist mit Egoismus, Selbstverliebtheit, Arroganz und Hybris gleichgesetzt. 

Das ist ungenau und einseitig. Es fehlt die feine, aber wichtige Unterscheidung, dass Narziss nicht in sich selbst, sondern in sein Spiegelbild verliebt war. Zusätzlich wird nicht betrachtet, aus welchem Grund Menschen überhaupt Narzissmus entwickeln.

Narzissten lieben Bilder von sich

Sein Spiegelbild zu lieben, bedeutet ein „Abbild-Ich“ zu lieben. Neben Spiegeln bieten Photoshop und Instagram unbegrenzte Möglichkeiten Bilder von sich selbst zu schaffen. Narzissten definieren „Ich“ und ihren eigenen Wert über ein oder mehrere „Abbild-Ich“. Desto toller das „Abbild-Ich“, desto toller die Reaktionen darauf, desto mehr Follower es hat, desto glücklicher ist der Narzisst.

Durch dieses Verhalten lösen Narzissten ein großes Problem: Narzissten haben keine von Innen kommende Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“. Sie wissen nicht, wer sie sind. Das ist eine tiefgreifende und sehr belastende Persönlichkeitsstörung. Wo ein freies und flexibles „Ich“ sein könnte, finden Narzissten nichts in sich. Das selbst geschaffene „Abbild-Ich“ dient dazu, diese Leere zu verdecken und sie nicht zu spüren. Das „Abbild-Ich“ soll das fehlende „Ich“ ersetzen.

Narzissmus ist dabei nur eine Möglichkeit, die fehlende Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ zu kompensieren. Andere Menschen, definieren „Ich“ über einen höheren Zweck, Organisationen oder geliebte Menschen und Kinder. 

Narzissten leben in unbewusster Angst vor ihrer inneren Leere

Das „Abbild-Ich“ der Narzissten kann das fehlende „Ich“ nicht gänzlich ersetzen. Es kann lediglich die innere Leere verdecken. Je nach Ausprägung der narzisstischen Tendenz wissen Narzissten unterschiedlich viel von ihrer inneren Leere. Manche verstecken die Leere bewusst, andere stecken so tief im Narzissmus, dass sie ihr „Abbild-Ich“ für ihr „Ich“ halten. 

Unbewusst spüren alle Narzissten, dass sie es mit etwas Schrecklichem zu tun bekommen, wenn das „Abbild-Ich“ Risse bekommt.  Daher nutzen sie verschiedene Strategien, um das „Abbild-Ich“ zu stabilisieren und das fehlende „Ich“ nicht zu spüren:

  • Sie vermeiden emotionale Nähe, damit niemand die „Abbild-Ich“-Fassade durchschaut und sie mit der Inneren Leere konfrontiert
  • Sie erzählen wie großartig sie (ihr „Abbild-Ich“) sind und beweisen das durch ihre herausragenden Erfolge wie: mein Job, mein Haus, meine Frau 
  • Sie deuten Erlebnisse und Erfahrungen so um, dass sie zum „Abbild-Ich“ passen, notfalls setzen sie diese Deutung gewaltsam durch
  • Sie suchen sich Anhänger, mit ebenfalls narzisstischen Tendenzen, die am großartigen „Abbild-Ich“ teilhaben dürfen – so entstehen narzisstische Allianzen
  • Sie ignorieren die Meinung von Mitmenschen und sind für Kontaktversuche, die nicht zu ihrem „Abbild-Ich“ passen völlig unerreichbar
  • Sie meiden spontane und unsichere Situationen, bei denen sie noch nicht wissen, wie ihr „Abbild-Ich“ sich verhält

Wie viele dieser Strategien und wie häufig Personen sie nutzen, gibt einen Hinweis auf die Schwere der narzisstischen Störung. Ein kleiner Selbsttest bietet sich an: Wie viele der Strategien entdeckst du in deinem Verhalten? Wenn du dich bei vielen Strategien wiederfindest, könnte das ein Hinweis darauf sein, dass du keine gute innere Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ hast. 

Ideal-Bilder bestärken Narzissten in ihrem Muster

Wenn ein Narzisst zum Coach oder Therapeuten geht, dann entweder, weil er aufgrund seiner narzisstischen Strategien in Probleme gerät, oder weil sein „Abbild-Ich“ Risse bekommt. Ein typisches Vorgehen vieler Coaches ist es, ein Idealbild zu definieren und dann Maßnahmen abzuleiten, wie man dieses Idealbild erreicht. Für Narzissten ist das super und passt perfekt zu ihrem Muster: 

  1. Durch das mit dem Coach erarbeitete Idealbild erhalten sie ein neues „Abbild-Ich“ das direkt durch die narzisstische Allianz mit dem Coach gestärkt ist
  2. Sie erlernen neue Maßnahmen und Verhaltensweisen um dieses „Abbild-Ich“ zu stabilisieren und somit die Gefahr zu verringern, dass sie auf die innere Leere stoßen

Psychologisch betrachtet, halte ich diese Dynamik für äußerst tragisch. Aus Sicht von Coach und Narzisst ist sie äußerst erfolgreich. Dem Narzissten geht es nach dem Coaching besser (ohne dass sich wirklich etwas verändert hat). Der Coach hat einen zufriedenen Kunden, der ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit weiterempfiehlt und bei der nächsten Krise zurückkommt. Wirtschaftlich betrachtet ist das ein sehr erfolgreicher Ansatz.

Ein kurzer Einschub zu Erfolg von Narzissten: Desto größer die innere Leere und Hilflosigkeit, desto größer ist die Motivation diesen Schmerz zu vermeiden. Diese Motivation kann riesige Energiemengen freisetzen, die in Leistung und Erfolge transformiert werden können. Desto erfolgreicher der Narzisst, desto größer seine Sogwirkung für narzisstische Allianzen und desto größer die Irritation bei all denen, die nicht in einer narzisstischen Allianz mit ihm stecken. Dieser Dreiklang ist wunderbar bei Donald Trump zu beobachten.

Eine echte Alternative wäre, dem Abgrund ins Auge zu blicken

Es gibt eine Alternative zum Aufbau eines neuen „Abbild-Ich“. Diese Alternative ist, sich der Frage „Wer bin ich?“ und damit auch dem schrecklichen inneren Loch zu nähern. Ich schreibe hier bewusst nähern und nicht stellen. Sich einem solchen Thema anzunähern braucht viel Mut und kleine Schritte. Zeit, Geduld, und gute Begleitung sind nötig, um nach „Ich“ zu suchen. 

Sich alleine auf die Suche zu machen ist (leider!) nicht möglich. Keine gute innere Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ zu haben, hängt auch damit zusammen, dass man als Kind und Jugendlicher keine Bezugspersonen hatte, die diese Frage für sich beantwortet hatten. Es gab kein anderes „Ich“ bzw. aus Perspektive des Kindes kein „Du“ mit dem man sich selbst hätte kennenlernen können. Demnach braucht es einen sehr guten Freund, Coach oder Therapeuten, der stabil „Ich“ sein kann und damit für sein Gegenüber ein „Du“ zum Entdecken und Lernen darstellt.

Selbst mit einem guten Begleiter ist die „Ich“-Reise herausfordernd. Es ist ein Irrglaube, ein statisches „Ich“ erreichen zu können, das sich nicht mehr ändert. Genau wie im Körper jeden Tag Millionen Zellen sterben und neu gebildet werden, verändert sich auch das, was „Ich“ ist ständig. Die Stabilität des „Ich“ entsteht durch Änderbarkeit und Flexibilität. Es ist ein wunderbares Paradoxon: Heute bin ich anders als gestern und dennoch bin ich heute genauso „Ich“ wie gestern.  

Wie man Daten so analysiert, dass das rauskommt was man will

Im Spiegel bin ich auf die Aussage gestoßen, dass Kinder, die mit COVID-19 infiziert sind, genauso ansteckend sind, wie Erwachsene. Zitiert wird dabei eine neue Studie von Christian Drosten und Kollegen. Die Studie habe ich mir mal genauer angeschaut.

Die Studie untersucht virale Last im Rachen bei Personen aus verschiedenen Altersgruppen. In der Diskussion weisen die Autoren darauf hin, dass die virale Last ein Faktor dafür ist, wie ansteckend jemand ist. Andere Faktoren, z.B. wie viel jemand hustet beeinflussen die Ansteckgefahr ebenfalls. Aufgrund viraler Last alleine lässt sich also keine Aussage darüber treffen wie ansteckend Personen sind – anders als der Spiegel schreibt. Das wichtigste Ergebnis der Studie ist, dass sich bezüglich viraler Last keine statistisch bedeutsamen Unterschiede zwischen Erwachsenen und Kindern feststellen lassen. 

Um zu diesem Ergebnis zu kommen, haben die Autoren knapp 60.000 Menschen getestet, von denen 3.726 mit SARS-CoV-2 infiziert waren. Bei diesen Infizierten wurde die virale Last gemessen. Die Teilnehmer wurden zu Analysezwecken in Alters-Gruppen aufgeteilt. In Variante C1 erfolgte die Aufteilung nach Lebensdekaden, also 0-10-jährige, 11-20-jährige usw. In Variante C2 erfolgte die Aufteilung nach Lebensabschnitt. Kindergarten, Grundschule, Weiterführende Schule, Universität, Erwachsene, Ältere. Diese Gruppen wurden auf Unterschiede bezüglich viraler Last analysiert.

Dafür führen die Autoren einen Kruskal-Wallis-Test durch, was bei den vorliegenden Daten als robuste Alternative zur ANOVA sinnvoll ist. Dieser Test ist für beide Varianten der Gruppenbildung, C1 (p = 0.008) und C2 (p = 0.011) signifikant. Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass nicht alle Gruppen bezüglich viraler Last gleich sind – also das Gegenteil dessen, was als Ergebnis der Studie kommuniziert wurde. Schaut man sich die Daten an, scheint es, als wäre die virale Last der jüngeren Gruppen unter 20 Jahren kleiner, als der der Gruppen über 20. 

Dieser erste Eindruck muss jedoch durch Post-Hoc Tests abgesichert werden. Außerdem muss genauer analysiert werden, welche Gruppen sich bezüglich viraler Last unterscheiden. Der Kruskal-Wallis-Test deutet nur darauf hin, dass es Unterschiede gibt. Bei den durchgeführten Post-Hoc Tests ist (bis auf eine Ausnahme) kein Test signifkant, was darauf hindeutet, dass sich keine Gruppe von der anderen unterscheidet. Das ist etwas seltsam, weil es dem Ergebnis des Kruskal-Wallis-Tests widerspricht. Dieser hatte ja darauf hingewiesen, dass es Unterschiede zwischen den Gruppen gibt. 

Dass die Post-Hoc Tests keine signifikanten Ergebnisse liefern liegt daran, wie sie durchgeführt wurden. Aus meiner Sicht gibt es nur zwei Gründe, warum man Post-Hoc Tests so durchführt, wie es die Autoren getan haben. Entweder aus Inkompetenz (was ich nicht glaube) oder, weil man kein signifikantes Ergebnis wollte. Es gibt zwei Sachverhalte die dazu führen, dass die Tests nicht signifikant werden.

Die Gruppen sind sehr unterschiedlich groß. Insbesondere die Gruppen der jüngeren sind sehr klein. In Variante C2 ist dieser Unterschied besonders groß. In der Gruppe der Grundschüler sind 16 Kinder. In der Gruppe der Älteren (45+) sind 2071 Personen. Kleine Gruppengrößen führen dazu, dass der Standardfehler für den Mittelwert sehr groß ist. Mit rund 0.55 ist er für die Grundschüler mehr als 10 mal so groß wie für Älteren mit rund 0.04. Große Standardfehler führen dazu, dass Unterschiede sehr groß sein müssen, um statistisch signifikant sein zu können.

Die Autoren haben alle theoretisch möglichen Post-Hoc Tests durchgeführt. Post-Hoc Tests laufen Gefahr, aus reinem Zufall signifikante Ergebnisse zu liefern, wenn sie in großer Zahl durchgeführt werden. Deswegen gibt es zwei Regeln, die bei Post-Hoc Tests befolgt werden sollten. (A) Mache so wenige Post-Hoc Tests wie möglich, um deine theoretisch abgeleitete Hypothese zu prüfen; (B) Korrigiere das Signifikanzniveau z.B. mit der Bonferroni Korrektur.  Die Autoren haben Regel B befolgt und drei verschiedene Post-Hoc Tests durchgeführt, die das Signifikanzniveau kontrollieren. Leider haben sie Regel A nicht befolgt und alle theoretisch möglichen Kombinationen durchprobiert. Sie haben beispielsweise auch 80-jährige mit 90-jährigen verglichen. In einer Untersuchung, die inhaltlich stark auf die Ansteckungsgefahr durch Kinder fokussiert, ist das überraschend. Die Folge dieses Vorgehens ist, dass das Signifikanzniveau sehr streng wurde. Vereinfacht gesagt, haben die Autoren 90 Post-Hoc Tests durchgeführt, wodurch das Signifikanzniveau um fast den Faktor 90 strenger wurde. Dadurch wurde kein Vergleich mehr signifikant. Diese Logik gilt für zwei der drei verwendeten Post-Hoc Tests, Bonferroni und Dunn. Der dritte verwendete Test, Tukey HSD hat die Eigenart bei unterschiedlich großen Gruppen strenger zu sein. Die Gruppen waren wie oben angesprochen sehr unterschiedlich groß.

Die Daten wurden so analysiert, dass die Chance ein signifikantes Ergebnis zu erhalten minimal ist. Diese Möglichkeit Daten tendenziös auszuwerten und zu berichten ist eines der großen Probleme der angeblich wahrheitstreuen Wissenschaft. Wenn ich mir die Daten anschaue, fallen mir mehrere Möglichkeiten ein, wie man sie hätte analysieren können, um klare Unterschiede bezüglich viraler Last zu finden – wenn man das gewollt hätte. 

  • Aufteilung der Probanden in 5 statt in 10 Gruppen nämlich: 0-20, 21-40, 41-60, 61-80 und 80+. Dadurch wäre der Standardfehler geringer. Führt man dann hypothesengesteuert nur einzelne Vergleiche durch, werden diese signifikant, weil nicht so streng korrigiert werden muss
  • Nutzung eines Median-Splits (oder Aufteilung nach Quartilen). Dadurch werden die Gruppen gleich groß. Das erhöht die statistische Kraft bedeutsame Unterschiede zu finden.
  • Analyse mit Linearer Regression mit Alter als Prädiktor für Viruslast. Der Parameter von Virsulast wäre sicherlich signifikant, was einen linearen Anstieg der Viruslast mit Alter unterstützen würde (der sich in den Daten deskriptiv sowieso abzeichnet)

Neben dieser, aus meiner Sicht, seltsamen Nutzung statistischer Verfahren, sind weitere inhaltliche Punkte erklärungsbedürftig.

In der Einleitung zitieren die Autoren eine eigene Studie, die zeigt, dass eine Viruslast kleiner 106 sich im Labor nicht mehr vermehren lässt. Interessanterweise liegt die Viruslast in der betrachten Stichprobe sowohl für den Mittelwert mit 105,19 und auch für den Median mit 104,65 unter diesem Wert. Für mich liegt die Vermutung nahe, dass eine virale Last, die sich im Labor nicht vermehren lässt, sich auch im Menschen nicht vermehren kann. Da die virale Last im Mittel unter dem Wert von 106 liegt, würde das bedeuten, dass ein Großteil der untersuchten Personen nicht ansteckend wäre. Leider gehen die Autoren in ihrem Artikel überhaupt nicht auf diesen Punkt ein. 

Die Autoren bemerken, dass der Anteil der positive-getesteten mit dem Alter steigt. „In our study, the virus detection rate increased steadily with age of patients tested”. Das bedeutet logischerweise, dass Kinder (weil sie die jüngsten sind) besonders selten positiv getestet werden. Die Autoren warnen davor, diesen Umstand als Indiz dafür zu verwenden, dass Kinder sich schwerer mit SARS-CoV-2 infizieren. Stattdessen argumentieren sie, dass die Auswahl der Probanden nach Symptomen erfolgte (Husten und Fieber) und es bei Kindern einfach viele andere Erreger gibt, die diese Symptome bei Kindern, aber nicht bei Erwachsenen hervorrufen. Diese Erklärung hat mehrere Schwachstellen.

  1. Sie erklärt nicht, warum nur jeweils knapp 2.000 0-10-jährige und 10-20-jährige, aber knapp 10.000 21-30-jährige oder 12.000 31-40-jährige getestet wurden. Dieses Verhältnis von 2 zu 10 entspricht bei weitem nicht den demographischen Verhältnissen dieser Altersgruppen das eher bei 4 zu 5 liegt. Wenn die Erklärung der Autoren zutrifft, dass Kinder anfälliger für die Symptome Husten und Fieber sind und die Probanden nach Symptomen ausgewählt wurden, dann müsste man relativ mehr Kinder als Menschen anderer Altersgruppen in der Stichprobe haben. Das Gegenteil ist der Fall.
  2. Sie erklärt nicht, warum der Anteil der Infizierten in der Studie über alle Altersgruppen hinweg ansteigt, nicht nur für Kinder im Vergleich zu Erwachsenen, sondern auch nach dem 20. Geburtstag noch 
  3. Die Autoren haben keine Daten erhoben, um ihre Aussage untermauern zu können. Sie haben keinen Nachweis geführt, dass die Kinder tatsächlich mit anderen Erregern infiziert waren, der die Symptome erklärt.

Ich halte es für äußerst gefährlich, dass eine solche Studie vom aktuell bekanntesten Virologen Deutschlands veröffentlicht und dann sofort plakativ und übermäßig vereinfacht von Medien aufgegriffen wird – insbesondere aufgrund der Begleitumstände: Die Studie wurde auf Twitter, ohne Peer-Review Prozess, mit politischen Empfehlungen und kurz vor einer Bund-Länder Diskussion zum weiteren Vorgehen veröffentlicht.

Natürlich bin ich hier befangen, weil ich möchte, dass meine Kinder möglichst bald wieder in Schule gehen. Mir platzt aber die Hutschnur, wenn ich solche Studien lese, genau anschaue und merke, dass sie tendenziös durchgeführt und noch einseitiger berichtet werden. Das ist Mist und schürt Ängste die unbegründet sind, aber zu negativen Konsequenzen für alle führt.   

COVID 19: Analyse und Kommentar – „Epidemiologisches Bulletin“ des RKI vom 23.04.2020

Das RKI hat vor einigen Tagen ein Epidemiologisches Bulletin auch mit vielen Daten zu SARS-CoV-2 bereitgestellt. Ich freue mich, dass es solche Publikationen gibt und sie frei zur Verfügung gestellt werden. Sie schaffen Transparenz und sind die Grundlage, um sich fundiert eigene Meinungen bilden zu können. Ich möchte hier einige Gedanken und Kommentare zur Veröffentlichung teilen.

Besonders lesenswert und interessant sind die Erklärungen zur Reproduktionsrate R, insbesondere der Generationszeit. Ich empfehle jeden, der das Wort Reproduktionsrate in dem Mund nimmt diese Ausführungen zu lesen und genau zu verstehen. In diesem Zusammenhang ist der Nowcast sehr hilfreich, der eine Modellierung der Infektionen nach Ansteckungstag und nicht nach Meldetag ermöglicht. Beide Informationen Reproduktionsrate und Infektionen nach Ansteckungstag sind extrem wichtig um den Verlauf der Infektion zu überwachen. Hier liegt auch der Fokus in vielen Veröffentlichung der Medien: Wie viele Infizierte und Tote gibt es wo?

Was mich noch mehr interessiert, ist der Abschnitt zur vorläufigen Bewertung der Krankheitsschwere. Auf die dort dargestellten Daten möchte ich punktuell genauer eingehen, einordnen und interpretieren.

Erster Blick auf die Daten und die Datenqualität

Zur Analyse der Schwere von Erkrankungen, hat das RKI darauf geachtet einen möglichst sauberen Datenstand herzustellen. Das größte Problem bezüglich Datenqualität ist die zeitliche Dynamik von SARS-CoV-2 Infektionen. Die lange Inkubationszeit, die Meldeverzug und die Krankheitsdauer selbst führen dazu, dass die täglich berichteten Fallzahlen und Todeszahlen nicht in Beziehung zueinander gesetzt werden können. Bei den bereitgestellten Daten ist sichergestellt, dass alle Krankheitsverläufe abgeschlossen sind. Dadurch können Schwere der Erkrankung und Sterblichkeitsrate verlässlich eingeschätzt werden. Der Nachteil ist, dass nur 12.178 der mehr als 160.000 Fälle in Deutschland in die Analyse eingehen. Diese Zahl ist jedoch ausreichend für valide Schätzungen. Zum Vergleich: Für repräsentative Meinungsumfragen werden um die 1.000 Menschen befragt, um das Wahlverhalten von mehr als 40 Millionen Menschen vorherzusagen.

Eine wichtige Einschränkung ist, dass die Daten einen Stichtag im März haben. D.h. heute sieht die Welt und das Infektionsgeschehen deutlich anders aus. Dennoch bieten die Daten interessante Erkenntnisse.

Ein weiterer spannender Aspekt ist, dass die Daten zur Schwere der Erkrankung nach Altersgruppen aufgeteilt sind:

  • 0 – 4 
  • 5 – 14
  • 15 – 34 
  • 35 – 59 
  • 60 – 79
  • 80+

Gruppenaufteilungen haben einen großen Effekt auf die Analyse von Daten. Idealerweise werden Daten mit dem exakten Alter in Jahren zur Verfügung gestellt und z.B. mit einer Varianzanalyse analysiert. Gruppenbildung macht Daten intuitiv leichter fassbar. Leider ist im Artikel nicht angegeben, anhand welcher Logik die Gruppen gebildet wurden. Auffällig sind die unterschiedlichen Spannen von Jahren. Eine einfache transparente Gruppenbildung wäre gewesen Lebensdekaden zu nehmen: 0 – 9; 10 – 19; usw.. Eine andere Möglichkeit wäre dafür zu sorgen, dass die Gruppen gleiche Anteile von Bevölkerungsgruppen abbilden. Ein Beispiel wäre 5 Gruppen zu bilden, die jeweils 20% der Bevölkerung repräsentieren. Anhand von Daten zur Altersstruktur lässt sich darstellen, welchen Anteil der deutschen Bevölkerung die Gruppen jeweils abbilden:

Die Gruppengröße reicht von 5 % bis über 33%. Das ist eine sehr ungleiche Verteilung. Eine logische Begründung des Gruppenschnitts wäre wünschenswert gewesen. 

Wichtig ist die Bevölkerungsverteilung jedoch, um es als Vergleich für alle anderen berichteten Daten zu verwenden und die Zahlen einordnen zu können.

Anzahl der Infizierten

Der erste interessante vergleich bezieht sich auf die Anzahl der Infizierten je Altersgruppe. Das ist spannend, weil man daraus grobe Schlüsse darüber ziehen kann, welche Altersgruppe sich wie häufig ansteckt. 

Leider gibt das RKI im Bericht nicht exakt an, wie sich die 12.178 Fälle auf die Altersgruppen verteilen. Die vollständigste Sicht geben die Daten zu den Todesfällen, die 11.978 der 12.178 Fälle abdecken. Auf dieser Basis habe ich die Verteilung der Fälle auf die Altersgruppen berechnet und setze sie in der folgenden Graphik ins Verhältnis zur Bevölkerungsverteilung:

Es ist offensichtlich, dass sich der Anteil an Fällen nicht mit dem Anteil an der Bevölkerung deckt, die Balken sind unterschiedlich hoch. Daraus lässt sich ableiten, dass es je Altersgruppe unterschiedlich wahrscheinlich ist, sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren. Eine Ebene genauer hingeschaut, sind folgende Punkte spannend:

  1. Es gibt sehr wenige Kinder, die infiziert sind, auch im Vergleich zur Anzahl der Kinder
  2. Die 35-59 Jährigen machen einen überproportional großen Anteil der Infizierten aus und weisen mehr Fälle vor als alle anderen Gruppen zusammen.
  3. Die Grupp 80+ hat im Vergleich zu anderen Gruppen einen geringen Anteil

Der 2. Und 3. Punkt werden später noch wichtig. Hier möchte ich noch Gedanken zum 1. Punkt dem geringen Anteil infizierter Kinder ausführen. Es drängt sich die Frage auf, warum Kinder so einen geringen Anteil der Infizierten ausmachen. Zwei einfache sehr grundsätzliche Erklärungsansätze lassen sich dabei unterscheiden:

  1. Kinder hatten weniger Kontakt mit dem Virus, deswegen gibt es weniger infizierte Kinder
  2. Kinder hatten genauso viel Kontakt mit dem Virus wie andere Altersgruppen, stecken sich aber viel schwerer an

Beide Erklärungsansätze sind in sich schlüssig und auf Basis Daten im Bericht kann keine Aussage dazu getroffen werden, welche Erklärung wahrscheinlicher ist. Das hätte aber große Auswirkungen auf politische verhängte Maßnahmen. Wenn Kinder sich schwerer anstecken, könnte man Schulen schneller und mit weniger strengen Hygiene-Vorschriften öffnen. Wenn Kinder sich jedoch genauso schnell anstecken wie Erwachsene, müsste man mit dem Öffnen der Schulen vorsichtiger sein. An anderer Stelle habe ich dazu schon etwas geschrieben und halte die Erklärung, dass sich Kinder weniger schnell anstecken für wahrscheinlicher.

Anzahl der Hospitalisierungen

Die nächste interessante Statistik, die angegeben wird, ist der Anzahl der Personen, die im Krankenhaus behandelt werden. Das ist spannend, weil in die drohende Überlastung des Gesundheitssystems eines der Hauptargumente für die recht strengen Maßnahmen sind. Im Bericht des RKI sind auch Zahlen zu Intensiv-Station Einweisungen angegeben, die für die Überlastungs-Diskussion noch spannender wären. Leider ist die Information, ob ein Infizierter auf der Intensivstation behandelt wurde, nur in 7% der Fälle angegeben und damit recht unzuverlässig. Daher beschränke ich mich auf die Betrachtung der Hospitalisierungen.

Ich ergänze die Verteilung der Krankenhausaufenthalte über die Altersgruppen in die oben gezeigte Graphik:

Dieser Vergleich liefert viele weitere Erkenntnisse:

Der Anteil der Kinder an den Menschen, die wegen COVID-19 im Krankenhaus sind, ist noch geringer als der Anteil der Kinder an den Infizierten. Das ist ein weiteres Indiz dafür, dass Kinder eine Infektion mit SARS-Cov-2 deutlich weniger fürchten müssen als Erwachsene

In den anderen Altersgruppen von 15 – 80+ ist die Entwicklung des Verhältnisses von orangem Balken (Fälle) und grauem Balken (Krankenhausaufenthalte) spannend. Es dreht sich komplett um. Desto jünger die Gruppe, desto größer ist der Anteil der Infizierten im Vergleich zu denen die im Krankenhaus behandelt werden müssen. Bei den Gruppen 60 – 79 und 80+ hat sich dieses Verhältnis umgedreht. Der Anteil der Personen, die im Krankenhaus behandelt werden müssen, ist im Vergleich zum Anteil der Infizierten und zum Anteil der Gesamtbevölkerung sehr hoch.

Wichtig ist auch folgendes: Mehr als 50% der Menschen, die wegen COVID-19 im Krankenhaus behandelt werden sind zwischen 15 und 59. Es gibt viele schwere Erkrankungen in recht jungen Jahren. Diese Altersgruppen stellen die Hauptlast an Krankenhaus-Aufenthalten auf. Da diese Altersgruppen sich bisher auch besonders häufig angesteckt haben, steckt hier eine große Belastungsgefahr für das Gesundheitssystem. 

Was in den Zahlen fehlt ist eine Aussage über die Dauer des Krankenhausaufenthalts. Es könnte sein, dass die Gruppen zwischen 15 und 59 zwar besonders häufig aber nur kurz im Krankenhaus behandelt werden. Dadurch könnte sich die Hauptlast stärker Richtung älterer Patienten verschieben, von denen es weniger gibt, die aber möglicherweise länger behandelt werden müssen. Diese Überlegung ist aber reine Spekulation und kann auf Basis der vorhandenen Daten nicht beantwortet werden.

Anzahl der Todesfälle

Die emotional eindrücklichste Statistik ist sicher die über die Zahl der Todesfälle. Das RKI gibt auch eine grobe Schätzung der Sterblichkeitsrate über alle Altersgruppen hinweg an. Diese Schätzung ist, dass 1% der mit SARS-CoV-2 Infizierten sterben. 

Zur Einordnung dieser Zahl sind einige Aspekte wichtig. 

  • Die Zahl macht keine Aussage darüber, ob die Infektion mit SARS-CoV-2 und die COVID-19 Erkrankung ursächlich für den Tod waren
  • Aufgrund der Datenauswahl und der Sicherstellung, dass abgeschlossene Krankheitsverläufe für die Auswertung genutzt werden ist die Sterberate eine eher pessimistische Angabe
  • Sollte es nicht-identifizierte, symptomlose Erkrankungen im betrachteten Zeitraum gegeben haben, würde das die Sterblichkeitsrate senken

Dementsprechend stellt die Schätzung von 1% eher die obere Grenze der Sterberate dar. Der wahre Wert liegt wahrscheinlich niedriger. Besonders spannend ist aber auch hier die Verteilung auf die Altersgruppen:

Das Bild ändert sich hier noch mal komplett:

  • Es gibt in der Stichprobe keinen einzigen Toten in den Altersgruppen von 0 – 34
  • Obwohl die Gruppe 35 – 59 fast 55% der Infizierten und 40 % der Behandlungen im Krankenhaus ausmachen, machen sie nur 3% der Toten aus. In Absoluten Zahlen: Von den 6527 Infizierten sind 3 gestorben.Das RKi schätzt die Sterberate im Artikel (stark gerundet) auf 0%
  • Die Altersgruppe 80+ stellt nur knapp 2% der Infizierten, macht aber gut 70% der Todesfälle aus. Die Sterberate in dieser Gruppe beträgt mindestens 25%! Aber auch das folgende stimmt: Knapp 75% der Menschen über 80 überleben eine Infektion mit SARS-CoV-2

Synthese der dargestellten Daten

Aus den so dargestellten Daten lassen sich verschiedene vorläufige Schlussfolgerungen zu COVID-19 ziehen und Empfehlungen für Maßnahmen ableiten.

Kinder sind am wenigsten betroffen, was Anzahl der Fallzahlen anbelangt und die Krankheitsverläufe sind äußerst selten schwer oder tödlich. Dass so wenige Kinder infiziert sind, liegt möglicherweise daran, dass sie sich weniger schnell mit dem Virus anstecken als Erwachsene. Daraus lässt sich schließen, dass Kinder auch zur Verbreitung des Virus wenig beitragen. Konsequenterweise, sollten Beschränkungen für Kinder am schnellsten gelockert werden, also Spielplätze, Schulen und Kitas möglichst bald wieder öffnen.

Die Mittel-Alten zwischen 15 und 59 sterben nur in Einzelfällen mit einer COVID-19 Erkrankung. Im vorliegenden Datensatz starben genau 3 von 9613 Infizierten. Da diese Gruppen aber so einen gewaltigen Anteil an Infizierten ausmacht, belasten sie die Krankenhäuser stark. Aufgrund der meist mild verlaufenden Erkrankungen, macht diese Gruppe vermutlich den Löwenanteil für die Verbreitung des Virus aus. Diese Altersgruppe müsste die Hauptlast tragen und durch Hygiene-Maßnahmen die Ausbreitung des Virus verlangsamen.

Bei den Alten ab 60 und insbesondere bei den Menschen ab 80 ist die Sterblichkeit erschreckend hoch. In Deutschland leben knapp 5 Millionen Menschen, die mindestens 80 Jahre alt sind. Nimmt man den (rein theoretischen) GAU an, dass sich 70% dieser Menschen infizieren, könnte eine Sterblichkeit von 25% zu fast einer Million Toten führen. Maßnahmen sollten darauf abzielen diese Altersgruppe zu schützen. Eine sichere, aber auch schwierige Lösung wäre, diese Altersgruppe konsequent von den jüngeren Altersgruppen zu isolieren.

Da Menschen in der Gruppe 80+ den Großteil ihres Lebens schon hinter sich haben, wäre es auch möglich, diese Menschen selbst entscheiden zu lassen, ob sie sich in schützende Isolation begeben, oder das Sterberisiko bei einer Infektion mit SARS-CoV-2 in Kauf zu nehmen.

Der Unterschied zwischen „Das Richtige“ und „Das Richtige für mich“

„Das Richtige“ tun. Wer möchte das nicht? Natürlich will jeder „Das Richtige“ tun!

Es gibt nur ein Problem: Was ist eigentlich „richtig“? Ich bin der Meinung „Das Richtige“ gibt es nicht. Es gibt lediglich „Das Richtige für mich“. Genauso wenig gibt es Dinge, die „richtig“ sind, sondern nur Dinge, die „richtig für mich“ sind.

Leider findet die Unterscheidung zwischen „richtig“ und „richtig für mich“ im Alltag quasi nicht statt. Meist wird pauschal von „richtig“, „falsch“, „gut“ oder „böse gesprochen. Die Schuld daran trägt (unter Anderen) Platon.

Platons „Idee“

Platon hat das Reich der Ideen und damit eine objektive Weltsicht geschaffen. Grundannahme seiner Theorie ist, dass es „Ideen“ gibt. „Ideen“ existieren unabhängig von Gegenständen, sind abstrakt und nicht direkt wahrnehmbar. Zur Veranschaulichung möchte ich beispielhaft zeigen, wie die „Idee“ von „Das Große“ und die Bedeutung von „groß“ abgeleitet werden kann:

  1. Es gibt verschiedene Gegenstände, die wir als „groß“ bezeichnen z.B. Bäume und Berge
  2. Diese Dinge, Bäume und Berge, sind offensichtlich sehr unterschiedlich
  3. Obwohl Bäume und Berge so unterschiedlich sind, bezeichnen wir beide als „groß“ 
  4. Also muss es irgendetwas geben, das die Bezeichnung „groß“ rechtfertigt – etwas, an dem Bäume und Berge Anteil haben
  5. Dieses irgendetwas ist die „Idee“ von „Das Große“ 
  6. Gegenstände wie Bäume und Berge können umso mehr als „groß“, oder „größer“ bezeichnet werden, je mehr sie der „Idee“ von „Das Große“ entsprechen

Die Herleitung lässt sich auf jede Eigenschaft und übertragen. Alle Eigenschafts-Zuschreibungen basieren auf „Ideen“ an denen Gegenstände Anteil haben. Ob eine Handlung „richtig“ ist, hängt nach der dargestellten Theorie davon ab, wie sehr sie der „Idee“ von „Das Richtige“ entspricht.

 „Das Richtige“

Um zu wissen, was „richtig“ ist, muss die „Idee“ von „das Richtige“ bekannt sein. Wie findet man heraus was „Das Richtige“ ist? Diese Aufgabe übernehmen Religion und Wissenschaft. Sie versuchen festzustellen und allgemeingültig zu definieren, was „Das Richtige“ ist. 

Religion und Wissenschaft verfolgen das gleiche Ziel. Sie nutzen jedoch sehr unterschiedliche Methoden um „Das Richtige“ zu finden. Religionen verlassen sich auf Propheten und das Wort Gottes. Wissenschaft nutzt Experimente und Theoriearbeit. Beide bauen auf der Annahme auf, dass es „Das Richtige“ gibt. 

Wenn „Das Richtige“ gefunden wurde, ist das Ziel erreicht. Es gibt eine objektive Richtschnur, anhand derer sich feststellen lässt, ob etwas „richtig“ ist. Eine „Idee“ existiert außerhalb und unabhängig von Menschen. Damit ist „Das Richtige“ losgelöst von einzelnen Menschen und zeitlos feststellbar. „Das Richtige“ kann gelehrt und verbreitet werden. Es gibt einige Vorteile dieser Definition von „Das Richtige“, insbesondere dort, wo größere Gruppen von Menschen zusammenleben und arbeiten sollen.

„Das Richtige für mich“

Der Nachteil der Allgemeingültigkeit ist, dass sie mit Individualität nicht gut kombinierbar ist. Entweder bleibt „Das Richtige“ relativ abstrakt formuliert und lässt sich somit auf viele verschiedene Situationen und Personen anwenden. Diese Allgemeinheit hat den Nachteil, dass sie nur durch Mehrdeutigkeit so viele Situationen abdecken kann. Dadurch verliert sich die Richtschnur irgendwann selbst.

Wird „Das Richtige“ spezifischer für einzelne Situationen oder Personen formuliert, braucht es sehr viele Formulierungen, die sich auch widersprechen können. Damit löst sich entweder die Allgemeingültigkeit auf, oder es ist sehr viel kreative Argumentationsarbeit nötig, um die unterschiedlichen Ausprägungen von „Das Richtige“ wieder auf einen Nenner zu bekommen.

Für mich ergibt sich daraus der Schluss, dass es „Das Richtige“ im Sinne einer allgemeingültigen „Idee“ nicht geben kann. Auf dieser Basis lehne ich auch die Ideenlehre Platons ab. 

Ich denke „Das Richtige“ ist nur im gegenwärtigen Moment und in Abhängigkeit aller Umstände definierbar. Da sich keine Umstände exakt wiederholen können, kann „Das Richtige“ aus einer Situation nicht auf andere Situationen übertragen werden. Dieser Nicht-Übertragbarkeit von „Das Richtige“ auf andere Personen oder Situationen trage ich Rechnung indem ich sage, es gäbe nur „Das Richtige für mich“.

Da sich Umstände über die Zeit ändern, kann sich auch sehr schnell – manchmal sogar innerhalb von Sekunden ändern, was „richtig für mich“ ist. Die Freiheit heute das „richtig“ zu finden, was ich gestern „falsch“ fand, weil sich die Situation geändert hat, halte ich für einen Schlüssel zu einem glücklichen Leben. 

Wer „Das Richtige“ tun möchte, sollte also auch akzeptieren können, dass es für Andere, oder morgen schon „Das Falsche“ ist.

COVID-19: Lasst die Kinder wieder in Schulen und Kitas

Viele Geschäfte des Einzelhandels und auch Friseure dürfen in Bayern ab 27.04. wieder öffnen. Geschlossen bleiben jedoch Grundschulen, Kindergarten, Kitas – mindestens bis zum 11.05..

Begründet wird diese Entscheidung damit, dass kleine Kinder sich nicht an Regeln zum Infektionsschutz (Mindestabstand, Hygiene) halten können. Kitas und Schulen könnten zu Infektionsschleudern werden. Diese Argumentation ist plausibel und trifft auf viele andere Infektionskrankheiten zu. Bei der Grippe zählen Kinder zur Risikogruppe und müssen vergleichsweise häufiger im Krankenhaus behandelt werden.

Bei COVID-19 sieht die Faktenlage anders aus:

  1. Das Risiko schwerer Erkrankungen ist für Kinder deutlich geringer als für alle anderen Altersgruppen
  2. Es gibt weniger Fälle mit Kindern als man erwarten müsste
  3. Kinder stecken sich nicht bei Kindern an sondern bei Erwachsenen

Auf Basis dieser Datenlage ist es verantwortbar Kindergärten und Grundschulen schnell wieder zu öffnen. Die Nachteile der Schließung überwiegen bei weitem die geringen epidemiologischen Vorteile. 

Das Risiko schwerer Erkrankungen ist für Kinder deutlich geringer als für alle anderen Altersgruppen

Je nach Studie liegt die Sterblichkeitsrate für Kinder (0-19 Jahre) bei 0 – 0,2 %. Die Sterblichkeitsrate steigt stark mit dem Alter, insbesondere ab 60 Jahren an, bis sie ihr Maximum bei bis zu 20% bei Menschen über 80 erreicht. Zu beachten ist, dass statistisch ausgereiftere Studien, die Dunkelziffer (Infektionen ohne Symptome) abschätzen und somit niedrigere Sterberaten erhalten.

Understanding and Interpretation of Case Fatality Rate of Coronavirus Disease 2019 0 – 0,2% Kinder vs. 0.2 – 20% Erwachsene

Estimates of the severity of coronavirus disease 2019: a model-based analysis 0 – 0,08 % Kinder vs. 0,08 – 16,7% Erwachsene

COVID-19 in Children in the United States  0,04% statistische Schätzung des Anteils infizierter Kinder, die im Krankenhaus behandelt werden müssen.

Beachtenswert ist der Fokus der Ergebnisinterpretation der letzten Studio. Hier wird nicht auf die geringe Gefahr für Kinder hingewiesen. Stattdessen wird das schwärzeste Szenario gemalt: Bei schneller Infektion von 50% aller in den USA lebender Kinder könnten die Kapazitäten des Gesundheitssystems!

Es gibt weniger Fälle mit Kindern als man erwarten müsste

Dies ist der wichtigste Punkt. Im Vergleich zum Anteil der Kinder an der Gesamtbevölkerung ist die Fallzahl, die bei Kindern berichtet wird, gering. So machen Kinder beispielsweise mehr als 20% der chinesischen Bevölkerung aus. In der oben zitierten Studie machen Kinder jedoch nur ca. 2% der Fälle aus. Auch in den täglichen Updates des RKI wird klar, dass Kinder weniger häufig infiziert sind als andere Altersgruppen:

Es gibt einfach weniger Kinder die krank / infiziert werden, als Erwachsene, obwohl Kinder vermutlich schlechter Hygiene-Regeln einhalten können! 

Eine Alternativerklärung für die geringe Zahl infizierter Kinder könnte sein, dass die Dunkelziffer (Infektionen ohne Symptome) bei Kindern extrem hoch ist. Dieser Annahme widersprechen die Ergebnisse der Studie zur Verbreitung des Corona Virus in Island. Diese Studie hat zwei besondere Stärken: 

  1. Es gab gezielte Tests mit Personen, bei denen Umstände (Symptome, Kontakt mit Infiziertem, etc.) darauf hinweisen, dass sie infiziert sein könnten
  2. Es gab Zufallstests mit Personen, die weder Kontakt mit jemandem hatten, der infiziert ist und die auch keine Symptome zeigen

Hier die mathematische Modellierung der Anteil der SARS-CoV-2 Positiven nach Alter für die gezielten Tests. Der Zusammenhang ist wichtig, desto älter die Person, desto höher ist der Anteil der Infizierten. Das widerspricht der Dunkelziffer-Hypothese insofern, weil das Risiko für eine Infektion für alle getesteten relativ konstant war. Insofern müsste auch der Anteil der positiv getesteten über Altersgruppen hinweg relativ konstant sein. Das ist NICHT der Fall.

Der Dunkelziffer-Hypothese widerspricht das Ergebnis der zufälligen Tests direkt. Wäre die Dunkelziffer bei Kindern besonders hoch (weil es sehr viele Infektionen ohne Symptome gibt), dann müsste der Anteil der positiven Tests bei Kindern in den zufälligen Tests mindestens genauso hoch sein, wie bei Erwachsenen. Das Gegenteil ist der Fall: Von den Kindern unter 10 Jahren waren 0% infiziert, bei allen anderen waren es 0.8%. Leider berichten die Autoren diese Informationen nicht genauer aufgelöst nach Altersgruppen. 

Diese Daten erhalten besonderes Gewicht vor dem Hintergrund, dass Grundschulen und Vorschulen in Island weiterhin (unter Auflagen) geöffnet sind! Noch mal klar formuliert: Obwohl die Infektionsherde Grundschule und Vorschule offen sind, gab es bei Kindern in der zufälligen Stichprobe genau 0 Infektionen. Keine Spur von Dunkelziffer. Keine Spur von Infektionsherd Schule.

Kinder stecken sich nicht bei Kindern an, sondern bei Erwachsenen

Hier ist die Faktenlage noch vergleichsweise dünn. Ein Artikel im Spiegel stellt aber zwei wichtige Beobachtungen heraus:

  1. Kinder stecken sich vor allem (in mehr als 80% der Fälle) bei Erwachsenen an
  2. Ein infiziertes Kind hat nachweislich keine seiner 172 Kontaktpersonen angesteckt

Die Untersuchung der Übertragungswege bei Kindern ist aus zwei Gründen schwierig.

  1. Bei Infektionen in Familien ist nicht leicht nachvollziehbar, wer wen angesteckt hat. 
  2. Wenn es keine Ansteckung von Kindern an Erwachsene gibt, kann man das anhand der Daten nicht erkennen bzw. ausschließen
  3. Eine Nicht-Ansteckung lässt sich nur experimentell prüfen. Man müsste zeigen, dass Kinder ihre Umwelt nicht anstecken, obwohl man es intensiv versucht hat. Das wird in absehbarer Zeit nicht passieren

COVID-19: Ein Drama durch die Angst vor dem Tod

Am 15. April fand die Telefonschaltkonferenz zwischen Bundesländern und Bundesregierung zum weiteren deutschen Vorgehen in der COVID-19 Pandemie statt. Die Ergebnisse und Maßnahmen zeugen von Angst. Mit Angst meine ich Angst vor Toten. Dem Handeln der Politiker liegt die Maxime zugrunde, dass das höchste Gut, das es gibt, menschliches Leben ist. Es soll so wenige Tote wie irgend möglich geben. Dazu wird die einfache Logik „lebendig ist besser als tot“ genutzt. In Homo Deus überspitzt Harari diese Logik und treibt das Gedankenspiel so weit, dass der Tod an sich überwunden werden muss. Der Tod ist dann die Folge von Fehlern. Der Zwang Tote zu verhindern entsteht. Die Frage, die dadurch in den Fokus tritt, ist ob der Tod eintritt oder nicht. Sterben Menschen an COVID-19 oder nicht? Ja oder nein, schwarz oder weiß.

Meinem Eindruck nach, folgen die Maßnahmen der Bundes- und Länderregierungen, sowie die öffentliche Berichterstattung dieser Logik. Dort wo es viele COVID-19 Infektionen und Tote gibt, müssen schwerwiegende Fehler passiert sein. Maßnahmen und Interventionen zielen darauf ab, die Zahl der (Neu-)Infizierten schnell zu senken und damit die Zahl der Toten zu minimieren. In epidemiologischen Begriffen ausgedrückt, ist das Ziel des RKI und des politischen Handelns mittlerweile, die Reproduktionsrate des Virus unter 1 zu drücken. Fällt die Reproduktionsrate unter 1, stirbt die Pandemie langsam aus. Es ist eine Austrocknungsstrategie, die Tote verhindern soll.

Leider ist diese Austrocknungsstrategie fragil und risikobehaftet. Im zuletzt verlinkten Artikel wird dargelegt, dass bei der aktuellen Verbreitungsgeschwindigkeit in einem Jahr ca. 1 Million Menschen in Deutschland infiziert würden. Das bedeutet, dass sich dann noch 80 Millionen Deutsche – mehr als 98% – infizieren könnten. Stirbt die Infektion nicht komplett aus, bleibt nur ein Infizierter übrig, kann jederzeit eine neue Infektionswelle losbrechen. 

Um einen Neuausbruch zu verhindern, müssen bei der Austrocknungsstrategie Sicherheitsvorkehrungen so lange aufrechterhalten werden, bis über Wochen keine neuen Infektionen vorliegen. Das wären im Worst Case Jahrzehnte mit Masken, ohne Großveranstaltungen, eingeschränkter Wirtschaft und 1,5m Mindestabstand. Der Austrocknungsstrategie liegt (mindestens implizit) die Annahme zugrunde, dass Menschen, die sich einmal mit SARS-CoV-2 infiziert haben anschließend immun sind. Ob und wie lange Menschen nach einer Infektion tatsächlich immun sind ist jedoch offen.  

Es dürfte offensichtlich sein, dass eine Rückkehr zum „normalen Leben“, ohne Mundschutz und mit Großveranstaltungen, mit der Austrocknungsstrategie in absehbarer Zeit (dieses oder nächstes Jahr) kaum möglich ist. Die Austrocknungsstrategie setzt ihre Hoffnung voll und ganz auf die Entwicklung eines Impfstoffs. Sobald ein Impfstoff vorhanden ist, kann das Leben wieder losgehen. Wie schnell dieser Impfstoff entwickelt werden kann, wie gut er schützt, wie leicht er sich herstellen lässt, all das steht in den Sternen. Der meist genannte Zeithorizont für die Entwicklung eines Impfstoffs ist: Ende des Jahres oder irgendwann nächstes Jahr. Dann muss der Impfstoff aber noch hergestellt und an 80 Millionen Deutsche bzw. fast 8 Milliarden Menschen weltweit verteilt werden. Das wird dauern.

Allein aus epidemiologischer Sicht bedeutet die Austrocknungsstrategie also ein jahrelanges Balancieren kurz vor der nächsten Pandemie-Welle. Die Auswirkungen auf die Wirtschaft stehen bereits im Fokus der öffentlichen Diskussion. Zwei weitere Problempunkte möchte ich hier ansprechen, aber nicht tiefer darauf eingehen.

  1. Die Austrocknungsstrategie birgt massive Nebenwirkungen und Existenzbedrohungen  für Familien, die Entwicklung von Kindern, sozial Schwächere und Menschen mit wenig Rücklagen
  2. Die Maßnahmen sind in vielen Kontexten nicht umsetzbar – Grundschule oder Kindergarten mit Masken und Mindestabstand? Surreal!

Die Austrocknungsstrategie führt in ein zombiehaftes Leben, bestehend aus Arbeit, Abstand und Angst: Langwierig, fragil, ängstlich, eingesperrt. Das ist für mich ein Horrorszenario, das ich möglichst vermeiden möchte.

Die Austrocknungsstrategie bleibt jedoch so lange alternativlos, wie an der Logik und dem Zwang Tote zu verhindern festgehalten wird. Der Zwang den Tod zu verhindern führt zur schwarz-weißen „Ob“-Betrachtung, die ich anfangs angesprochen habe. Um Alternativen zur Austrocknungsstrategie denken zu können, muss die „Ob“-Betrachtung durch eine „Wie“-Betrachtung ersetzt werden. Nicht „ob“ der Tod (durch Corona) eintritt, sondern „wie“ der Tod (grundsätzlich) eintritt, bildet Ausgangspunkt der Überlegungen. 

Die „Wie“-Betrachtung basiert auf der Untrennbarkeit von Leben und Tod. Die Fragen „Wie möchte ich leben?“ und „Wie möchte ich sterben?“ werden zu ein und derselben Frage. Dadurch kann die Frage „wie“ das Leben während der Pandemie ist – die Lebensqualität – in den Fokus der Diskussion rücken. In der „Ob“-Betrachtung ist die Lebensqualität nahezu irrelevant, weil der Fokus auf dem Verhindern des Todes liegt.

So entsteht Raum für Gedankenspiele die neben Lebensquantität (Anzahl Lebender) auch auf die Lebensqualität (Wie geht es Lebenden und Sterbenden?) betrachten: Was könnte passieren, wenn wir die Ausbreitung der Pandemie nicht aus Angst bremsen, sondern vielleicht sogar beschleunigen? Wie könnten wir damit umgehen, wenn es viele Millionen von Infizierten gäbe, die nicht behandelt werden könnten? Wäre es denkbar, dass Menschen, die schwer an COVID-19 erkranken, auf Behandlung im Krankenhaus verzichten und stattdessen ihr eigenes Sterben gestalten? Ist der Tod begleitet von geliebten Angehörigen, eine Alternative zur einsamen Intubation auf der Intensivstation? Wie können wir uns gegenseitig unterstützen, um mit dem Verlust geliebter Angehöriger umzugehen? Welche Auswirkungen könnte akzeptiertes, begleitetes Sterben auf die Belastung von medizinischem Personal und die wahrgenommene Bedrohlichkeit der Pandemie haben? 

Ich sehe großes Potential in solchen Überlegungen. Voraussetzung für ernsthafte „Wie“-Betrachtungen ist jedoch, sich mit dem eigenen Tod auseinanderzusetzen. Das bedeutet, sich die völlige Auslöschung der eigenen Subjektivität und des eigenen Erlebens genau vorzustellen, dem schwarzen Abgrund des Nichts tief ins Auge zu sehen und zu akzeptieren: Das ist mein Schicksal. Die Übung dem Tod ins Auge zu sehen und ihm freundlich zuzulächeln ist eine, die bis zum Ende des Lebens dauert, aber jeden Tag leichter wird. Diese Übung hilft aber auch herauszufinden, wie das eigene Leben und Sterben gestaltet werden soll. Auch durch die Erwägung von Selbstmord und die Beschäftigung mit dem eigen Tod weiß ich, wie ich mein Leben leben möchte: Klar, frei und kraftvoll – dafür nehme ich ein Risiko verkürzter Lebenserwartung in Kauf. An manchen Tagen gelingt das auch schon. 

Auf Basis dieser Grundüberzeugung schaue ich auch auf die COVID-19 Pandemie. Ich bevorzuge eine kurze, ungebremste, grausame Pandemie gegenüber längerem Siechtum mit vielen Einschränkungen aber wenigen Toten. Lieber dem Schrecken des COVID-19 Todes tief in die Augen schauen und ihn durchstehen, als sich in der eigenen Wohnung und hinter Masken verstecken – aus Zwang oder Angst vor dem Tod und einer neuen Infektionswelle. 

COVID-19 Meinung: Freiheit oder Sicherheit – ich möchte entscheiden.

Der Gegensatz zwischen Freiheit und Sicherheit drängt durch die COVID-19 Pandemie (mal wieder) machtvoll ans Licht. Restaurants, Geschäfte und Kulturstätten dürfen nicht öffnen. Kontaktsperren und Ausgangsverbote regeln das tägliche Leben. Mindestabstand muss eingehalten werden. Zur Abschreckung ist ein Bußgeldkatalog aufgesetzt. Kurz: Freiheiten sind massiv eingeschränkt.

Die Einschränkungen dienen dem Schutz und der Sicherheit Aller. Möglichst wenige Menschen sollen (gleichzeitig) an COVID-19 erkranken, um eine bestmögliche medizinische Versorgung sicherzustellen. „Verzichte auf Freiheit, bleibe daheim und rette Leben“ – so lautet das dominierende, scheinbar alternativlose Narrativ der Stunde. 

Die scheinbare Alternativlosigkeit des Narrativs ist problematisch. Freiheit und Sicherheit verlieren den Status gleichwertiger Alternativen, zwischen denen abgewogen werden kann. Stattdessen muss Freiheit sich hinter Sicherheit anstellen – aufgrund von Verordnungen, die juristisch mindestens wackelig sind.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Die Frage ist nicht, ob Freiheit oder Sicherheit besser ist. Es geht um den Entscheidungsprozess: Wie wird zwischen Sicherheit und Freiheit abgewogen? Meinem Empfinden nach, findet diese Abwägung derzeit zu wenig statt. Sicherheit wird Freiheit automatisch vorangestellt – ohne persönliche Entscheidungsmöglichkeit. 

Dass Fehlen persönlicher Entscheidungsmöglichkeit halte ich im Vergleich zur einseitigen Fokussierung auf Sicherheit für das größere Problem. Sicherheit wird aufgezwungen. Eine Möglichkeit persönlich zu entscheiden, wie viel Sicherheit gewollt und wie viel Freiheit dafür aufgegeben werden soll, ist nicht vorgesehen.

Das widerstrebt mir zutiefst. Ich möchte selbst entscheiden, wie viel persönliche Freiheit ich zum Schutz vor einer COVID-19 Erkrankung aufgeben möchte und welche Risiken ich in Kauf nehme. Ich halte mich für ausreichend informiert, um diese Entscheidung zu treffen. 

Es gibt Anzeichen, dass es in absehbarer Zeit zu politischen Entscheidungen zur Reduzierung der Sicherheitszwänge kommt. Geschieht das nicht, bleibt nur, für die eigene Freiheit auf die Straße zu gehen. 

Was KI fühlen kann – und was nicht.

Was fühlt künstliche Intelligenz (KI)? Ich finde diese Frage spannend und teile meine Gedanken dazu. Dafür hole ich etwas aus. Was genau eine KI ist, überlasse ich bewusst der Fantasie des Lesers. Meine Gedanken zu Gefühlen von KIs beginnen mit zwei klassischen philosophischen Problemen:

  1. Wie fühlt es sich an eine Fledermaus zu sein?
  2. Woran erkennt man einen philosophischen Zombie?

Wie fühlt es sich an eine Fledermaus zu sein?

Das erste Problem widmet sich der Frage, inwiefern Menschen nachempfinden können, WIE sich das Erleben anderer Lebewesen anfühlt. Die einfache Antwort ist: Menschen können das nicht. Die physische Beschaffenheit des Körpers, insbesondere des Gehirns verursacht Erleben. Das Einzige, was Menschen direkt empfinden können, ist das Leben des eigenen Körpers. 

Eine Fledermaus besteht aus einem völlig anderen Körper. Nur die Fledermaus kann erleben, wie es ist eine Fledermaus zu sein. Das Fledermaus-Sein bleibt Menschen auf ewig unzugänglich, weil sie keine Fledermäuse sind. Das gilt nicht nur für Fledermäuse, sondern auch für andere Menschen. Es ist unmöglich genau wie ein anderer Mensch zu empfinden, weil Körper und Gehirn dieses Menschen nicht mit dem eigenen identisch sind.

Menschen können sich jedoch vorstellen, wie es wohl sein könnte eine Fledermaus, oder ein anderer Mensch zu sein. Diese Vorstellung ist ein Produkt der Fantasie und sollte nicht mit dem realen Erleben von Fledermäusen oder anderen Menschen verwechselt werden.

Woran erkennt man einen philosophischen Zombie?

Der philosophische Zombie ist ein Gedankenexperiment, das herausarbeitet, dass es aus der Beobachterperspektive unmöglich ist zu wissen OB ein anderes Lebewesen etwas empfindet. Ein philosophischer Zombie verhält sich äußerlich genauso, wie jeder andere Mensch. Der Zombie ist in der Lage angenehme Gespräche zu führen und berichtet lebhaft von seinem Innenleben. Tatsächlich fühlt und erlebt dieser Zombie jedoch überhaupt nichts – ihm fehlt per Definition die Qualia, das phänomenale Erleben.

Der Zombie erzählt von seinen Erlebnissen, ohne sie zu fühlen. Als Beobachter ist es unmöglich, den philosophischen Zombie von einem „echten Menschen“ zu unterscheiden. Im äußeren Verhalten unterscheiden sie sich nicht. Auch der umgekehrte Schluss ist nicht möglich. Aus dem Verhalten eines Menschen lässt sich nicht beweisen, dass er kein Zombie ist! Alle anderen Menschen außer mir selbst sind möglicherweise erlebnislose Zombies! Einzig das eigene Erleben ist erfahrbar und prüfbar. 

Menschen kommunizieren ihre eigenen Erlebniszustände an Andere

Menschen können also weder wissen OB noch WIE andere Menschen ihre Existenz erleben. Dennoch behandeln Menschen wie Menschen und nicht wie Zombies. Sie schreiben anderen Menschen gleichartige Erlebnisse zu, wie die, die sie selbst erleben. Die Zuschreibung folgt der Logik: Ich bin ein Mensch und erlebe. Du bist auch ein Mensch, deswegen erlebst du dich vermutlich auch.

Ein Phänomen, das diese Zuschreibung unterstützt, ist, dass Menschen eigene Erlebniszustände kommunizieren. Das geschieht beispielsweise über Sprache und Sätze wie: „Ich freue mich dich zu sehen.“ 

Erlebniszustände werden aber auch durch Verhalten, z.B. durch Mimik und Gestik ausgedrückt. Gerade der Gesichtsausdruck ist ein universelles Mittel, um Gefühle und Erlebniszustände auszudrücken. Paul Ekman konnte Basis-Emotionen identifizieren, die mit Hilfe des Gesichts kulturübergreifend vermittelt und verstanden werden. 

Wenn ich ärgerlich bin, spüre ich das. Mein Gesicht nimmt einen ärgerlichen Ausdruck an. Diesen Gesichtsausdruck können andere Menschen wahrnehmen und interpretieren. Sie vermuten dann, dass ich Ärger erlebe. Genau so, wie sie Ärger-Erleben von sich selbst kennen und auch ein ärgerliches Gesicht machen. 

Menschen schreiben eigene Erlebniszustände der Umwelt zu

Jeremy Lent stellt in „The Patterning Instinct“ fest, dass sich die Zuschreibung von Erleben nicht auf andere Menschen beschränkt. In quasi allen Naturvölkern finden sich Zuschreibungen menschlicher Erlebniszustände auf Tiere und Umwelt. Tiere, Bäume, Seen, Flüsse und auch der Himmel erleben und handeln wie Menschen: Wenn ein Gewitter aufzieht und der Donner grollt ist der Himmel wohl wütend. Wenn ein Pferd die Augen aufreißt und flieht ist es wohl ängstlich. Wenn eine Blume den Kopf hängen lässt, ist sie wohl traurig. 

Der Zuschreibe-Mechanismus funktioniert bei Tieren und Umwelt genauso, wie bei anderen Menschen. Die Blume lässt den Kopf hängen. Wenn ich traurig bin, lasse ich den Kopf hängen. Wenn die Blume den Kopf hängen lässt, tut sie das vermutlich aus dem gleichen Grund wie ich. Die Blume ist wohl traurig. 

Erlebniszuschreibungen zu Tieren sind meist begrenzt

Jedoch ist die Zuschreibung von Erlebenszuständen bei anderen Lebewesen eingeschränkt. Die meisten Menschen dürften übereistimmen, dass Tiere etwas erleben, aber dass dieses Erleben irgendwie anders ist als das von Menschen. Ein Kriterium, auf das sich diese Annahme häufig stützt, ist, dass Tiere weder sprechen noch denken wie Menschen.  

Die Daumenregel, die genutzt wird, ist folgende: Wenn sich etwas menschlich verhält, wenn es spricht und denkt, dann hat es menschliches Erleben und Fühlen. Tiere verhalten sich nicht wie Menschen, Bäume und der Himmel auch nicht, also ist ihr Erleben weniger reich und tief als das menschliche.

Es ist mir wichtig hier an Zombie und Fledermaus zu erinnern. OB und WIE andere Lebewesen erleben ist nicht überprüfbar. Alle Zuschreibungen sind Vermutung und Fantasie.

KI zeigt menschliches Verhalten – ist KI-Erleben dann auch menschlich?

KIs wie Apple’s Siri, Amazon’s Alexa oder IBM’s Watson stellen Menschen vor ein Dilemma. Sie können typisch menschliche Verhaltensweisen teils heute schon besser ausführen als Menschen. Watson spielt sei knapp 10 Jahren besser Jeopardy als Menschen. Kein Tier schafft das. 

Schaut man in die Zukunft, ist es möglich, dass KIs sich mehr und mehr verhalten wie Menschen. Hier drängt sich die Frage auf, die dieser Artikel beantworten soll. Wenn KIs sprechen und denken wie Menschen (oder besser!), erleben sie dann auch wie Menschen (oder mehr!)?

Auf Basis des bisher geschriebenen gibt es zwei wichtige Folgerungen zu dieser Frage:

  1. Als Mensch können wir nicht feststellen OB und WIE KIs erleben
  2. Es ist wahrscheinlich, dass Menschen KIs menschliches Erleben zuschreiben

Dieser Sachverhalt wird dazu führen, dass die Diskussion darüber, was KIs fühlen endlos geführt und immer wieder anders beantwortet werden kann. Ich möchte jetzt zwei konkrete Antworten teilen, die ich spannend finde.

Antwort 1: Wenn KI sagt, dass sie etwas erlebt, dann glaube ihr

In „How to create a mind“ präsentiert Ray Kurzweil seine persönliche Antwort auf das Dilemma zum Erleben von KIs: Wenn eine KI ausdrückt, sie erlebe etwas, sie sei traurig, wütend oder enttäuscht, dann sollte das ernst genommen werden. Genauso, wie wenn ein Mensch über sein Erleben berichtet. Das Kriterium, ob und wie ein System erlebt, ist, was dieses System vom eigenen Erleben berichten kann. 

Besonders hervorheben möchte ich, dass Ray Kurzweil, in Kenntnis von Zombie und Fledermaus, selbst schreibt, dass das Vertrauen in die Aussagen der KI nicht prüfbar ist. Er stellt diese Antwort als seinen persönlichen „Leap of Faith“ dar.

Kurzweil geht aber noch weiter. Da KIs mehr und mehr komplexe Probleme lösen werden, die die Fähigkeiten und Vorstellungskraft von Menschen weit überschreiten, ist auch anzunehmen, dass sie in neue, unerhörte Bewusstseins- und Erlebensebenen vorstoßen werden, die Menschen verschlossen sind. Mit der gleichen Logik, die Menschen heute nutzen, um das eigene Erleben über das von Tieren zu stellen, wird das Erleben von KIs das von Menschen hinter sich lassen.

Die Rolle des Menschen ist dann nicht mehr die „Krone der Schöpfung“. Der Mensch ist nur eine unbedeutende Zwischenstation auf der Reise zu immer tieferem und reicherem Erleben durch KI. Wenn Menschen Glück haben und etwas Mut beweisen, können sie vielleicht als Cyborgs Anteil an diesem tieferen, reicheren Erleben haben.

Antwort 2: KI-Struktur unterstützt kein reiches Erleben 

Eine andere Antwort auf das Erleben von KIs gibt Christof Koch in „The feeling of life itself“ anhand der Integrated Information Theory (IIT). Ich kann hier nur einen sehr groben und unzureichenden Abriss der Theorie wiedergeben und empfehle die Lektüre seines Buchs. 

Kochs Theorie ist eine Variante des Panpsychismus, der besagt, dass jedes System irgendein Erleben davon hat, wie es ist es selbst zu sein („it feels like something“). Wie reich dieses Erleben ist, hängt laut Koch von der Nicht-Reduzierbarkeit des Systems ab. Nicht-Reduzierbarkeit lässt sich grob vereinfacht als die Anzahl der Teile eines Systems verstehen, die einen einzigartigen (nicht-reduzierbaren) Effekt auf einen früheren oder späteren Zustand des Systems haben. Desto größer die Nicht-Reduzierbarkeit, desto reicher das Erleben eines Systems.

Bei Lebewesen ist es so, dass die Komplexität des Verhaltens linear mit der Nicht-Reduzierbarkeit des Nervensystems steigt. Komplexität des Verhaltens lässt sich grob übersetzen als die Fähigkeit zu sprechen, zu denken oder Probleme zu lösen. Bei Lebewesen kann die Fähigkeit zu komplexem Verhalten als ungefähres Maß für Nicht-Reduzierbarkeit und damit für die Reichhaltigkeit des Erlebens genutzt werden.

Bei KIs besteht dieser Zusammenhang nicht. KI kann komplexe Probleme lösen, die Menschen nicht lösen können. Koch argumentiert, dass die Strukturen, dank derer KIs diese Leistungen vollbringen, eine messbare und weit geringere Nicht-Reduzierbarkeit aufweisen als Gehirne lebendiger Wesen. Damit sei auch das Erleben von KIs deutlich weniger reichhaltig als das von Menschen. KIs seien geniale Rechner, aber fühlen so gut wie nichts.

Selbst wenn eine KI Christof Koch unter Tränen erzählt, sie hätte ein reiches inneres Erleben, würde er anders als Ray Kurzweil diese Behauptung durch eine Messung der Nicht-Reduzierbarkeit der Struktur der KI überprüfen. Je nach Messergebnis würde er die Aussage der KI akzeptieren oder zurückweisen. Dieses Verfahren könnte theoretisch auch zum Aufspüren philosophischer Zombies angewendet werden.

Tatsächlich wird eine Messung der Nicht-Reduzierbarkeit bereits zur Diagnose von Locked-In Patienten angewendet. Locked-In Patienten haben ein reiches inneres Erleben, jedoch keine Möglichkeit zu kommunizieren oder sich zu bewegen. Sie sind das Gegenteil des philosophischen Zombies.

Was KI fühlten kann ist eine Glaubensfrage 

Ich finde beide Antworten, die von Christof Koch und die von Ray Kurzweil nachvollziehbar und plausibel. Wer von beiden recht hat lässt sich freilich nicht klären, wie bereits festgestellt ließe sich jedoch lange darüber diskutieren.

Ich sympathisiere stark mit der Sicht von Christof Koch und nehme an, dass KIs kein reiches qualitatives Erleben haben (werden). Jedoch hat Ray Kurzweil recht, dass diese Annahme mein persönlicher „Leap of Faith“ – und somit eine Glaubensfrage – ist.