COVID-19: Lasst die Kinder wieder in Schulen und Kitas

Viele Geschäfte des Einzelhandels und auch Friseure dürfen in Bayern ab 27.04. wieder öffnen. Geschlossen bleiben jedoch Grundschulen, Kindergarten, Kitas – mindestens bis zum 11.05..

Begründet wird diese Entscheidung damit, dass kleine Kinder sich nicht an Regeln zum Infektionsschutz (Mindestabstand, Hygiene) halten können. Kitas und Schulen könnten zu Infektionsschleudern werden. Diese Argumentation ist plausibel und trifft auf viele andere Infektionskrankheiten zu. Bei der Grippe zählen Kinder zur Risikogruppe und müssen vergleichsweise häufiger im Krankenhaus behandelt werden.

Bei COVID-19 sieht die Faktenlage anders aus:

  1. Das Risiko schwerer Erkrankungen ist für Kinder deutlich geringer als für alle anderen Altersgruppen
  2. Es gibt weniger Fälle mit Kindern als man erwarten müsste
  3. Kinder stecken sich nicht bei Kindern an sondern bei Erwachsenen

Auf Basis dieser Datenlage ist es verantwortbar Kindergärten und Grundschulen schnell wieder zu öffnen. Die Nachteile der Schließung überwiegen bei weitem die geringen epidemiologischen Vorteile. 

Das Risiko schwerer Erkrankungen ist für Kinder deutlich geringer als für alle anderen Altersgruppen

Je nach Studie liegt die Sterblichkeitsrate für Kinder (0-19 Jahre) bei 0 – 0,2 %. Die Sterblichkeitsrate steigt stark mit dem Alter, insbesondere ab 60 Jahren an, bis sie ihr Maximum bei bis zu 20% bei Menschen über 80 erreicht. Zu beachten ist, dass statistisch ausgereiftere Studien, die Dunkelziffer (Infektionen ohne Symptome) abschätzen und somit niedrigere Sterberaten erhalten.

Understanding and Interpretation of Case Fatality Rate of Coronavirus Disease 2019 0 – 0,2% Kinder vs. 0.2 – 20% Erwachsene

Estimates of the severity of coronavirus disease 2019: a model-based analysis 0 – 0,08 % Kinder vs. 0,08 – 16,7% Erwachsene

COVID-19 in Children in the United States  0,04% statistische Schätzung des Anteils infizierter Kinder, die im Krankenhaus behandelt werden müssen.

Beachtenswert ist der Fokus der Ergebnisinterpretation der letzten Studio. Hier wird nicht auf die geringe Gefahr für Kinder hingewiesen. Stattdessen wird das schwärzeste Szenario gemalt: Bei schneller Infektion von 50% aller in den USA lebender Kinder könnten die Kapazitäten des Gesundheitssystems!

Es gibt weniger Fälle mit Kindern als man erwarten müsste

Dies ist der wichtigste Punkt. Im Vergleich zum Anteil der Kinder an der Gesamtbevölkerung ist die Fallzahl, die bei Kindern berichtet wird, gering. So machen Kinder beispielsweise mehr als 20% der chinesischen Bevölkerung aus. In der oben zitierten Studie machen Kinder jedoch nur ca. 2% der Fälle aus. Auch in den täglichen Updates des RKI wird klar, dass Kinder weniger häufig infiziert sind als andere Altersgruppen:

Es gibt einfach weniger Kinder die krank / infiziert werden, als Erwachsene, obwohl Kinder vermutlich schlechter Hygiene-Regeln einhalten können! 

Eine Alternativerklärung für die geringe Zahl infizierter Kinder könnte sein, dass die Dunkelziffer (Infektionen ohne Symptome) bei Kindern extrem hoch ist. Dieser Annahme widersprechen die Ergebnisse der Studie zur Verbreitung des Corona Virus in Island. Diese Studie hat zwei besondere Stärken: 

  1. Es gab gezielte Tests mit Personen, bei denen Umstände (Symptome, Kontakt mit Infiziertem, etc.) darauf hinweisen, dass sie infiziert sein könnten
  2. Es gab Zufallstests mit Personen, die weder Kontakt mit jemandem hatten, der infiziert ist und die auch keine Symptome zeigen

Hier die mathematische Modellierung der Anteil der SARS-CoV-2 Positiven nach Alter für die gezielten Tests. Der Zusammenhang ist wichtig, desto älter die Person, desto höher ist der Anteil der Infizierten. Das widerspricht der Dunkelziffer-Hypothese insofern, weil das Risiko für eine Infektion für alle getesteten relativ konstant war. Insofern müsste auch der Anteil der positiv getesteten über Altersgruppen hinweg relativ konstant sein. Das ist NICHT der Fall.

Der Dunkelziffer-Hypothese widerspricht das Ergebnis der zufälligen Tests direkt. Wäre die Dunkelziffer bei Kindern besonders hoch (weil es sehr viele Infektionen ohne Symptome gibt), dann müsste der Anteil der positiven Tests bei Kindern in den zufälligen Tests mindestens genauso hoch sein, wie bei Erwachsenen. Das Gegenteil ist der Fall: Von den Kindern unter 10 Jahren waren 0% infiziert, bei allen anderen waren es 0.8%. Leider berichten die Autoren diese Informationen nicht genauer aufgelöst nach Altersgruppen. 

Diese Daten erhalten besonderes Gewicht vor dem Hintergrund, dass Grundschulen und Vorschulen in Island weiterhin (unter Auflagen) geöffnet sind! Noch mal klar formuliert: Obwohl die Infektionsherde Grundschule und Vorschule offen sind, gab es bei Kindern in der zufälligen Stichprobe genau 0 Infektionen. Keine Spur von Dunkelziffer. Keine Spur von Infektionsherd Schule.

Kinder stecken sich nicht bei Kindern an, sondern bei Erwachsenen

Hier ist die Faktenlage noch vergleichsweise dünn. Ein Artikel im Spiegel stellt aber zwei wichtige Beobachtungen heraus:

  1. Kinder stecken sich vor allem (in mehr als 80% der Fälle) bei Erwachsenen an
  2. Ein infiziertes Kind hat nachweislich keine seiner 172 Kontaktpersonen angesteckt

Die Untersuchung der Übertragungswege bei Kindern ist aus zwei Gründen schwierig.

  1. Bei Infektionen in Familien ist nicht leicht nachvollziehbar, wer wen angesteckt hat. 
  2. Wenn es keine Ansteckung von Kindern an Erwachsene gibt, kann man das anhand der Daten nicht erkennen bzw. ausschließen
  3. Eine Nicht-Ansteckung lässt sich nur experimentell prüfen. Man müsste zeigen, dass Kinder ihre Umwelt nicht anstecken, obwohl man es intensiv versucht hat. Das wird in absehbarer Zeit nicht passieren

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