Das Sozialpsychologische Dilemma von „Black Lives Matter“

Durch den Tod von George Floyd gibt es überall auf der Welt Proteste gegen Rassismus. 

Die Proteste sind gerechtfertigt, bewegen sich aus sozialpsychologischer Sicht jedoch auf einem schmalen Grat. Anschaulich lässt sich das am Leitspruch „Black Lives Matter“ erklären. 

Aus einer Geschichte jahrhundertelanger Unterdrückung, Sklaverei und Ausbeutung, in denen das Leben Schwarzer teils als wertlos betrachtet wurde ist es verständlich, eine Gegenposition aufbauen zu wollen. Zum historischen, grausamen und zu verurteilenden „Black Lives are worthless“, bildet „Black Lives Matter“ den Gegenpol.

Tragischerweise übernehmen Aktivisten damit die grundlegende Unterscheidung der historischen Sklavenhändler und heutigen Unterdrücker. Es ist die Unterscheidung Schwarz – Weiß. Diese Unterscheidung ist der erste Schritt und die Grundlage, ohne die Rassismus nicht existieren kann. Gäbe es die Unterscheidung zwischen Schwarz – Weißen nicht, könnte man aufgrund dieser Dimension auch nicht unterdrücken. 

Sozialpsychologisch betrachtet, wird durch die Aussage „Black Lives Matter“ automatisch eine Gruppe definiert und gegen Andere abgegrenzt. Überspitzt formuliert steht Die Gruppe der schwarzen Opfer der Gruppe der weißen Täter gegenüber. Damit ist die Basis für typische Gruppendynamiken gegeben, die aus der Sozialpsychologie bekannt sind: Die Aufwertung der eigenen Gruppe (Ingroup) und die Abwertung der anderen Gruppen (Outgroups), also Diskriminierung aufgrund von Gruppenzugehörigkeit.

Die tausendfach zitierte Grundlagenarbeit zu Intergruppendynamik leisteten Tajfel und Turner in den 70ern und 80ern. Besonders relevant ist dabei das minimale Gruppen Paradigma. Eine völlig zufällige Gruppen-Unterscheidung reicht aus, um Gruppendiskriminierung zu erzeugen. In der klassischen Studie waren das Jungs, die in einem Ferienlager zufällig in zwei Gruppen geteilt wurden und darauf hin eine lebhafte Rivalität inklusive Streichen und Schmähliedern entwickelten. 

Ein noch drastischeres und älteres Beispiel für Gruppen-Dynamiken ist das Stanford-Prison Experiment. Aus vernünftigen College-Studenten, die zufällig als Gefangene oder Gefängnis-Wärter eingeteilt wurden, entwickelten sich teilweise Sadisten. Die Gefängnis-Wärter fingen mehr und mehr an, die Gefangenen bloß zu stellen, ihnen ihre Identität zu nehmen (durch Uniform, Verhüllung, Nummerierung) und zu quälen. Das Experiment musste abgebrochen werden. Die zufällige Unterscheidung, verstärkt durch Gruppen-Symbolik (z.B. Uniformen) aus, um massive Diskriminierung hervorzurufen.

Erschwerend kommt hinzu, dass ein Opfer-Narrativ Gegengewalt und Abwertung aus der Opfer-Gruppe gegenüber der Täter-Gruppe wahrscheinlicher macht. Ein Teufelskreis entsteht. Mein Religionslehrer sagte dazu mal: „Die Christenverfolgung im Römischen Reich hat erst nach der Taufe Konstantins richtig begonnen.“ 

Dass Gruppenzugehörigkeiten diese Effekte überhaupt entfalten können, erklären Sozialpsychologen damit, dass die Gruppenzugehörigkeit die eigene Identität mitdefiniert. Die Gruppenzugehörigkeit definiert, wer ich bin. Diese Identität muss insbesondere dann verteidigt und durchgesetzt werden, wenn es wenig Anderes gibt, über das man sich definiert. 

Wenn man zur Gruppe der Bayern-Fans gehört, kann man das durch Schals und Trikots ausdrücken, Gleichgesinnte suchen, und Sätze wie „Ich bin Bayern-Fan“ sagen. Die Abneigung gegen 1860-Fans (früher) oder Dortmund-Fans (heute) gehört dann auch dazu. Hier geht es um Fußball und relativ unbedeutende Gruppenzugehörigkeiten. Dennoch ist die Dynamik so explosiv, dass bei den Bundesligaspielen zwischen Bayern und Dortmund große Polizeiaufgebote die Fans voneinander trennen müssen.

Ob man Bayern oder Dortmund Fan ist, kann man sich normalerweise aussuchen, ist nicht mit einer historischen Unterdrückungsgeschichte verbunden und als Merkmal im Alltag kaum erkennbar. 

Bei Hautfarbe und Geschlecht ist das anders. Ohne massive medizinische Eingriffe sind weder Hautfarbe noch Geschlecht änderbar. Beides ist mit jahrhundertelanger Unterdrückungsgeschichte verbunden und im Alltag auf den ersten Blick offensichtlich. Beide Gruppenzugehörigkeiten scheinen auch einen großen Anteil an der eigenen Identität auszumachen. 

Hautfarbe und Geschlecht sind sichtbare, oft bedeutsame und identitätsstiftende Gruppenzugehörigkeiten. Dass es dann zu Diskriminierung und Unterdrückung kommt, ist auf Basis der Ergebnisse mit minimalen Gruppen wenig überraschend. Wenn sich Kinder schon wegen zufällig entstandenen Gruppen im Ferienlager diskriminieren – was kann man dann bei solch bedeutsamen Gruppen-Zugehörigkeiten wie Geschlecht und Hautfarbe erwarten? Die Geschichte der letzten Jahrhunderte gibt die traurige Antwort.

Aus diesen Erkenntnissen lässt sich eine wenig ermunternde Schlussfolgerung ziehen: So lange es Gruppenunterscheidungen gibt und sie von Menschen als relevant für die eigene Identität angesehen werden, solange wird es zu Diskriminierung aufgrund von Gruppenzugehörigkeit kommen. 

Für die anti-rassistischen Proteste ergibt sich daraus eine sehr schwierige Situation. Ohne die Unterscheidung Schwarz-Weiß lässt sich kaum auf das erfahrene Unrecht aufmerksam machen. Die Unrechtsgeschichte ist teilweise auch mit der eigenen Identität verwoben. Solange die Unterscheidung beibehalten wird, wie im Leitspruch „Black Lives Matter“, ist eine Auflösung der Diskriminierung aufgrund der Gruppeneffekte unmöglich. Im Zweifel trägt die Betonung auf „Schwarz“ zur Stabilisierung von Rassismus bei (hier eine Erklärung dieser paradoxen Dynamik am Beispiel Klimawandel).

Ähnliche Erkenntnis hatte wohl auch John Lennon schon und drückte sie in „Imagine“ aus. Der Vision „Imagine all the people living life in peace“ geht eine Auflösung identitätsstiftender Konstrukte voraus, wie:

  • Imagine there’s no heaven
  • Imagine there’s no countries
  • Nothing to kill or die for
  • And no religion too

Hautfarbe lässt sich ohne weiteres auf die Liste setzen. Zur Auflösung von Rassismus muss die Unterscheidung schwarz-weiß irrelevant werden. Das bedeutet, dass Hautfarbe keine Rolle mehr zur Definition der eigenen Identität spielen darf. Das ist eine große Aufgabe für jeden Einzelnen.

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