COVID-19: Warum ich COVID-19 Impfungen für junge Menschen nicht verstehe

BionTech beantragt Zulassung ihres Impfstoffs für Jugendliche!

Das ist wichtig, denn „um eine Herdenimmunität zu erreichen, müssen wir außerdem mindestens die älteren Kinder impfen, sonst klappt das nicht.“

Die Impfung von Kindern ab Herbst scheint möglich!


Ich hadere mit solchen Schlagezeilen: Ich verstehe nicht, welchen Sinn es hat, junge Menschen (bzw. Menschen unter 35) flächendeckend gegen COVID-19 zu impfen.

Ich verstehe, dass es sinnvoll ist, Kinder zwischen 12 und 15 mit erhöhtem Risiko (z.B. Kinder die Trisomie 21) zu impfen. Insofern ist eine Zulassung für einen Impfstoff für Kinder eine gute Sache. Ich halte es auch für wichtig und richtig diese Kinder bevorzugt zu impfen.

Was ich nicht verstehe, ist, junge, gesunde Menschen flächendeckend gegen COVID-19 zu impfen. Ich halte diese Impfungen für unverhältnismäßig und wenig effektvoll. Mir graut es bei dem Gedanken, dass Lockerungen oder Öffnungsschritte auch für junge Menschen (unter 35) von Impfungen abhängig gemacht werden.

Wie ich zu dieser Meinung komme, möchte ich gerne erläutern.

Schnelle Impfung von Risikogruppen rettet Leben

Mein Gedankengang ist stark von der stoischen premeditatio malorum inspiriert. Sich den absoluten Worst Case konkret auszumalen und sich den damit verbundenen Ängsten zu stellen, eröffnet Handlungsmöglichkeiten für das Hier und Jetzt. Die Wirkung von Impfungen ist dann am größten, wenn der schlimmste epidemiologische Fall eintritt. Grundsatz meines Gedankengangs ist es, den theoretisch furchtbarsten Fall zu skizzieren, um den maximal möglichen Effekt von Impfungen zu erfassen. Dieser Effekt kann dann in Relation zu dem gesetzt werden, was sonst im Leben passiert.

Impfungen retten Leben. Es ist ein großartiger Verdienst und eine herausragende Leistung, dass es nach einem Jahr Pandemie mehrere wirksame Impfstoffe gibt. Die Phase-3 Studie des Biontech-Impfstoffes, schätzt die Wirksamkeit dieses Impfstoffes auf 95%. Der Impfstoff verhinderte 95% der schweren COVID-19 Erkrankungen. Für andere Impfungen werden teils höhere aber auch niedrigere Schutzwirkungen berichtet.

Für meinen Gedankengang nehme ich an, dass Impfstoffes 95% Prozent aller theoretisch möglichen Tode verhindern können. 95% der Toten eines Worst Case Szenarios könnten durch Impfung verhindert werden. Der nächste Schritt ist das Worst Case Szenario zu skizzieren. Dazu braucht es:

  • Die Mortalitätsrate (IFR), also der Anteil der Menschen je Altersgruppe die nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 sterben
  • Die Zahl der Menschen, die sich im theoretischen Worst Case mit SAR-CoV-2 infizieren könnten

Ich werde Schritt für Schritt vorgehen und die Datenquellen, die ich verwende direkt im Text verlinken.

Schätzung der Mortalitätsrate (IFR) je Altersgruppe

Wie viele Menschen an oder mit einer Infektion mit SARS-CoV-2 und der folgenden COVID-19 Erkrankung sterben ist seit Beginn der Pandemie ein viel diskutiertes Thema. Anfängliche Schätzungen lagen häufig bei 2-10%, was schnell zu grausigen Schreckensszenario-Berechnungen führen kann. Für meine Schätzung der IFR ziehe ich zwei unterschiedliche Quellen heran.

Die erste Quelle ist eine Meta-Analyse von Levin und Kollegen zur IFR, die mehrere Studien zusammenfasst. Die Studie liefert Schätzungen für die Mortalitätrate je Altersgruppe. Als Schätzung für die IFR nutze ich die Werte, die sie für das obere Ende ihres 95%-Konfidenzintervalls berichten. Der wahre Wert der IFR ist also mit 97,5%-iger Wahrscheinlichkeit so groß oder niedriger als der Wert, den ich nutze.

AltersgruppeMortalitätsrate
0 – 340,005 %
35 – 440,078 %
45 – 540,26 %
55 – 640,87 %
65 – 743%
75 -8410,4%
85+36,6 %
Mortalitätsraten aus der Meta-Analyse von Levin

Deutlich erkennbar ist der Altersgradient. Mit zunehmendem Alter steigt die Gefahr, die vom Virus ausgeht massiv an. Dieses Wissen ist nicht neu. Im Prinzip wissen wir das schon seit Beginn der Pandemie. Übrigens, der geschätzte Mittelwert für die Gruppe junger Menschen (0 – 35) ist 0,004 %. Der Unterschied zwischen 0,004% und 0,005% scheint vernachlässigbar, bedeutet aber eine – relativ gesehen – 25% höhere Schätzung der Todeszahlen für diese Altersgruppe. Ja, Statistik ist oft kontraintuitiv und ich gebe mir Mühe den Worst Case zu berechnen und nichts schön zu rechnen.

Die zweite Quelle zur Schätzung der IFR sind die berichteten Zahlen positiver Tests und Todeszahlen des RKI. Hier lässt sich ziemlich stumpf eine IFR schätzen, indem man die Zahl der Toten durch die Zahl der positiv Getesteten teilt. Diese Berechnung ist methodisch sehr fragwürdig und kein seriöser Wissenschaftler sollte so vorgehen. (Dunkelziffer! Positiver Test ist nicht gleich Erkrankung!). Ich tue es trotzdem mit den Daten vom 29.04.:

AltersgruppeAnzahl Positive TestsAnzahl ToteMortalitätsrate
0 – 479.79380,01 %
5 – 14224.62050,0022 %
15 – 34974.1811370,014 %
35 – 591.273.8493.0670,24 %
60 – 79497.42323.3874,7 %
80+278.37055.92120,1 %
Mortalitätsraten geschätzt auf Basis RKI-Daten

Die grob geschätzten Mortalitätsraten auf Basis der Daten des RKI unterscheiden sich von den Daten aus der Meta-Analyse von Levin. Sie scheinen tendenziell etwas höher, so ganz genau kann man das aufgrund der unterschiedlichen Gruppendefinition aber nicht sagen. nichtsdestotrotz zeigen die Zahlen das gleiche Muster und sind von Größenordnung vergleichbar. Ich denke daher, dass diese Schätzungen durchaus realistisch sind und vermute, dass ich mit en Zahlen des RKI eher eine z hohe als eine zu niedrige IFR schätze, was ganz im Sinne einer Worst Case Abschätzung ist.

Mit der Mortalitätsrate und der Schätzung der Schutzwirkung der Impfung (95%) lässt sich abschätzen, wie viele Menschenleben durch Impfung theoretisch gerettet werden könnten.

Schätzung der geretteten Leben

Für diese Berechnung nehme ich vereinfacht an, dass sich alle Menschen in Deutschland mit dem Virus infizieren. Das ist der theoretische Worst Case. Mehr als alle Menschen können sich nicht anstecken. Dieser Fall ist unrealistisch und verzerrt das Bild hin zum Negativen und Schrecklichen, weil:

  • Aufgrund von Herdenimmunität und Verbreitungsynamik würden sich nie alle Menschen in Deutschland mit dem Virus infizieren.
  • Die Rechnung staucht die Wirkung auf eine in Sekunden erfassbare Zahl, die sich über Monate oder Jahre entwickeln würde (Seit Beginn der Pandemie haben sich etwas mehr als 3 Millionen von 80 Millionen Deutschen mit dem Virus infiziert).

Zum Vergleich: John Ioannidis (immerhin Professor in Stanford) nutzt in seiner Studie zur Durchführung ähnlicher Berechnungen die Annahme, dass sich 30% bzw. 60% der Menschen mit dem Virus infizieren könnten. Man muss aber dazusagen, dass er sich schon seit Beginn der Pandemie sehr kritisch zu Maßnahmen und Lockdowns äußert und auch seine Forschungsarbeiten diese Meinung widerspiegeln.

Aber jetzt zu den Schätzungen. Ich nehme die Bevölkerungszahlen der jeweiligen Altersgruppe von Ende 2019 und multipliziere sie mit er Mortalitätssrate. Das Ergebnis ist die theoretisch mögliche maximale Worst Case Todeszahl. Diese Zahl multipliziere ich mit 95% und schon ergibt sich die maximale Anzahl an Menschen, die durch Impfung theoretisch gerettet werden könnten.

Zunächst die Zahlen auf Basis der Daten der Meta-Analyse von Levin:

AltersgruppeMenschen in der BRD 2019MortalitätsrateMaximale TodeszahlImpf-Rettungen (95%)
0 – 3430.509.1240,005 %1.5251.449
35 – 4410.198.2360,078 %7.9547.556
45 – 5411.983.5930,26 %31.15729.599
55 – 6412.3850760,87 % 107.750102.363
65 – 748.533.1273 %255.993243.193
75 -847.170.70110,4 %745.752708.464
85+2.783.37036,6 %873.588829.908
Schätzungen auf Basis der Meta-Analyse von Levin

Jetzt die Zahlen auf Basis der RKI-Daten.

AltersgruppeMenschen in der BRD 2019MortalitätsrateMaximale TodeszahlImpf-Rettungen (95%)
0 – 43.961.3760,01 %397377
5 – 147.429.8830,0022 %165157
15 – 3419.117.8650,014 %2.6892.555
35 – 5928.919.1340,24 %69.62866.147
60 – 7918.057.3184,7 %848.989806.540
80+5.681.13520,1 %1.141.2681.084.205
Mortalitätsraten geschätzt auf Basis RKI-Daten

Es ist offensichtlich dass es völlig bescheuert wäre Menschen über 60 nicht schnellstmöglich zu impfen. Punkt. Die Zahlen bilden dass schlimmste denkbare Szenario ab, aber selbst, wenn sich nur 50 % , 30% oder 20 % aller Menschen in Deutschland mit dem Virus infizierten, könnten durch die Impfung hunderttausende Leben gerettet werden. Über die Menschen zwischen 35 und 60 will ich nicht diskutieren. Im Zweifel pro Impfung, Tote verhindern, impfen.

Über die Menschen unter 35 möchte ich reden. Meine Meinung ist klar:

  1. Eine Impfung von (sonst gesunden) Menschen unter 35 ist unverhältnismäßig zum erzielten Effekt
  2. Lockerungen von Maßnahmen sollten beginnen, sobald alle Menschen in Risikogruppen und über 60 geimpft sind

Gesunde, junge Menschen zu impfen ist unverhältnismäßig

Nimmt man die oben gezeigten (Worst Case!!!) Daten könnten 1.449 (Levin-Daten) bis 3.089 (RKI-Daten) Menschen unter 35 durch eine Impfung gerettet werden. In Deutschland gibt es (Stand 2019) 30.509.124 Menschen unter 35.

Anders ausgedrückt: Um ein Menschenleben dank Impfung zu retten, müsste ich mindestens 10.000 Menschen impfen.

Der erscheint mir unverhältnismäßig.

Jedes Menschenleben ist wertvoll und verdient es bewahrt zu werden. Ich möchte nur die Verhältnismäßigkeit von Lebensrettung durch Impfung hinterfragen. Die traurige und bedrohliche Wahrheit ist: Jeder Mensch stirbt irgendwann und es trifft leider auch immer wieder junge Menschen.

2019 starben 10.160 Menschen unter 35. 1249 davon begingen Suizid.

Ich möchte hier unbedingt differenzieren: Ich halte es für wichtig und richtig auch junge Menschen zu impfen, die entweder ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf haben, oder durch ihren Beruf leicht besonders gefährdete Menschen anstecken könnten. Die in Deutschland genutzte Impf-Priorisierung sortiert diese Menschen in die Kategorien 1 bis 3.

Die überwältigende Mehrheit der 30 Millionen Menschen unter 35 in Deutschland fällt nicht in diese Kategorie. Diese Menschen werden eine Infektion mit SARS-CoV-2 mit ca. 99,986 % Wahrscheinlichkeit überleben. Die Wahrscheinlichkeit für Menschen unter 35 an COVID-19 zu überleben, is ziemlich genau so groß, wie die Chance eines durchschnittlichen 14-jährigen seinen 15. Geburtstag zu erleben – also nicht aufgrund irgend einer anderen Ursache als COVID-19 zu sterben. Das nennt man allgemeines Lebensrisiko.

Die Realität der Todeszahlen sieht bisher so aus:

  • Seit Beginn der Pandemie vor mehr als einem Jahr starben 150 Menschen unter 35 Jahren mit COVID-19
  • 2019 begingen 1.249 Menschen unter 35 Jahren Suizid
  • 2019 starben 1.542 Menschen unter 35 Jahren durch Unfälle

Ja, eine Impfung schützt auch vor schweren Krankheitsverläufen. Ja, durch Impfung werden auch LongCovid Erkrankungen junger Menschen verhindert. Die Impfung verhindert nicht nur Tote, sie tut mehr. Genauso leiden junge Menschen aber auch an anderen Umständen. Die Nebenwirkungen und Langzeitfolgen von Maßnahmen und Impfung sollten genauso wenig ignoriert werden!

Maßnahmen müssen gelockert werden – für Geimpfte und junge Menschen

Ich bin von diesen Zahlen als junger Mensch betroffen. Ich akzeptiere und befolge Einschränkungen notgedrungen verliere aber mehr und mehr Verständnis und Geduld für Politik sowie mediale Berichterstattung, Angstklima.

Gerade die Zahl der Suizide berührt mich persönlich, weil ich mich vor etwas mehr als zwei Jahren wegen Suizidgedanken in eine Psychiatrie habe einliefern lassen. Suizid ist für mich keine abstrakte Idee sondern etwas mit dem ich mich sehr konkret beschäftigt habe. Ich weiß daher auch, wie groß der Leidensdruck ist, wie lange die Qualen schon andauern mussten, wenn man überhaupt anfängt ernsthaft über Suizid nachzudenken. Die Tat tatsächlich umzusetzen, statt nur darüber nachzudenken, lässt auf noch viel schlimmeres Leid und Hoffnungslosigkeit schließen.

1.249 Menschen unter 35 haben 2019 in Deutschland Suizid begangen.

150 Menschen unter 35 sind in den letzten 15 Monaten an oder mit COVID-19 gestorben.

Zum Schutz von anderen und (angeblich) auch zum eigenen Schutz vor COVID-19 erdulden mehr als 30.000.000 Menschen in Deutschland unter 35 seit 15 Monaten teils massive Einschränkungen. Sport ist kaum möglich, soziale Kontakte sind eingeschränkt, Schule, Universität, Berufsleben wird stark beeinträchtigt, eine Dauerbeschallung mit Angst findet statt, mittlerweile dürfen sich auch alle Kinder im Land zwei mal die Woche selbst testen.

Ja, COVID-19 ist eine Gefahr an der Hunderttausende oder gar Millionen von Menschen in Deutschland theoretisch, im absolut schlimmsten Fall, sterben könnten.

Aber: Wir haben Impfstoffe. Wir wissen viel über das Virus. Für Millionen von Menschen ist das Virus keine größere Gefahr, als sie es selbst für sich sind – auch ohne Impfung! Es braucht einen klaren, mutigen Paradigmenwechsel.

Aus meiner Sicht müssen alle Maßnahmen zwingend gelockert werden, wenn alle Risikopatienten oder spätestens wenn alle Menschen über 35 geimpft sind:

  • Das Risiko für Menschen unter 35 an COVID-19 zu sterben liegt in der Größenordnung des allgemeinen Lebensrisikos
  • Wenn alle (oder der Großteil) der Menschen über 35 und Risikopatienten geimpft sind, kann sich da Virus nur langsam verbreiten. Das Infektionsrisiko für Menschen unter 35 sinkt auch ohne Impfung drastisch
  • Wenn alle (oder der Großteil) der Menschen über 35 und Risikopatienten geimpft sind, gibt es auch niemanden mehr, den Menschen unter 35 anstecken oder besonders gefährden könnten

Ich sehe in absehbarer Zeit, wenn die dritte Welle abgeebbt ist, und für eine deutlich größere Zahl von Menschen voller Impfschutz besteht keine Gründe mehr noch irgendwelche Maßnahmen aufrecht zu erhalten.

Übrigens: Ich habe mich zur Impfung angemeldet und werde mich impfen lassen. Für meine Gesundheit oder mein Sicherheitsgefühl erwarte ich mir nichts davon. Ich befürchte aber aufgrund der politischen Großwetterlage, dass mein Sommerurlaub ohne Impfnachweis ins Wasser fallen könnte.

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