Der Mann in der Arena

Ein Zitat, das mich seit längerer Zeit begleitet stammt aus einer Rede von Theodore Roosevelt. Besonders der erste Teil spricht mich an:

It is not the critic who counts; not the man who points out how the strong man stumbles, or where the doer of deeds could have done them better. The credit belongs to the man who is actually in the arena, whose face is marred by dust and sweat and blood; who strives valiantly; who errs, who comes short again and again, because there is no effort without error and shortcoming;”

Vor meinem inneren Auge sehe ich eine Arena im, alten Rom. Oben auf den Tribünen tausende Zuschauer. Unten im Sand der Arena sind Figuren zu erkennen. Ihre Bewegungen scheinen angestrengt, sie fallen, verletzen sich, sie kämpfen.

Die Gäste auf der Tribüne genießen Wein und Feigen, schauen herab, johlen, brüllen und lachen über Fehler und Misserfolge der Kämpfer. Ein Schwall aus Spott und Besserwisserei ergießt sich in die Arena.

Was erleben die blutverschmierten, dreckigen Kämpfer in der Arena, die den Spott der Zuschauer ertragen müssen? 

Müdigkeit?

Wut?

Angst?

Verzweiflung?

Panik?

Hoffnungslosigkeit?

Diese Gefühle steigen beim Einfühlen in den Arena-Kämpfer in mir auf. Spüre ich weiter hinein, überkommt mich ein dunkler Schauer von Schwere und Depression. Ein solch grausames Leben in der Arena kann sich doch kein Mensch wünschen?! Unten im Dreck, verspottet von den Zuschauern oben auf der Tribüne? Eine höllische Vorstellung.

Was aber passiert, wenn die Zuschauer, der Spott, die Arena aus der Vorstellung entfernt werden? Dieser Zaubertrick ist möglich, weil die grausamen Tribünengäste in aller Regel Teil der eigenen Psychodynamik sind. Eine Stimme im Außen wirkt nur, wenn es im Innen ein Echo, eine Instanz gibt, die ihr zustimmt. Ohne Zustimmung im Innen ist jeder noch so beißende Spott eines Anderen zahn- und harmlos. Die schlimmen Stimmen verstummen zu lassen ist ein Zaubertrick der Übung benötigt, sich aber lohnt.  

Denn ist die Tribüne leer und stumm, bleibt ein Kämpfer im Sand – ein Mensch, ein Ich. Immer noch dreckig, immer noch blutverschmiert, immer noch angestrengt. Mit der Befreiung von den inneren Dämonen und Vorstellungen gesellen sich zu Müdigkeit, Wut, Angst, Verzweiflung, Panik und Hoffnungslosigkeit weitere Empfindungen.

Lebendigkeit.

Freiheit.

Hoffnung.

Die Welt und das Leben liegen vor diesem Menschen. Er erlebt Leid – als Teil des Lebens. Er erlebt und schafft Freude, Glück, Entspannung, als Teil des Lebens. Es kann keinen Schatten ohne Licht geben. 

Ich habe diesen Umstand für mich akzeptiert und kann seitdem viel zufriedener leiden und lachen.

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