COVID-19: Ein Drama durch die Angst vor dem Tod

Am 15. April fand die Telefonschaltkonferenz zwischen Bundesländern und Bundesregierung zum weiteren deutschen Vorgehen in der COVID-19 Pandemie statt. Die Ergebnisse und Maßnahmen zeugen von Angst. Mit Angst meine ich Angst vor Toten. Dem Handeln der Politiker liegt die Maxime zugrunde, dass das höchste Gut, das es gibt, menschliches Leben ist. Es soll so wenige Tote wie irgend möglich geben. Dazu wird die einfache Logik „lebendig ist besser als tot“ genutzt. In Homo Deus überspitzt Harari diese Logik und treibt das Gedankenspiel so weit, dass der Tod an sich überwunden werden muss. Der Tod ist dann die Folge von Fehlern. Der Zwang Tote zu verhindern entsteht. Die Frage, die dadurch in den Fokus tritt, ist ob der Tod eintritt oder nicht. Sterben Menschen an COVID-19 oder nicht? Ja oder nein, schwarz oder weiß.

Meinem Eindruck nach, folgen die Maßnahmen der Bundes- und Länderregierungen, sowie die öffentliche Berichterstattung dieser Logik. Dort wo es viele COVID-19 Infektionen und Tote gibt, müssen schwerwiegende Fehler passiert sein. Maßnahmen und Interventionen zielen darauf ab, die Zahl der (Neu-)Infizierten schnell zu senken und damit die Zahl der Toten zu minimieren. In epidemiologischen Begriffen ausgedrückt, ist das Ziel des RKI und des politischen Handelns mittlerweile, die Reproduktionsrate des Virus unter 1 zu drücken. Fällt die Reproduktionsrate unter 1, stirbt die Pandemie langsam aus. Es ist eine Austrocknungsstrategie, die Tote verhindern soll.

Leider ist diese Austrocknungsstrategie fragil und risikobehaftet. Im zuletzt verlinkten Artikel wird dargelegt, dass bei der aktuellen Verbreitungsgeschwindigkeit in einem Jahr ca. 1 Million Menschen in Deutschland infiziert würden. Das bedeutet, dass sich dann noch 80 Millionen Deutsche – mehr als 98% – infizieren könnten. Stirbt die Infektion nicht komplett aus, bleibt nur ein Infizierter übrig, kann jederzeit eine neue Infektionswelle losbrechen. 

Um einen Neuausbruch zu verhindern, müssen bei der Austrocknungsstrategie Sicherheitsvorkehrungen so lange aufrechterhalten werden, bis über Wochen keine neuen Infektionen vorliegen. Das wären im Worst Case Jahrzehnte mit Masken, ohne Großveranstaltungen, eingeschränkter Wirtschaft und 1,5m Mindestabstand. Der Austrocknungsstrategie liegt (mindestens implizit) die Annahme zugrunde, dass Menschen, die sich einmal mit SARS-CoV-2 infiziert haben anschließend immun sind. Ob und wie lange Menschen nach einer Infektion tatsächlich immun sind ist jedoch offen.  

Es dürfte offensichtlich sein, dass eine Rückkehr zum „normalen Leben“, ohne Mundschutz und mit Großveranstaltungen, mit der Austrocknungsstrategie in absehbarer Zeit (dieses oder nächstes Jahr) kaum möglich ist. Die Austrocknungsstrategie setzt ihre Hoffnung voll und ganz auf die Entwicklung eines Impfstoffs. Sobald ein Impfstoff vorhanden ist, kann das Leben wieder losgehen. Wie schnell dieser Impfstoff entwickelt werden kann, wie gut er schützt, wie leicht er sich herstellen lässt, all das steht in den Sternen. Der meist genannte Zeithorizont für die Entwicklung eines Impfstoffs ist: Ende des Jahres oder irgendwann nächstes Jahr. Dann muss der Impfstoff aber noch hergestellt und an 80 Millionen Deutsche bzw. fast 8 Milliarden Menschen weltweit verteilt werden. Das wird dauern.

Allein aus epidemiologischer Sicht bedeutet die Austrocknungsstrategie also ein jahrelanges Balancieren kurz vor der nächsten Pandemie-Welle. Die Auswirkungen auf die Wirtschaft stehen bereits im Fokus der öffentlichen Diskussion. Zwei weitere Problempunkte möchte ich hier ansprechen, aber nicht tiefer darauf eingehen.

  1. Die Austrocknungsstrategie birgt massive Nebenwirkungen und Existenzbedrohungen  für Familien, die Entwicklung von Kindern, sozial Schwächere und Menschen mit wenig Rücklagen
  2. Die Maßnahmen sind in vielen Kontexten nicht umsetzbar – Grundschule oder Kindergarten mit Masken und Mindestabstand? Surreal!

Die Austrocknungsstrategie führt in ein zombiehaftes Leben, bestehend aus Arbeit, Abstand und Angst: Langwierig, fragil, ängstlich, eingesperrt. Das ist für mich ein Horrorszenario, das ich möglichst vermeiden möchte.

Die Austrocknungsstrategie bleibt jedoch so lange alternativlos, wie an der Logik und dem Zwang Tote zu verhindern festgehalten wird. Der Zwang den Tod zu verhindern führt zur schwarz-weißen „Ob“-Betrachtung, die ich anfangs angesprochen habe. Um Alternativen zur Austrocknungsstrategie denken zu können, muss die „Ob“-Betrachtung durch eine „Wie“-Betrachtung ersetzt werden. Nicht „ob“ der Tod (durch Corona) eintritt, sondern „wie“ der Tod (grundsätzlich) eintritt, bildet Ausgangspunkt der Überlegungen. 

Die „Wie“-Betrachtung basiert auf der Untrennbarkeit von Leben und Tod. Die Fragen „Wie möchte ich leben?“ und „Wie möchte ich sterben?“ werden zu ein und derselben Frage. Dadurch kann die Frage „wie“ das Leben während der Pandemie ist – die Lebensqualität – in den Fokus der Diskussion rücken. In der „Ob“-Betrachtung ist die Lebensqualität nahezu irrelevant, weil der Fokus auf dem Verhindern des Todes liegt.

So entsteht Raum für Gedankenspiele die neben Lebensquantität (Anzahl Lebender) auch auf die Lebensqualität (Wie geht es Lebenden und Sterbenden?) betrachten: Was könnte passieren, wenn wir die Ausbreitung der Pandemie nicht aus Angst bremsen, sondern vielleicht sogar beschleunigen? Wie könnten wir damit umgehen, wenn es viele Millionen von Infizierten gäbe, die nicht behandelt werden könnten? Wäre es denkbar, dass Menschen, die schwer an COVID-19 erkranken, auf Behandlung im Krankenhaus verzichten und stattdessen ihr eigenes Sterben gestalten? Ist der Tod begleitet von geliebten Angehörigen, eine Alternative zur einsamen Intubation auf der Intensivstation? Wie können wir uns gegenseitig unterstützen, um mit dem Verlust geliebter Angehöriger umzugehen? Welche Auswirkungen könnte akzeptiertes, begleitetes Sterben auf die Belastung von medizinischem Personal und die wahrgenommene Bedrohlichkeit der Pandemie haben? 

Ich sehe großes Potential in solchen Überlegungen. Voraussetzung für ernsthafte „Wie“-Betrachtungen ist jedoch, sich mit dem eigenen Tod auseinanderzusetzen. Das bedeutet, sich die völlige Auslöschung der eigenen Subjektivität und des eigenen Erlebens genau vorzustellen, dem schwarzen Abgrund des Nichts tief ins Auge zu sehen und zu akzeptieren: Das ist mein Schicksal. Die Übung dem Tod ins Auge zu sehen und ihm freundlich zuzulächeln ist eine, die bis zum Ende des Lebens dauert, aber jeden Tag leichter wird. Diese Übung hilft aber auch herauszufinden, wie das eigene Leben und Sterben gestaltet werden soll. Auch durch die Erwägung von Selbstmord und die Beschäftigung mit dem eigen Tod weiß ich, wie ich mein Leben leben möchte: Klar, frei und kraftvoll – dafür nehme ich ein Risiko verkürzter Lebenserwartung in Kauf. An manchen Tagen gelingt das auch schon. 

Auf Basis dieser Grundüberzeugung schaue ich auch auf die COVID-19 Pandemie. Ich bevorzuge eine kurze, ungebremste, grausame Pandemie gegenüber längerem Siechtum mit vielen Einschränkungen aber wenigen Toten. Lieber dem Schrecken des COVID-19 Todes tief in die Augen schauen und ihn durchstehen, als sich in der eigenen Wohnung und hinter Masken verstecken – aus Zwang oder Angst vor dem Tod und einer neuen Infektionswelle. 

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