Ein Brief an Angela Merkel

Seit einem Jahr hadere ich, wie ich mit der Corona-Situation umgehen und meine Meinung zum Ausdruck bringen kann. Meist habe ich geschwiegen, weil ich in keine der Extrempositionen fallen möchte. Ich glaube mittlerweile, dass die einzig sinnvolle Vorgehensweise ist, respekt- und verständnisvoll mit den Menschen in Kontakt zu treten, die Entscheidungen treffen. Genau das versuche ich.

Sehr geehrte Frau Merkel,

ich beneide Sie und Ihre Kollegen nicht, um die schwierige Aufgabe, die Sie seit einem Jahr bewältigen. Bitte lesen Sie diese Nachricht nicht als Vorwurf oder Kritik sondern Stimme eines einfachen Bürger, der versucht einen konstruktiven Weg zu finden die eigene Meinung zu kommunizieren.

Heute morgen habe ich gelesen, dass die Corona-Fallzahlen zum ersten mal seit Wochen im Wochenvergleich wieder gestiegen sind. Das bereitet mir große Sorgen, dass der Lockdown nochmals verlängert oder strikter gestaltet wird.

Ich sitze seit 4 Monaten zu Hause, traue mich nicht Freunde zu treffen, habe eine schlechtes Gewissen, wenn ich mit meinen Kindern in öffentlichen Parks oder auf Spielplätzen unterwegs bin, sitze nur vor dem Computer und arbeite.

Meine Belastungsgrenze ist erreicht, wie auch die meiner Partnerin, mit der sich Streits und Beziehungsstress häufen. In Gesprächen (natürlich Online!) mit Freunden und Kollegen ist die Müdigkeit und das Unverständnis spürbar. Das Interesse an Unternehmungen oder sich etwas zu kaufen geht zurück. Wir horten unser Geld und sparen eben.

Mir reicht es, Ich habe keine Lust mehr auf Lockdown und möchte wieder Freiheit und Perspektive erleben.

Mir geht es gut, ich bin 30, gesund, voller Tatendrang, arbeite in der IT-Branche, meine Partnerin ist verbeamtete Lehrerin. Wirtschaftlich haben wir keine Sorgen. Für viele andere Menschen die in prekäreren Situationen arbeiten und leben, muss die Situation noch deutlich schwieriger sein. Ich beobachte mit Ver- und Bewunderung wie ruhig und konstruktiv diese Menschen politische Maßnahmen mittragen. Ich möchte mit meiner Partnerin eine Familie gründen, aber nicht solange wir keine Perspektive sehen und die Gestaltung unseres Lebens von gemeldeten Virus-Infektionszahlen gesteuert wird.

Ich verstehe die Gefahr, die vom Virus ausgeht, dass Menschen daran sterben und dass jeder einzelne Tod eine Tragödie ist. Ich weiß aber auch, dass der Tod Teil des Lebens ist. Vor 2 Jahren habe ich mit dem Gedanken gespielt Selbstmord zu begehen, war für zwei Wochen in einer Psychiatrie. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod war wichtig, hat mir viele Ängste genommen und Perspektiven eröffnet. Ich habe mich bewusst für das Leben entschieden trotz aller Schmerzen und Gefahren die damit verbunden sind.

Aus dieser Erfahrung heraus leide ich sehr unter dem Lockdown. Ich weiß, dass durch Kontakt mit anderen Menschen das Virus verbreitet wird. Ich weiß, dass ich als junger gesunder Mensch mit sehr großer Wahrscheinlichkeit eine Infektion symptomfrei oder mit milden Symptomen überstehen werde. Die Gefahr ist, dass ich ungewollt andere anstecke, die am Virus sterben könnten.

Ich weiß das alles, ich denke weder quer noch leugne ich Gefahren. Ich möchte dennoch anders als jetzt leben. Ich brauche keinen Schutz vor dem Virus. Ich möchte mich nicht impfen lassen. Im Zweifel wäre ich sogar bereit bei einer eigenen Corona-Erkrankung auf medizinische Betreuung zu verzichten, damit das Gesundheitssystem nicht überlastet wird. Ich weiß welche Risiken ich eingehe und trage die Konsequenzen, weil ich ein erwachsener, mündiger Mensch bin.

Ich möchte meine eigenen Entscheidungen treffen können, wie ich mit dem Virus umgehe. Ich bin gerne bereit Menschen aus Risikogruppen, oder solche die einfach Angst haben, zu unterstützen. Ich trage auch gerne zum Schutz derer bei, die sich selbst nicht schützen können.

Die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung kann sich selbst schützen bzw. entscheiden, welche Risiken sie eingehen wollen. Es wird niemand gezwungen ins Fitnessstudio, ins Restaurant zu einem Konzert oder einer Versammlung zu gehen. Jeder kann selbst entscheiden, welche Risiken er oder sie eingehen möchte. Information gibt es zur Genüge.

Statt in Angst vor einem Virus zu leben, möchte ich kraftvoll und selbstbewusst mit den Gefahren, die diese wunderbare Welt bietet umgehen.

Der Corona-Virus ist nur dieser Gefahren. Jährlich sterben 170.000 Menschen in Deutschland an den Folgen des Rauchens. Mir fehlt mehr und mehr das Verständnis, warum bei diesem Virus so strenge Maßnahmen eingeführt werden, während andere, leicht zu verhindernde Todesursachen geduldet oder nur vorsichtig reguliert werden.

Ich verstehe auch Ihre Position als Politikerin und Kanzlerin, kann mir ausmalen, welche Verantwortung Sie tragen und welchem unmenschlichen Druck Sie ausgesetzt sind. Mit 18 wollte ich selbst Bundeskanzler werden, heute bin ich dankbar, dass es Menschen wie Sie gibt, die diese Bürde auf sich nehmen und ihr Bestes für die Menschen in Deutschland geben.

Ich kenne Komplexität und schwierige systemische Zusammenhänge. Ich weiß, dass es keine perfekte Lösung geben kann. Mit jeder Entscheidung sind Opfer und Nachteile verbunden, die medial ausgeschlachtet werden. Eine extrem undankbare Situation.

Ich weiß nicht, ob diese Nachricht Sie erreicht. Mir ist es wichtig ein mal zu sagen, wie es mir geht, als einfachem Bürger in Deutschland.

Danke für Ihren Einsatz.

Viele Grüße
Sascha Müller

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