Der Mann in der Arena

Ein Zitat, das mich seit längerer Zeit begleitet stammt aus einer Rede von Theodore Roosevelt. Besonders der erste Teil spricht mich an:

It is not the critic who counts; not the man who points out how the strong man stumbles, or where the doer of deeds could have done them better. The credit belongs to the man who is actually in the arena, whose face is marred by dust and sweat and blood; who strives valiantly; who errs, who comes short again and again, because there is no effort without error and shortcoming;”

Vor meinem inneren Auge sehe ich eine Arena im, alten Rom. Oben auf den Tribünen tausende Zuschauer. Unten im Sand der Arena sind Figuren zu erkennen. Ihre Bewegungen scheinen angestrengt, sie fallen, verletzen sich, sie kämpfen.

Die Gäste auf der Tribüne genießen Wein und Feigen, schauen herab, johlen, brüllen und lachen über Fehler und Misserfolge der Kämpfer. Ein Schwall aus Spott und Besserwisserei ergießt sich in die Arena.

Was erleben die blutverschmierten, dreckigen Kämpfer in der Arena, die den Spott der Zuschauer ertragen müssen? 

Müdigkeit?

Wut?

Angst?

Verzweiflung?

Panik?

Hoffnungslosigkeit?

Diese Gefühle steigen beim Einfühlen in den Arena-Kämpfer in mir auf. Spüre ich weiter hinein, überkommt mich ein dunkler Schauer von Schwere und Depression. Ein solch grausames Leben in der Arena kann sich doch kein Mensch wünschen?! Unten im Dreck, verspottet von den Zuschauern oben auf der Tribüne? Eine höllische Vorstellung.

Was aber passiert, wenn die Zuschauer, der Spott, die Arena aus der Vorstellung entfernt werden? Dieser Zaubertrick ist möglich, weil die grausamen Tribünengäste in aller Regel Teil der eigenen Psychodynamik sind. Eine Stimme im Außen wirkt nur, wenn es im Innen ein Echo, eine Instanz gibt, die ihr zustimmt. Ohne Zustimmung im Innen ist jeder noch so beißende Spott eines Anderen zahn- und harmlos. Die schlimmen Stimmen verstummen zu lassen ist ein Zaubertrick der Übung benötigt, sich aber lohnt.  

Denn ist die Tribüne leer und stumm, bleibt ein Kämpfer im Sand – ein Mensch, ein Ich. Immer noch dreckig, immer noch blutverschmiert, immer noch angestrengt. Mit der Befreiung von den inneren Dämonen und Vorstellungen gesellen sich zu Müdigkeit, Wut, Angst, Verzweiflung, Panik und Hoffnungslosigkeit weitere Empfindungen.

Lebendigkeit.

Freiheit.

Hoffnung.

Die Welt und das Leben liegen vor diesem Menschen. Er erlebt Leid – als Teil des Lebens. Er erlebt und schafft Freude, Glück, Entspannung, als Teil des Lebens. Es kann keinen Schatten ohne Licht geben. 

Ich habe diesen Umstand für mich akzeptiert und kann seitdem viel zufriedener leiden und lachen.

Wer ist eigentlich dieses „Wir“ von dem Alle reden?

Gerade ist sie mir wieder begegnet, die pauschale „Wir“-Formulierung.  Was ich damit meine? Hier einige Beispiele:

  • Wir müssen die Welt retten, derzeit zerstören wir sie
  • Wir sind eine narzisstische Gesellschaft
  • Wir verschlafen die Digitalisierung
  • Wir versagen im Kampf gegen Corona
  • Wir müssen als Gesellschaft für unseren Wohlstand kämpfen
  • Wir sind alle Sünder

Wenn ich solche Formulierungen lese, lassen sie mich heute irritiert zurück und ich frage mich:

  • Wer ist „Wir“?
  • Was ist die „Gesellschaft“?

Wer ist mit „Wir“ gemeint?

Tatsächlich konnte ich bei mir selbst beobachten, dass ich selbst häufig „Wir“-Formulierungen im Kopf hatte und niederschrieb. Wenn ich „Wir“ sagte, meinte ich „Du und Ich“. Beim Schreiben dieses Artikels achte ich darauf nicht von „Wir“ oder „Anderen“ zu schreiben.

Als studierter Psychologe und zertifizierter Coach bin ich Experte zu manchen Themen. Wenn ich aus dieser Expertenrolle Sätze schreibe wie „Wir brauchen alle Therapie“, erzeugt das eine besondere Dynamik:

  1. Indem ich „Wir“ sage, setze ich mich selbst mit ins Boot, gebe zu, dass ich auch „Therapie“ brauche. So wird die Aussage weicher und leichter empfänglich
  2. Da ich selbst Psychologe bin, war ich bereits in Therapie, habe einen Vorsprung vor allen, die noch nicht in Therapie waren. So baue ich ein Experten-Laien Gefälle auf
  3. Als Psychologe und Coach kann ich selbst Beratung anbieten und verkaufen

In Summe sagt der Satz „Wir brauchen alle Therapie“ dann eigentlich: „Du solltest eine Therapie machen, idealerweise bei mir, weil ich bin schon viel weiter als du.“

Als Sender von „Wir“-Formulierungen erzeuge ich so Druck auf mein Gegenüber, bestimmte Meinungen zu übernehmen oder Handlungen auszuführen. Das ist äußerst übergriffig:

  • Durch das „Wir“ erzeuge ich eine Verklammerung von „Du“ und „Ich“
  • Ich unterstelle meinem Gegenüber etwas („Du brauchst Therapie“), von dem ich nicht weiß, ob es tatsächlich so ist

Als Konsequenz aus dieser Erkenntnis, achte ich als Sender darauf, keine „Wir“-Formulierungen dieser Art zu verwenden. Vor dem Nutzen des Wortes „Wir“ möchte Ich mit meinem Gegenüber, dem „Du“, klären, ob tatsächlich ein gemeinsamer Standpunkt existiert. Nur dann ist das „Wir“ angebracht.

Als Empfänger von „Wir“-Formulierungen gehe ich immer einen Schritt zurück und versuche für mich folgende Fragen zu beantworten.

  • Habe ich das Gefühl, dass der Sender aus einer Haltung des überlegenen Expertentums spricht oder als Gegenüber auf Augenhöhe?
  • Fühle ich mich von der inhaltlichen Aussage nach dem „Wir“ angesprochen oder nicht?

Nur wenn ich das Gefühl habe, als Gegenüber auf Augenhöhe angesprochen zu werden und mich inhaltlich in der Aussage wiederfinde, trete ich gerne in einen Dialog ein.

Was ist die Gesellschaft?

Neben der „Wir“-Formulierung, die ich als Experte an einen Laien richte, kenne ich noch eine weitere Spielart, die ich häufig genutzt habe: Ich richte eine „Wir“-Formulierung an einen anderen Experten auf dem gleichen Fachgebiet.

Wenn ich zu einem anderen Psychologen sage „Wir brauchen alle Therapie“ und mein Experten-Kollege dieser Formulierung zustimmt, dann entsteht häufig ein Bündnis das sagt: „Alle Anderen brauchen Therapie (wir Beide sind ja schon fast über den Berg)“.

Eine elegante Alternative zur „Wir“-Formulierung ist, über „die Gesellschaft“ zu sprechen. Ich habe früher recht häufig Sätze gesagt und gedacht wie. „Unsere Kultur und Gesellschaft ist furchtbar narzisstisch und egozentrisch.“  Meist bekam ich Zustimmung für solche Sätze, was sich erst mal sehr gut anfühlt. Heute spreche ich kaum noch über „die Gesellschaft“. Das ist so, seit mein Coach auf eine meiner Gesellschafts-Schelten antwortete: „Ja stimmt, die Gesellschaft ist furchtbar narzisstisch. Aber du bist natürlich überhaupt nicht narzisstisch, Sascha.“  

In der „Wir“-Form („Unsere“) über „Gesellschaft“ zu sprechen ist nichts anderes, als ein Bündnins gegen Andere einzugehen: „Wir sind uns einige, dass die Anderen (die Gesellschaft) narzisstisch ist und sich ändern sollte.“ Somit ist geschickt, von der eigenen Verantwortung und dem eigenen Handlungsspielraum abgelenkt: „Wie solllich als Einzelner die Gesellschaft verändern? Das geht doch nicht.“  

Wer ohne Sünde ist…

Im Wissen um meinen eigenen Narzissmus, meine Therapiebedürfdigkeit und sonstige „Fehler“, kehre ich lieber meinen eigenen Hof. Über die Änderungsbedarfe Anderer oder der Gesellschaft zu sprechen, halte ich für wenig hilfreich. 

Die Gesellschaft ist nur ein gedachtes Konstrukt. Sie existiert nur durch die Beiträge jedes Einzelnen Menschen. Das Einzige, was ich ändern kann, und wodurch sich vielleicht (!) auch die Gesellschaft ändert, ist mein Beitrag, mein persönliches Verhalten.

COVID-19: Auf in den zweiten Mini-Lockdown

Gestern wurden von Bund und Ländern strengere Kontaktbeschränkungen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie beschlossen. 

Für alle von uns bedeutet das, Freunde und Verwandte noch weniger sehen, beim Sport stärker eingeschränkt sein, nicht oder unter erschwerten Voraussetzungen arbeiten.

Die Einschränkungen sollen im November gelten, um die Ausbreitung des Virus SARS-CoV-2 in Deutschland einzudämmen. Ein Monat der Entscheidung sei er, der November. Wenn wir jetzt zusammenhalten und vernünftig sind, ist Weihnachten im Kreis der Familie möglich – so das Narrativ.

Ja! Das Narrativ wird sich erfüllen. Mit strengeren Kontaktbegrenzungen und Verboten für Veranstaltungen im November, werden bis Anfang Dezember die täglich berichteten Infektionszahlen sinken. Wahrscheinlich sinken sie gerade genug, damit Weihnachten „wie gewohnt“ stattfinden kann. Gottesdienste, Familienfeiern, kleinere Urlaubsreisen, Skifahren werden möglich sein. Ein schöner Erfolg.

Dieses Vorgehen eines „Mini-Lockdown“ ist von intelligenten Menschen durchdacht und hat einige Vorteile z.B.:

  • Infektions- und Todeszahlen werden relativ gering gehalten 
  • Es gibt ausreichend wichtige Ziele und Ängste („Kein Weihnachten!“), die zur Selbstbeschränkung motivieren
  • Massive Einschränkungen und Kontrollmechanismen wie in China werden vermieden
  • Die zeitliche Begrenzung und ein absehbares Ende helfen beim Durchhalten

Erfreulicherweise greifen Politiker auf die in den letzten Monaten gewonnenen Erkenntnisse zurück und passen die beschlossenen Maßnahmen an diese an: Schulen und Kindertageseinrichtungen bleiben geöffnet – ein außerordentlich wichtiger Punkt für alle Familien! 

Es gibt dennoch strategische Nachteile dieses Vorgehens und Alternativen, wie sie beispielsweise die  Great Barrington Declaration aufzeigt.

Die beiden wichtigsten Nachteile aus meiner Sicht sind folgende:

  • Die Strategie ist fragil, nicht nachhaltig und von Impfstoffen abhängig
  • Die Strategie schränkt Selbstverantwortung und Entscheidungsfreiheit zu stark ein

Die Strategie ist äußerst fragil und von Impfstoffen abhängig

Wenn das Ziel, dass sich möglichst wenige Menschen mit SARS-CoV-2 infizieren, erreicht wird, ist das sehr erfreulich. Die Nebenwirkung dieses Erfolgs besteht darin, dass es nur wenige Menschen gibt, die mit dem Virus Kontakt haben und natürliche Immunität entwickeln können. 

Nimmt man die aktuellen Zahlen, gab es in Deutschland bisher knapp erkannte 500.000 SARS-CoV-2 Infektionen. Beachtet man die vorhandene Dunkelziffer hatten bisher vielleicht 4 Millionen der rund 80 Millionen Deutschen Kontakt mit dem Virus. Das sind 5% der Bürger. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass 76 Millionen, oder 95% aller Deutschen, noch keinen Kontakt mit dem Virus hatten.

Diese 95% Prozent sind das Risiko-Potential für die dritte, vierte oder fünfte Welle. Herden-Immunität wird häufig dann als erreichbar angesehen, wenn 66% der Menschen immun sind bzw. natürlichen Kontakt mit dem Virus hatten. Bei aktuell vielleicht 5% der Menschen, die nach 6 Monaten Pandemie in Deutschland Kontakt mit dem Virus hatten, ist es ein sehr langer Weg 66% zu erreichen.

So lange dieser Wert nicht erreicht ist, kann es jederzeit zu einer exponentiellen Verbreitung kommen, die in der aktuellen Strategie durch Maßnahmen eingedämmt werden muss. Weihnachten ist ein Zwischenziel, eine Ruhephase, dann baut sich die nächste Welle auf.

Dieses Spiel läuft, bis ein Impfstoff entwickelt und massenweise verfügbar ist. Ein Impfstoff ist der technische Weg zur Herdenimmunität. So lange es keinen Impfstoff oder natürliche Herdenimmunität gibt, sind Einschränkungen und Vorsichtsmaßnahmen alternativlos.

Die große Abhängigkeit von der Verfügbarkeit eines Impfstoffs und das gigantische wirtschaftliche Potential, einen solchen Impfstoff verkaufen zu können, bereiten mir großes Unbehagen. Hier ist so viel Druck und möglicher Vorteil, dass ein Impfstoff um jeden Preis entwickelt werden muss. Gefahren und Nebenwirkungen werden dabei möglicherweise vernachlässigt.

Über Langzeitfolgen von SARS-CoV-2 Impfstoffen kann nur weniger bekannt sein als über Langzeitfolgen von COVID-19 Erkrankungen. Die Wirkdauer und Wirksamkeit von Impfstoffen kann in so kurzen Zeitschienen, wie sie aktuell nötig sind, wohl kaum ausreichend erforscht werden. Hinzu kommt die grundsätzliche Frage, ob gegen SARS-CoV-2 überhaupt ein verlässlicher Impfstoff entwickelt werden kann. Gegen HIV gibt es seit Jahrzehnten keinen Impfstoff (und zugegeben auch weniger Anreiz einen zu entwickeln). Es ist das erste Mal, dass ein Impfstoff gegen ein Corona-Virus entwickelt werden soll.

Und selbst im Erfolgsfall, wenn ein Impfstoff massenweise verfügbar ist bleiben Fragen. Wer wird geimpft und wie wird das entschieden? Müssen sich Menschen impfen lassen um bestimmte Aktivitäten oder Berufe ausüben zu dürfen? Das leitet über zu meinem zweiten Kritikpunkt:

Die Strategie schränkt Selbstverantwortung und Entscheidungsfreiheit zu stark ein

SARS-CoV-2 ist wahrscheinlich das Virus, über das durchschnittliche Bürger in Deutschland mehr wissen, als über alle anderen Krankheitserreger. Es gibt massenweise Forschung zum Erreger, die auch über Tageszeitungen und Blogs verbreitet werden.

Grundlegende Schutzmaßnahmen, wie Handhygiene oder Abstandsregeln werden durch verschiedenste Werbekampagnen publik gemacht und verbreitet. Man kann kaum die Tür verlassen, ohne ein Plakat zu sehen, das zu „AHA“ auffordert.

Wir wissen, wie sich das Virus verbreitet. Wir wissen wir, wie gefährlich es für welche Menschen ist. Hohes Alter, Diabetes, Vorerkrankungen, Übergewicht sind klar identifizierte Risikofaktoren. Wir wissen, dass die Sterbewahrscheinlichkeit nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 durchschnittlich sicher unter 1% liegt. – aber für manche Personengruppen deutlich höher sein kann.

All dieses Wissen ist frei verfügbar und erlaubt individuelle Risiko-Einschätzungen. Dieses Wissen erlaubt es, die Entscheidung, wie man sich vor dem Virus schützen möchte in die Hände jedes Einzelnen zu geben.

Sicher, es gibt Personengruppen, die sich auf Grund ihrer persönlichen Situation oder ihres Berufs kaum selbst schützen können oder in exponierten Situationen arbeiten müssen. Für diese Menschen braucht es Unterstützung und Hilfsangebote. Genauso braucht es gemeinsame Regeln für solche Orte, an denen sich viele Menschen begegnen müssen. Die Fokussierung auf genau diese Maßnahmen ist der Kern des Positionspapiers des KBV.

Der Besuch von Restaurants, Theatern, Bars, Kinos, Discotheken, Museen, Fitnessstudios, privaten Feiern ist eine rein freiwillige Angelegenheit. Niemand muss diese Risiko-Orte aufsuchen, jeder kann sie folgenlos meiden. Warum Schließungen erzwingen?

Das Prinzip der Eigenverantwortlichkeit und des Selbstschutzes sollte Priorität haben. Es gibt mehr als ausreichend Möglichkeiten das eigene Risiko einzuschätzen und das eigene Handeln zu steuern. 

Für den Großteil der Bevölkerung sind die Risiken durch das Virus äußerst gering. Eine 99,9% Wahrscheinlichkeit das Virus unbeschadet zu überstehen, ist jedoch keine Sicherheitsgarantie. Auch junge und gesunde Menschen können durch das Virus umkommen.

Dennoch, statt aufgezwungenem Schutz und Kontaktverboten sollte jeder Mensch selbst entscheiden dürfen, ob und wie er sich vor dem Virus schützen möchte, oder nicht. 

Psychische Veränderung – Neues statt der Wiederkunft des Gleichen

Nietzsche schreibt in „Also sprach Zarathustra“ von der ewigen Wiederkunft des Gleichen. Jedes Erlebnis, jeder Umstand würde sich unendliche Male wiederholen und immer wiederkehren.

Nietzsche wird als Philosoph betrachtet – aber was, wenn man ihn als Psychologen interpretiert, wie Irvin D. Yalom das in seinem wunderbaren Buch „Als Nieztsche weinte“ tut? 

Dann wird aus der metaphysischen eine psychologische Wiederkunft des Gleichen. Erlebnisse wiederholen sich nicht in verschiedenen Leben, sondern in einem – in meinem Leben.

Das Gefühl etwas schon mal erlebt zu haben, kennt jeder als Déjà-Vu. In der Transaktionsanalyse und Psychologie werden sich wiederholende Handlungen Skript oder Schema genannt. Skripte und Schemata sind hilfreich und notwendig, um den täglichen Alltag bewältigen zu können. Skripte und Schemata können aber auch zu Leid führen.

Ein Psychologisches Problem ist häufig nichts anderes, als die (unbewusste), zwanghafte Wiederholung von Handlungen oder Erlebnissen. Die Psychoanalyse spricht hier von Wiederholungszwang. Die Alternativlosigkeit der Handlung oder des Erlebens ist der Ursprung des psychischen Leids.

Bessel van der Kolk erklärt in „Verkörperter Schrecken“, dass Flashbacks traumatisierter Menschen genau solche Wiederholungen sind. Ein Flashback ist die zwanghafte, überwältigende, ewige Wiederkunft des gleichen traumatischen Erlebnisses – mit dem immer gleichen schrecklichen Ausgang. 

Dieses Erleben ist körperlich, neurobiologisch abgespeichert und wird wie ein Film immer wieder abgespielt, wenn ein passender Reiz im Außen vorhanden ist. Eine Veränderung solcher Muster ist möglich, braucht aber prozessuale Aktivierung des traumatischen Erlebens (Roth und Ryba).

Heilung entsteht, wenn Trauma-Erlebnisse nicht mit dem immer gleichen schrecklichen Ausgang, sondern einem neuen, beruhigenden oder vergebenden Ausgang erlebt werden. Dieses Erlebnis zu ermöglichen und zu begleiten, ist die eigentlich Kern-Aufgabe von Therapeuten und Coaches.

Ein anschauliches Beispiel für diesen Prozess – mit anderen Vorzeichen – bietet die Fernseh-Serie Lucifer. Die ewige Wiederkunft des Gleichen ist das definierende Kriterium der Hölle: Tote Menschen stecken in ihrem persönlichen Höllenraum und erleben immer wieder, für alle Ewigkeit, ihren eigenen Tod. 

Jedoch, die Tür zu diesem Raum ist unverschlossen – ein Ausweg ist jederzeit möglich. Die Voraussetzung diesen Ausweg zu erkennen ist, die eigene Schuld zu akzeptieren und sich selbst zu vergeben. 

Was beim Messen von Menschen und Organisationen schiefgehen kann

Die Diagnose ist der Beginn jedes Beratungsprozesses. 

Organisationsberater führen Interviews, verteilen Fragebogen und nutzen Frameworks, um zu messen, wie die Organisation ist. Diese Messungen werden dokumentiert, zurückgemeldet und führen standardmäßig zu Maßnahmenpaketen, die durchgeführt werden.

Mediziner und Psychologen führen Untersuchungen durch, machen Tests und werten Proben in Laboren aus. Basierend darauf stellen sie eine Diagnose nach ICD-10 oder DSM 5. Diese Diagnose ist Grundlage der weiteren Behandlung und Therapie.

Dabei ist wichtig zu wissen, welche weitreichenden Konsequenzen die Messungen selbst, für das was man messen möchte haben.

Die Messung schränkt den Lösungsraum ein

Zunächst ist da die alte Manager-Weisheit „If you can’t measure it, you can’t manage it“. 

In eine ähnliche Kerbe schlägt Paul Watzlawik mit der Aussage „Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel.“. Aus der Synthese beider Aussagen folgt das Verhalten vieler Berater und Manager, dass sie vor allem auf das schauen, was sie besonders gut und einfach messen können. 

Zusammenhänge die (noch) nicht oder schwieriger erfassbar sind werden ignoriert oder absichtlich ausgeblendet. Besonders auffällig war dieses Muster, als wir bei Timmermann Partners einen CTO für eine App suchten. Je nach Hintergrund war der wichtigste Erfolgsfaktor für die Entwicklung einer App ganz klar das Backend, das Frontend, das Testing, die Dokumentation, oder die Server-Struktur. Nach den Interviews hatten wir (als eigentliche Technik-Laien) eine schöne Liste wichtiger technischer Themen. Wir kannten auch zu jedem Thema einen aussagefähigen Experten. Leider fanden wir keinen CTO.

Die Auswahl des Messinstruments und der Perspektive schränkt stark ein, was überhaupt bearbeitbar wird. Damit wird auch der Lösungsraum vorab begrenzt. Als Berater versuche ich daher, egal in welchem Kontext – darauf zu achten mehrere Messinstrumente, Themen und Frameworks zu kombinieren. Aus wissenschaftlich-psychologischer Sicht ist ein solches Vorgehen Standard und firmiert unter dem Schlagwort Multi-Trait-Multi-Method. Ein Messinstrument ist dabei auch immer meine subjektive Wahrnehmung und Erleben als Mensch.

Die Messung verändert das, was gemessen wird

Ein weiterer sehr wichtiger Punkt ist, dass die Messung einer Variable die Ausprägung der Variable verändern kann. Anders ausgedrückt, sobald ich ein Ding messe, verändert sich dieses Ding mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit.

Dieses Phänomen ist bereits in der Atomphysik beobachtbar und beschreibbar. Dort firmiert es unter dem Begriff der quantenmechanischen Messung. Ein Beispiel ist die Spin-Messungen bei verschränkten Quanten, die erst durch die Messung selbst einen festgelegten Spin-Wert annehmen.

Etwas weniger schwer zugänglich ist die Erkenntnis der Systemtheorie, dass die Beobachtung eines Systems durch einen außenstehenden Beobachter schlicht unmöglich ist. Durch die Beobachtung interagiert der Beobachter mit dem System, wodurch sich der Systemzustand ändert.

Wissenschaftlich-psychologisch wurde dieser Effekt bereits vor fast 100 Jahren durch den Hawthorne-Effekt beschrieben. In einer Fabrik sollte der Einfluss der Beleuchtung auf die Produktivität untersucht werden. Kurioserweise stieg die Produktivität unabhängig von den Lichtverhältnissen einfach, weil die Mitarbeiter merkten, dass sie beobachtet werden.

Gerade in Beratungsprojekten, Bewerbungsprozessen, Verkaufsgesprächen oder Steering Meetings sind solche Verzerrungen häufig. In der Personaldiagnostik ist das Phänomen unter dem Begriff „soziale Erwünschtheit“ bekannt. Einige Diagnostik-Instrumente testen den Grad der Messergebnis-Verzerrung durch soziale Erwünschtheit ab. Führungskräfte kompensieren diese Verzerrung häufig einfach dadurch, dass sie besonders kritisch nachfragen oder Sicherheitspuffer abziehen.

Zum Umgang mit solchen Phänomenen in der Rolle als Berater, finde ich das Konzept der Schauseite von Organisationen sehr hilfreich.

Messungen von Menschen und Organisationen sind chronisch ungenau

Gerade in der Personal- und Organisationsdiagnostik wird leider meist ignoriert, dass die meisten Messinstrumente chronisch ungenau und unzuverlässig sind. 

Absolviert eine Person zweimal den gleichen Diagnostik-Test werden sich ihre Ergebnisse unterscheiden. Auch Vergleiche zwischen mehreren mehrfach diagnostizierten Personen werden sich ändern. Der Grad der Zuverlässigkeit eines Tests wird mit der Retest-Reliabilität angegeben. Ich muss zugeben, dass mir diese Kennzahl bisher nur im akademischen und nicht im wirtschaftlichen Kontext begegnet ist. Einer der Haupt-Kritikpunkte am beliebten und in Wirtschafts-Kontexten recht häufig verwendeten MBTI Test ist die geringe Retest-Reliabilität.

Auf Organisationsebene gibt es insbesondere bei der Kulturdiagnostik verschiedene Instrumente, die angeblich die Kultur einer Organisation messen können. Neben Spiral Dynamics und Reinventing Organizations die in den letzten Jahren sehr beliebt waren, gibt es unzählige andere Modelle und Messinstrumente um Kultur zu messen.

Was dabei vergessen wird, ist die hohe Variabilität der Kultur und Verhaltensweisen innerhalb eines Unternehmens, bedingt durch die hohe Anzahl unterschiedliche Kontexte und Menschen, die in einem Unternehmen zusammenkommen (siehe Denkfehler 2 in diesem Artikel).

Zusätzlich wird eine klassische Erkenntnis der interkulturellen Psychologie ignoriert: Die Varianz innerhalb einer Gruppe ist meist deutlich größer als die Varianz zwischen Gruppen. 

Ein Beispiel: Wenn ich die Körpergröße von jeweils 1000 Männern und Frauen messe kommt dabei vielleicht heraus, dass Frauen im Schnitt 1,65m und Männer 1,80m groß sind. Frauen sind also im Schnitt 0,15m kleiner als Männer. Wenn ich mir anschaue welche Größen-Werte bei Männern vorliegen, reichen diese Werte vielleicht von 1,55m bis 2,20m. Die Spannweite ist 0,65m. Bei Frauen reichen die Messwerte vielleicht von 1,45m bis 2,00m. Die Spannweite ist 0,55m. Beide Werte sind deutlich größer als der Gruppenunterschied von 0,15m

Jetzt pauschal alle Männer als groß und alle Frauen als klein zu bezeichnen wäre aufgrund dieser Messergebnisse sehr ungenau. Bei Organisationskultur passiert aber genau das. Hier wird schnell und pauschal von „Teal“ Organisationen im Gegensatz zu „Orange“ Organisationen gesprochen.

Als grobe Orientierung und zur Anregung einer Entdeckungsreise sind solche Instrumente und Aussagen durchaus hilfreich. Als Berater setze ich solche Instrumente jedoch mit der nötigen Vorsicht und einem umfangreichen Beipackzettel ein.

Wut und Stühle

Die letzten 33 Monate waren für mich sehr ereignisreich, und haben vieles in meinem Leben verändert. Ein wichtiger Anstoß dafür war und ist die Coach-Ausbildung bei Hephaistos.

Diese Ausbildung endet im Juli und Teil der Zertifizierung ist eine Theoriearbeit, die ich hier teilen möchte. Die Arbeit trägt den Titel: Sollte ich meinen Klienten dazu ermuntern seine Wut an einem Stuhl auszulassen? – Überlegungen zum Ausdruck von Wut im Coaching.

Die Arbeit kann hier heruntergeladen werden:

Besonders bedanken für alle Impulse und Momente möchte ich mich bei all meinen Ausbildungskollegen und bei meinen Ausbildern Susanne Brugger, Nicola Janssen, Ursula Most und Klaus Eidenschink.

Das Sozialpsychologische Dilemma von „Black Lives Matter“

Durch den Tod von George Floyd gibt es überall auf der Welt Proteste gegen Rassismus. 

Die Proteste sind gerechtfertigt, bewegen sich aus sozialpsychologischer Sicht jedoch auf einem schmalen Grat. Anschaulich lässt sich das am Leitspruch „Black Lives Matter“ erklären. 

Aus einer Geschichte jahrhundertelanger Unterdrückung, Sklaverei und Ausbeutung, in denen das Leben Schwarzer teils als wertlos betrachtet wurde ist es verständlich, eine Gegenposition aufbauen zu wollen. Zum historischen, grausamen und zu verurteilenden „Black Lives are worthless“, bildet „Black Lives Matter“ den Gegenpol.

Tragischerweise übernehmen Aktivisten damit die grundlegende Unterscheidung der historischen Sklavenhändler und heutigen Unterdrücker. Es ist die Unterscheidung Schwarz – Weiß. Diese Unterscheidung ist der erste Schritt und die Grundlage, ohne die Rassismus nicht existieren kann. Gäbe es die Unterscheidung zwischen Schwarz – Weißen nicht, könnte man aufgrund dieser Dimension auch nicht unterdrücken. 

Sozialpsychologisch betrachtet, wird durch die Aussage „Black Lives Matter“ automatisch eine Gruppe definiert und gegen Andere abgegrenzt. Überspitzt formuliert steht Die Gruppe der schwarzen Opfer der Gruppe der weißen Täter gegenüber. Damit ist die Basis für typische Gruppendynamiken gegeben, die aus der Sozialpsychologie bekannt sind: Die Aufwertung der eigenen Gruppe (Ingroup) und die Abwertung der anderen Gruppen (Outgroups), also Diskriminierung aufgrund von Gruppenzugehörigkeit.

Die tausendfach zitierte Grundlagenarbeit zu Intergruppendynamik leisteten Tajfel und Turner in den 70ern und 80ern. Besonders relevant ist dabei das minimale Gruppen Paradigma. Eine völlig zufällige Gruppen-Unterscheidung reicht aus, um Gruppendiskriminierung zu erzeugen. In der klassischen Studie waren das Jungs, die in einem Ferienlager zufällig in zwei Gruppen geteilt wurden und darauf hin eine lebhafte Rivalität inklusive Streichen und Schmähliedern entwickelten. 

Ein noch drastischeres und älteres Beispiel für Gruppen-Dynamiken ist das Stanford-Prison Experiment. Aus vernünftigen College-Studenten, die zufällig als Gefangene oder Gefängnis-Wärter eingeteilt wurden, entwickelten sich teilweise Sadisten. Die Gefängnis-Wärter fingen mehr und mehr an, die Gefangenen bloß zu stellen, ihnen ihre Identität zu nehmen (durch Uniform, Verhüllung, Nummerierung) und zu quälen. Das Experiment musste abgebrochen werden. Die zufällige Unterscheidung, verstärkt durch Gruppen-Symbolik (z.B. Uniformen) aus, um massive Diskriminierung hervorzurufen.

Erschwerend kommt hinzu, dass ein Opfer-Narrativ Gegengewalt und Abwertung aus der Opfer-Gruppe gegenüber der Täter-Gruppe wahrscheinlicher macht. Ein Teufelskreis entsteht. Mein Religionslehrer sagte dazu mal: „Die Christenverfolgung im Römischen Reich hat erst nach der Taufe Konstantins richtig begonnen.“ 

Dass Gruppenzugehörigkeiten diese Effekte überhaupt entfalten können, erklären Sozialpsychologen damit, dass die Gruppenzugehörigkeit die eigene Identität mitdefiniert. Die Gruppenzugehörigkeit definiert, wer ich bin. Diese Identität muss insbesondere dann verteidigt und durchgesetzt werden, wenn es wenig Anderes gibt, über das man sich definiert. 

Wenn man zur Gruppe der Bayern-Fans gehört, kann man das durch Schals und Trikots ausdrücken, Gleichgesinnte suchen, und Sätze wie „Ich bin Bayern-Fan“ sagen. Die Abneigung gegen 1860-Fans (früher) oder Dortmund-Fans (heute) gehört dann auch dazu. Hier geht es um Fußball und relativ unbedeutende Gruppenzugehörigkeiten. Dennoch ist die Dynamik so explosiv, dass bei den Bundesligaspielen zwischen Bayern und Dortmund große Polizeiaufgebote die Fans voneinander trennen müssen.

Ob man Bayern oder Dortmund Fan ist, kann man sich normalerweise aussuchen, ist nicht mit einer historischen Unterdrückungsgeschichte verbunden und als Merkmal im Alltag kaum erkennbar. 

Bei Hautfarbe und Geschlecht ist das anders. Ohne massive medizinische Eingriffe sind weder Hautfarbe noch Geschlecht änderbar. Beides ist mit jahrhundertelanger Unterdrückungsgeschichte verbunden und im Alltag auf den ersten Blick offensichtlich. Beide Gruppenzugehörigkeiten scheinen auch einen großen Anteil an der eigenen Identität auszumachen. 

Hautfarbe und Geschlecht sind sichtbare, oft bedeutsame und identitätsstiftende Gruppenzugehörigkeiten. Dass es dann zu Diskriminierung und Unterdrückung kommt, ist auf Basis der Ergebnisse mit minimalen Gruppen wenig überraschend. Wenn sich Kinder schon wegen zufällig entstandenen Gruppen im Ferienlager diskriminieren – was kann man dann bei solch bedeutsamen Gruppen-Zugehörigkeiten wie Geschlecht und Hautfarbe erwarten? Die Geschichte der letzten Jahrhunderte gibt die traurige Antwort.

Aus diesen Erkenntnissen lässt sich eine wenig ermunternde Schlussfolgerung ziehen: So lange es Gruppenunterscheidungen gibt und sie von Menschen als relevant für die eigene Identität angesehen werden, solange wird es zu Diskriminierung aufgrund von Gruppenzugehörigkeit kommen. 

Für die anti-rassistischen Proteste ergibt sich daraus eine sehr schwierige Situation. Ohne die Unterscheidung Schwarz-Weiß lässt sich kaum auf das erfahrene Unrecht aufmerksam machen. Die Unrechtsgeschichte ist teilweise auch mit der eigenen Identität verwoben. Solange die Unterscheidung beibehalten wird, wie im Leitspruch „Black Lives Matter“, ist eine Auflösung der Diskriminierung aufgrund der Gruppeneffekte unmöglich. Im Zweifel trägt die Betonung auf „Schwarz“ zur Stabilisierung von Rassismus bei (hier eine Erklärung dieser paradoxen Dynamik am Beispiel Klimawandel).

Ähnliche Erkenntnis hatte wohl auch John Lennon schon und drückte sie in „Imagine“ aus. Der Vision „Imagine all the people living life in peace“ geht eine Auflösung identitätsstiftender Konstrukte voraus, wie:

  • Imagine there’s no heaven
  • Imagine there’s no countries
  • Nothing to kill or die for
  • And no religion too

Hautfarbe lässt sich ohne weiteres auf die Liste setzen. Zur Auflösung von Rassismus muss die Unterscheidung schwarz-weiß irrelevant werden. Das bedeutet, dass Hautfarbe keine Rolle mehr zur Definition der eigenen Identität spielen darf. Das ist eine große Aufgabe für jeden Einzelnen.

Das Schreckgespenst der „wahren Liebe“

Das Märchen von Dornröschen kennt jeder. Eine Prinzessin fällt durch einen bösen Zauber in tiefen Schlaf. Sie kann nur durch einen Kuss der wahren Liebe erweckt werden. 

Was heraussticht, ist „wahre Liebe“. Ein „Kuss der Liebe“ reicht nicht aus. Es muss „wahre Liebe“ sein. Kinder lernen so, dass es nicht nur Liebe gibt, sondern auch „wahre Liebe“ und „falsche Liebe“. Kraftvoll genug, um böse Zauber zu brechen, ist allein die „wahre Liebe“.

Das ist tragisch, weil „Liebe“ ohne vorangestelltes Adjektiv abgewertet wird. Ist „Liebe“ nicht „wahre Liebe“, dann muss es wohl „falsche Liebe“ sein, also keine Liebe. Durch die Einführung „wahrer Liebe“ bleibt kein Platz mehr für „Liebe“. Im ungünstigen Fall führt das zu Perfektionismus, ständiger Unsicherheit und Lieblosigkeit: „Die Liebe, die ich spüre – ist das die wahre Liebe?“ 

Ich möchte das Problem „wahrer Liebe“ an einem Beispiel aus meinem Leben verdeutlichen:

  • Ich liebe meine beiden Töchter
  • Ich liebe meine Freundin

Ich empfinde allen dreien gegenüber nicht komplett identisch. Die Liebe zu meiner Freundin fühlt sich anders an, als die zu meinen Kindern. Welches aber ist „wahre Liebe“? 

Sobald ich mir diese Frage stelle, bin ich in einem Dilemma. Entweder muss ich alles als „wahre Liebe“ definieren, wobei der Absolutheitsanspruch des Wortes „wahr“ keinen Raum für den Reichtum meiner Empfindungen lässt. Oder ich bezeichne nur eines von Beiden als „wahre Liebe“. Damit werte ich die andere Beziehung ab. 

Der Weg, für den ich mich entscheide, ist, dass ich mir die Frage nach der „wahren Liebe“ nicht stelle. „Wahre Liebe“ existiert nicht, nur „Liebe“. Das Wörtchen „wahr“ ist überflüssig.

Diese Logik lässt sich auf viele Bereiche übertragen. Neben „wahr“ gibt es Worte, die ähnlich verwendet werden. Das sind insbesondere „wirklich“ und „echt“. Man spricht dann von „echten Problemen“ oder sucht das „wirkliche Ich“. Besonders Berater und Coaches, aber auch Hilfesuchende nutzen diese Formulierung häufig. Sie scheinen als Narrativ und Verkaufsargument durchaus wirksam zu sein.

Wie oben beschrieben glaube ich nicht, dass Adjektive wie „wahr“, „wirklich“ oder „echt“ einen Nutzen bieten. Ich sehe eher die Gefahr, dass Schaden und ungünstige Dynamiken entstehen. Etwas Demut und Bodenständigkeit, tun jedem Menschen gut da braucht es keine Steigerungen. Mir reichen „Liebe“ und „Ich“, so wie sie sind.

Warum Reichtum ohne Armut nicht funktioniert

Luxus und Reichtum funktionieren nicht ohne Armut. Warum? Ich erkläre das mal kurz mit Äpfeln.

Mal angenommen, es gibt 20 Äpfel, die wir auf 10 Menschen aufteilen wollen. Wenn wir alle Äpfel aufteilen, hat jeder Mensch im Durchschnitt 2 Äpfel: 20 / 10 = 2. Probieren wir 3 Varianten aus, um die Äpfel auf die Menschen zu verteilen:

  1. Wenn wir die Äpfel gleich verteilen, dann bekommt jeder Mensch 2 Äpfel. Jeder Mensch hat genauso viele Äpfel wie es dem Durchschnitt entspricht. Eine Folge davon ist, dass es keinen Menschen gibt, der überdurchschnittlich viel hat.
  2. Geben wir einem Menschen 3 Äpfel, weil er besonders groß oder wichtig ist, bekommt jemand anderes nur 1 Apfel (Wir verteilen nur ganze Äpfel). Natürlich bleibt der Durchschnitt bei 2 Äpfeln pro Person. Jetzt gibt es 8 Menschen, die durchschnittlich viele Äpfel haben, 1 Mensch der überdurchschnittlich viele Äpfel hat und 1 Mensch der unterdurchschnittlich viele hat.
  3. Wir könnten die Äpfel aber auch ganz anders verteilen. Weil 1 Mensch besonders wichtig ist, bekommt er von jedem anderen 1 Apfel. Dieser Mensch hat jetzt 11 Äpfel und alle anderen haben 1 Apfel. Jetzt hat im Durchschnitt immer noch jeder Mensch 2 Äpfel. Nur sind die Äpfel jetzt so verteilt, dass 9 Menschen weniger haben als der Durchschnitt. 1 Mensch ist sehr reich und keiner hat genauso viel wie der Durchschnitt.

Dieser statistische Effekt begründet, warum man Mittelwerte immer mit Standardabweichung angeben sollte, die wird nämlich – anders als der Durchschnitt – größer je ungleicher die Äpfel verteilt sind. Mir geht es hier aber nicht um Statistik, sondern um Armut und Reichtum.

Die Hans-Böckler Stiftung definiert Armut so, dass jeder als arm gilt, der weniger als 60% des durchschnittlichen Einkommens zur Verfügung hat. Für die Äpfel-Verteilaufgabe von oben bedeutet das, dass jeder, der weniger als 1,2 Äpfel hat als arm gilt. Das bedeutet:

  • In Variante 1 gibt es 0 Arme
  • In Variante 2 gibt es 1 Arme
  • In Variante 3 gibt es 9 Arme

Wir wissen jetzt wie viele Arme es jeweils gibt, aber wie viele Reiche gibt es in den Varianten? Ich nehme vereinfacht an, dass man dann reich ist, wenn man genauso viel mehr hat, wie Arme weniger haben. Wer 2,8 Äpfel oder mehr hat, gilt dann als reich. So ergibt sich folgendes Bild. 

  • In Variante 1 gibt es 0 Reiche
  • In Variante 2 gibt es 1 Reiche
  • In Variante 3 gibt es 1 Reiche

Spannend ist bei dieser Gegenüberstellung, dass es in Variante 1 (jeder hat gleich) viel, weder Arme noch Reiche gibt. Dieser Effekt wird noch deutlicher, wenn man Reichtum als die „Oberen 10%“ definiert. In Variante 1 gibt es dann keine Oberen 10 % . Die Zuschreibung reich oder arm ist hier einfach nicht möglich, weil Jeder gleich viel hat.

In den beiden anderen Varianten gibt es Reiche und Arme. Das veranschaulicht, dass Armut und Reichtum immer Hand in Hand gehen. Das Eine kann es ohne das Andere nicht geben. Wer Armut auslöschen will, muss dafür das Streben nach Reichtum loslassen.

Variante 3 verdeutlicht einen weiteren Effekt. Desto größer das Vermögen der Reichen, desto mehr arme Menschen gibt es. Da ist es dann egal, ob 42 oder 62 Milliardäre die Hälfte des weltweiten Vermögens (quasi 11 von 20 Äpfeln, Variante 3) unter sich aufteilen. Der Reichtum und die dadurch entstehende Armut ist gigantisch. 

Das mit den Milliardären ist etwas plakativ und ungenau – zumal alle die das hier lesen keine Milliardäre und wahrscheinlich nicht mal Millionäre sind. Deswegen spitze ich das Argument gerne noch etwas zu. Möchtest du überdurchschnittlich viel verdienen? Ja? Ok, dann sagst du damit gleichzeitig, dass du möchtest, dass jemand Anderes unterdurchschnittlich viel verdient. Schau dir Variante 2 an. Damit einer 3 Äpfel haben kann, darf ein Anderer nur 1 Apfel haben. 

Es ist logisch unumgänglich. Sobald es Jemanden gibt, der mehr als der Durchschnitt hat, muss es Jemanden geben, der weniger als der Durchschnitt hat. Wer nach Reichtum oder gar Luxus strebt, der nimmt damit Armut in Kauf. Denk mal darüber nach.

Epilog

Mir fallen einige Beispiele ein, wie man meine Apfel-Geschichte argumentativ angreifen könnte. Die möchte ich einfach – zum weiteren Gedankenanstoß – teilen:

  • Die Definition relativer Armut mit einem Mittelwert ist unsinnig. Treffender wäre eine Definition von Armut anhand des Medians. Jeder der weniger als 60% des Medians hat ist armutsgefährdet. Jeder der weniger als 40% des Medians hat ist arm. Damit gibt es nur in Variante 2 eine armutsgefährdete Person, aber keine Armen. In Variante 3 ist der Median übrigens 1 – damit gibt es dort nicht mal armutsgefährdete Menschen!
  • Statt einer relativen, sollte eine absolute Armutsgrenze genutzt werden. Diese absolute Armutsgrenze ist 1 Apfel. In keiner der Varianten gibt es Armut. Diesen Erfolg sollten wir feiern. Da es keine Armut gibt, ist es völlig in Ordnung, dass es (Super-) Reiche gibt
  • Der Reiche hat eben einen Apfelbaum gepflanzt der ihm gehört! Ohne seinen Apfelbaum gäbe es überhaupt keine Äpfel! Die Anderen sollten froh sein, dass sie bei der Ernte helfen dürfen und einen von seinen 20 Äpfeln abbekommen!
  • Armut und Reichtum sind Naturgesetze. Daher ist es völlig in Ordnung, dass manche (z.B. die Leistungsstarken) reich sind, während Andere (die Schwachen und Faulen) arm sind. Kleine Provokation: Setz doch mal „Männer“ und „Frauen“ in die Klammern

Der Wanderer im Wald

Es war einmal ein Wanderer. Bepackt mit seinen Sachen bahnte er sich seinen Weg durch den Wald. Er kletterte über Steine oder umgefallene Baumstämme, watete durch Bäche, überquerte helle Lichtungen, schlief in seinem Zelt oder unter freiem Himmel, aß was er fand oder fing. 

Eines Tages traf er auf eine Straße, folgte ihr ein Stück und erreichte eine Raststätte. Er trat ein und wurde gleich von einem eifrigen Geschäftsmann gerufen:

„Hey du, Wanderer! Komm an meinen Tisch. Du siehst wild und zerzaust aus! Hier, iss etwas, ich lade dich ein, du bist ja ganz mager! Wo kommst du denn her?“

Der Wanderer nahm das Angebot dankend an und versuchte die Frage des Geschäftsmanns zu beantworten: „Ich komme aus Altenstadt – dort bin ich vor einiger Zeit losgelaufen, jetzt bin ich zufällig hier angekommen.“

Der Geschäftsmann unterbrach ihn: „Wie, du bist zufällig hier angekommen? Weißt du denn nicht wo du hin willst? Wieso bist du nicht über die Straße von Altenstadt gekommen oder mit dem Bus zur Raststätte gefahren? So wärst du viel schneller hier gewesen.“

Der Wanderer versuchte sich zu erklären: „Ich wusste doch gar nicht, dass ich zur Raststätte will. Ich ging einfach los – hatte ja alles bei mir, was ich brauche. Unterwegs begegnete ich auch Hunger und Kälte. Ich fand aber immer genug zu essen und nachts kroch ich in mein Zelt und kuschelte mich in meine Decke, um nicht zu frieren. Heute morgen erreichte ich zufällig diese Raststätte.“

Der Geschäftsmann verlor die Fassung: „Großer Gott! Hunger, Zufall, Kälte, Unwissenheit! Wie kannst du nur so leben? Überleg mal, was du alles verpasst! Nein, nein, das geht so nicht. Du hast großes Glück mich getroffen zu haben! Hör zu, ich mache dir ein Angebot: Komm mit mir nach Neustadt. Dort besorgen wir dir neue Klamotten und einen Job. Du wirst nicht viel verdienen, aber für eine warme Wohnung und einen gut gefüllten Bauch reicht es allemal. Dann reden wir über deine Zukunft – über alles was du erreichen kannst und wie du dort hinkommst. Kein zielloses Rumstreifen im Wald mehr, kein Hunger, keine Kälte – was sagst du?“

Der Wanderer blickte den Geschäftsmann mit großen Augen an. Er sah seine freundlichen Augen, die roten Backen, den feinen Anzug, die kräftigen Hände, die sauber polierten Schuhe. Sein Blick wanderte zu den eigenen, dreckigen Händen, seinen abgetragenen Klamotten und ausgelatschten Schuhen. Er befühlte seinen zotteligen, verkrusteten Bart und seine hervorstehenden Wangenknochen. Vor seinem inneren Auge erschien die goldene Zukunft, die der Geschäftsmann ihm anbot. 

Der Wanderer blinzelte, das Zukunftsbild verschwand, er kehrte in den Moment zurück. Entschlossen nahm er seinen Rucksack auf, sah den Geschäftsmann unverwandt an und sprach mit sonnig-klarer Stimme zum Abschied: „Ich danke dir für dein großzügiges Angebot. Ich muss es ablehnen. Ich streife gerne ziellos durch den Wald. Ich bin ein Wanderer.“