COVID-19: Die Wirkung politischer Maßnahmen auf die Zahl positiver Tests

Die dritte Welle der Corona-Pandemie scheint gebrochen. Das ist super und ich bin voller Hoffnung, dass wir langsam Richtung Ende der Pandemie blicken. Sommer und steigende Impfzahlen geben mir Hoffnung, für meinen geplanten Sommerurlaub am Gardasee.

Gleichzeitig bin ich ein sehr neugieriger Mensch und frage mich: Wie haben wir es geschafft die dritte Welle zu brechen? Vielleicht waren es ja die politischen Maßnahmen, die eingeführte Bundesnotbremse die zum Rückgang der Infektionszahlen geführt hat?

Schaut man sich die Zahl der positiven Tests der letzten Monate an, scheint die Annahme, dass politische Maßnahmen einen Einfluss auf den Rückgang der positiven Tests hatten plausibel:

Nach dem Beschluss des Lockdown Light Anfang November 2020, nach der Verschärfung des Lockdown Mitte Dezember 2020, sowie nach Beschluss der Notbremse im April 2021 steigen die berichteten positiven Testfälle langsamer oder gehen zurück.

Genauso scheint es, als seien die steigenden Zahlen und damit die dritte Welle durch die beschlossenen Lockerungsschritte Anfang März zu erklären.

Leider trügt diese Darstellung, was vor allem zwei Gründe hat:

  1. Berichtete positive Tests bilden das Geschehen ungefähr 10 bis 14 Tage vor dem Berichtsdatum ab
  2. Dass Virus verbreitet sich exponentiell – lineare Anstiege sind kein guter Indikator für die Infektionsdynamik

Um diese beiden Probleme auszugleichen hat das RKI vor über einem Jahr bereits das Nowcasting entwickelt: https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Projekte_RKI/Nowcasting.html

Aus verschiedenen Daten wird das tatsächliche Erkrankungsdatum geschätzt und damit auch die Reproduktionszahl (R-Wert) geschätzt. Der R-Wert war vor allem vor einem Jahr präsent und gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter Mensch ansteckt. ein R-Wert größer als 1 bedeutet exponentiell steigende Zahlen, ein R-Wert kleiner als 1 einen Rückgang der Zahl positiver Tests.

Um die Dynamik des Infektionsgeschehens zu bewerten ist der R-Wert also die richtige Wahl. Durch Analyse des zeitlichen Verlaufs des R-Werts können Einflusspunkte identifiziert werden, an denen sich der R-Wert ändert. Eine Veränderung der Entwicklung des R-Werts deutet daraufhin, dass irgendetwas passiert ist, das Einfluss auf die Infektionsdynamik hatte. Ich habe mir den 7 Tage R-Wert aus dem Nowcasting des RKI angeschaut und Einflusspunkte identifiziert:

Einflusspunkte sind immer dort, wo entweder Gipfel vorliegen, oder nach einer Zeit relativer Stabilität sich das Niveau des R-Werts beginnt zu verändern. Ich habe vier Einflusspunkte ausgewählt. Um die Einflusspunkte (gestrichelte Linien) herum habe ich einen 10 Tageskorridor gebaut (grüner Bereich) in dem vermutlich irgendetwas geschehen ist, dass Einfluss auf die Infektionsdynamik hatte.

Legt man die Einflusskorridore auf die Zahl der berichtete positiven Tests, ergibt sich folgendes Bild:

Bei diesem Bild wird deutlich, dass die Einflusskorridore durchaus treffend gewählt sind. Nach den Einflusskorridoren verändert sich das Wachstum der positiven Testzahlen in die jeweils erwartete Richtung. Hier braucht es genaues Hinschauen. Eine Reduzierung des R-Werts von ca. 1,2 auf 1 ist schon ein Signal dafür, dass die Infektionsdynamik verlangsamt wird, die absolute Zahl der positiven Tests steigt aber weiter an. Dieses Muster is im Dezember 2020 zu sehen.

Diese Darstellung veranschaulicht aber auch, wie schwierig es ist, den Effekt von Maßnahmen und Entscheidungen zu überprüfen. Es Vergehen mindestens 2 Wochen, bis sich überhaupt Effekte in der Zahl der positiven Tests zeigen. Und diese Effekte sind dann eher Wachstumsverlangsamung oder Stagnation und noch nicht unbedingt Rückgang der Zahlen.

Legt man die Infektionskorridore neben die politischen Beschlüsse auf Bundesebene ergibt sich folgendes Bild:

Der Zeitpunkt von politischen Beschlüssen liegt recht systematisch nach den Einflusskorridoren, die ich durch die Betrachtung des R-Werts identifiziert habe. Das isst recht ernüchternd, weil es nahelegt, dass die politischen Entschlüsse wenig Einfluss auf die Infektionsdynamik hatten. Zwei Hypothesen lassen sich recht sicher aufstellen:

  • Die 3. Welle baute sich schon auf, lange (knapp einen Monat) bevor Lockerungen beschlossen wurden
  • Der Beschluss der Bundesnotbremse kam gut zwei Wochen zu spät um für dass Brechen der 3. Welle (mit-) verantwortlich zu sein

Wichtig ist mir zu erwähnen, dass den politischen Entschlüssen mehrwöchige Diskussionen vorausgingen, die medial massive Aufmerksamkeit erhielten. D.h. möglicherweise war die Diskussion und Berichterstattung über den politische Entscheidungsprozess ein relevanter Einflussfaktor. Zumindest zeitlich würde das durchaus zu den Einflusskorridoren passen. Persönlich, aus der Erfahrung systemtheoretischer Beratung liegt mir der Gedanke sehr nahe, dass der Entscheidungsprozess mächtiger ist , als die formale Entscheidung.

Zu wissen, was nicht Einfluss auf die Infektionsdynamik nimmt, ist leider nur begrenzt hilfreich. Viel spannender ist natürlich herauszufinden, was tatsächlich Einfluss hat. Das wäre die Grundlage um zielgerichtete Maßnahmen setzen zu können.

Zumindest der Beginn der dritten Welle scheint recht gut durch das Aufkommen der Variante B.1.1.7 erklärbar: Diesen Schluss legt der stetig steigende Anteil dieser Variante ab Februar 2021 nahe, welcher mit dem Einflusskorridor im Februar zusammenfällt.

Diese Erklärung hilft aber auch nur dabei zu erklären, welche Umstände das Infektionsgeschehen verschlimmern (Virusvarianten!). Wofür mir bisher jegliche stichhaltige Erklärung fehlt, ist, welche Faktoren die Ausbreitung verlangsamen. Das ist das eigentliche Dilemma. Wir haben bis heute – abgesehen von AHA und Kontaktreduzierung – keine Ahnung, wie wir es schaffen Wellen zu brechen.

Dass ich kaum belastbare Evidenz für die Wirksamkeit formeller Maßnahmen finde und einige Maßnahmen grundsätzlich nicht nachvollziehen kann (Nächtliche Ausgangssperre?!) erschwert es zusätzlich Geduld und Akzeptanz aufzubringen. Aus meiner persönlichen Sicht, sitze ich seit sieben Monaten einfach im Home Office, tue eigentlich immer das gleiche und beobachte fasziniert, wie sich die Zahlen positiver Tests mal rauf und mal runter bewegen. Was ich persönlich tue, hat offensichtlich keinen Einfluss auf die Zahlen, deren Entwicklung ich mir trotz Fantasie, Mühe und Recherche häufig nur sehr schwer erklären kann.

Egal. Gerade gibt es ein Licht im Tunnel. Noch drei Monate bis zum Sommerurlaub, der vermutlich auch stattfinden kann.

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